Drag Race auf dem Tempelhofer Feld (Quelle: rbb / Steven Meyer)
Bild: rbb / Steven Meyer

Übers Tempelhofer Feld und durch die Hasenheide - Wettlauf in High Heels auf der Landebahn

Die Berliner Dragqueens Pansy und Gieza Poke sind nun auch Sportveranstalterinnen: Am Dienstagabend organisierten sie einen Laufwettbewerb der etwas anderen Art. Teilnehmen durften nämlich nur Menschen in Drag und High Heels. Von Steven Meyer

Dienstagabend, Tempelhofer Feld: Eine Traube an Menschen versammelt sich gegen 19 Uhr, um die blonde Dragqueen Pansy im pinken Tutu auf Rollerblades zu sehen. Umgeben ist Pansy von vielen Dragkünstlerinnen und -künstlern. Sie greift zum Mikrofon, begrüßt alle und weist sie an, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

50 Meter Strecke und am Ende wartet ein Preis

Während es sich bei der beliebten US-amerikanische Castingsendung "RuPaul’s Drag Race" um einen Wettbewerb für Dragqueens handelt, nehmen die Berliner Queens den Begriff "Race" wörtlich und veranstalten mit dem Event "An Actual Drag Race" einen richtigen Wettlauf, und zwar bereits zum dritten Mal in diesem Jahr. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen im Drag-Outfit laufen und High Heels tragen. Die Strecke ist ungefähr 50 Meter lang und der Gewinn ist ein Geldpreis.

Drag Race auf dem Tempelhofer Feld (Quelle: rbb / Steven Meyer)
Bild: rbb / Steven Meyer

Nach wenigen Minuten kommen aber bereits Mitarbeiter des Ordnungsamts und wollen die unangemeldete Veranstaltung beenden. "Rennt los", schreit Pansy den Teilnehmenden auf Englisch zu, und ein Haufen Menschen in Drag und in High Heels folgt dieser Aufforderung. Doch der Lauf zählt nicht, er soll kurzerhand wiederholt werden: "Wir verlegen alles in die Hasenheide, folgt uns", ruft Pansy hinterher.

Die Dragkünstlerinnen Pansy und Gieza Pokesind sind seit Jahren in der queeren Community Berlins aktiv. Pansy rief Veranstaltungen wie die jährliche Wahl zur Miss Kotti ins Leben und beide veranstalteten bis zur Corona-Krise wöchentliche Dragshows in der Karaokebar Monster Ronson’s. Beide Shows sind aktuell sozusagen in Quarantäne und finden nur online statt.

Das Rennen ist nur eine Minutensache

Hunderte Menschen machen sich vom Tempelhofer Feld nun auf den Weg Richtung Volkspark Hasenheide. Weiter geht es auf der Friedensallee, auf der sich schnell wieder viele Zuschauerinnen und Zuschauer versammeln. "Wir mussten aufgrund des Patriarchats das Feld verlassen", scherzt Pansy.

Dann geht es auch schon los, sechs Menschen in Drag, die zwar nicht mehr so zahlreich sind wie noch auf dem Feld, begeben sich in Startposition und rennen los – alle in High Heels. Nach wenigen Minuten ist das Rennen auch schon vorbei. Gewonnen hat jemand mit blonden Haaren, schwarzer Speedo, Jacket und schwarzen High Heels. Anschließend folgen Auftritte der Dragqueen Lola Rose und Fannie Hedäk und des Dragkings HP Loveshaft.

Drag Race auf dem Tempelhofer Feld (Quelle: rbb / Steven Meyer)
Bild: rbb / Steven Meyer

Sichtbar und mit ganz viel Abstand

In den letzten zwei Jahren ging der Lauf über die Warschauer Brücke, vor den Dragshows im Monsters Ronson’s. Das Ganze fand während der Pride Week um den Christopher Street Day statt. Die gab es in diesem Jahr wegen der Coronakrise aber nur digital und auch die Clubs sind weiterhin geschlossen - also mussten die Drag-Performerinnen sich etwas anderes einfallen lassen. Das Tempelhofer Feld schien da die beste Lösung zu sein: Alles ist weithin sichtbar und die Abstandsregeln können auch eingehalten werden.

"Ich dachte, es sei lustig und wichtig, für eine zufällige, wunderschöne Explosion queerer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu sorgen", sagt Pansy zu dem Laufwettbewerb. "Das Tempelhofer Feld und die Hasenheide sind beliebte öffentliche Räume, in denen eine zufällige und schöne Veranstaltung wie unser Rennen das Potenzial hat, für viel Freude zu sorgen."

Ein Ende auf Befehl

Lauf und Show sollen für Sichtbarkeit sorgen - aber sie haben auch einen ganz praktischen Zweck. Immer wieder geht eine Dragqueen durch das Publikum und sammelt Trinkgeld. "Diese Künstlerinnen und Künstler haben in den letzten Monaten wegen der Krise nichts verdient, also gebt was immer ihr könnt", weist Pansy immer wieder an.

Pansy will den Dragrace nicht mit den illegalen Partys gleichgesetzt sehen, die hier in der Hasenheide stattfinden: "Wir buhen im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen in der Hasenheide die Polizei nicht aus, tragen unsere Masken und nehmen unseren Müll später wieder mit", erklärt die Drag ihrem Publikum.

Die Polizei steht schon nach dem ersten Auftritt hinter der Menschenmenge bereit, lässt die Veranstaltung aber vorerst weiterlaufen. Nach ungefähr dreißig Minuten greifen Polizeibeamtinnen und - beamten dann doch noch ein und beenden die Dragshow.

Auf ihrer Instagram-Seite zieht Pansy dann trotz des abrupten Endes ein positives Fazit: "Wir waren einfach so kraftvoll sichtbar und unglaublich freundlich."

Sendung: Radioeins, 29. 7. 2020, 11.40 Uhr

Beitrag von Steven Meyer

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5 Kommentare

  1. 4.

    Sehe ich genauso.
    Natürlich ist es wichtig sich gegen Diskriminierung in allen Facetten einzusetzen. Aber bei den Bildern und dem Text hatte ich im Hinblick zu der Berichterstattung “Illegale Partys in der Hasenheide“ das Gefühl, dass beim RBB mit zweierlei Maß gemessen wird.

  2. 3.

    Mit den wenigen Fotos gewinne ich zumindest den Eindruck, dass die meisten Zuschauer beim Dragqueen-Rennen Masken trugen: soweit ich aufgeschnappt habe, ganz im Gegensatz zum Feiervolk in der Hasenheide. - Nicht vorwiegend zur Klärung dieser Frage, sondern aufgrund des sicher gehobenen Unterhaltungswerts vermisse ich jedenfalls bewegte Bilder der Wettkampfveranstaltung.

  3. 2.

    Was ich sofort erkenne kann, sind Zuschauer die sich überwiegend vorbildlich verhalten, indem fast alle ihre Schutzmasken tragen. Schon daran besteht der kleine, aber deutliche Unterschied zu den illegalen Partyjüngern. Zudem wird auch eindeutig im Artikel über die Müllbeseitigung hingewiesen. Noch ein Unterschied zu den Dreckspatzen. Zuletzt gesehen in der Hasenheide. So gesehen finde ich diese recht ungewöhnlich sportliche Leistung einfach Cool;-)

  4. 1.

    Oha, man erkennt die Differenzierung in der Darstellung durch den rbb-Reporter: hier gute Massenveranstaltung, nachts in der Hasenheide schlechte Massenveranstaltung. Vielleicht verfolgen die Veranstalter in der Meinung des Berichtenden Moralisch verschieden zu wertende Ziele? Die Fotos sehen jedenfalls ähnlich aus. Vielleicht kommt man in der Politik und den Medien mal auf die Idee, dass wir konzeptlos durch die Pandemie irren? verbotsorientierte Strategien werden wir nicht durchhalten und ein Impfstoff ist wohl nicht in Sicht.

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