Mehrere Frauen der USPD tragen im Januar 1919 Transparente (Bild: dpa/AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung)
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Audio: rbbKultur | 29.06.2020 | Sigrid Hoff | Bild: dpa/AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung

Die Ärztin Käte Frankenthal - Sie war eine der ersten Kämpferinnen gegen Paragraf 218

Skandal im Berlin der 1920er Jahre: Die Ärztin Käte Frankenthal verteilt kostenfrei Verhütungsmittel und kämpft gegen den Abtreibungsparagrafen. Die Berlinerin gehört zu den ersten Ärztinnen Deutschlands – und hat bis heute das Zeug zum Role Model. Von Sigrid Hoff

"Ich bin eine jüdische, intellektuelle Sozialistin – dreifacher Fluch!": So beginnen die "Lebenserinnerungen einer Ärztin", die Käte Frankenthal, Jahrgang 1889, im amerikanischen Exil verfasste. Nicht besonders hervorgehoben hat sie den Nachteil oder Fluch, wie sie selbst sagt, als Mädchen zur Welt gekommen zu sein. Der Weg in die akademische Ausbildung war für Frauen ihrer Generation noch steinig. Die zweite Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Kiel, muss sich ihr Medizinstudium mühsam erkämpfen, gegen den Widerstand der Eltern und in einer latent antisemitischen Umgebung.

Der Vater war im Vorstand der jüdischen Gemeinde von Kiel. "Mit 16 Jahren teilte ich alles Misstrauen und alle Unsicherheit der jüdischen Kreise", bekennt sie in ihrer Autobiografie. Käte setzt durch, dass sie das Abitur machen kann. Sie will Ärztin werden, Vorbild ist der Hausarzt der Familie. 1909 beginnt Käte Frankenthal als eine der ersten Frauen in Deutschland ein Medizinstudium. Gleichzeitig wird sie bekennende Sozialistin - vermutlich über einen Kontakt zur sozialistischen Studentengruppe.

An der Uni wird sie zur Sozialistin

Prägend ist für sie eine Situation im Hörsaal. Die Zeichnerin Elke Renate Steiniger hat die Lebensgeschichte von Käte Frankenthal in einem Comic mit dem Untertitel "Eine streitbare Ärztin" visualisiert. Ein Blatt zeigt eine Szene im Hörsaal, die für Frankenthal prägend war: Ein an Tuberkulose erkrankter Jungen liegt auf dem Tisch, der Professor fragt den Studenten, wie er die Heilungschancen des Kindes beurteilt. "Der Student sagt arglos: sehr gut", erzählt die Zeichnerin die Szene nach. "Doch der Professor sagt: falsch. Seine Aussichten sind schlecht, die Eltern sind arm, die Ernährung des Kindes wird nicht ausreichen. Dann zeige ich Käte Frankenthals Gesicht, wie sie in dem Moment eine politische Position einnimmt, die Zusammenhänge sieht und zeitlebens nicht mehr aus den Augen lässt."

Während des Ersten Weltkriegs engagiert sich Käte Frankenthal als Militärärztin in Österreich, danach geht sie nach Berlin an die Charité. Im Berlin der Weimarer Republik, wo sie Mitte der 1920er Jahren eine eigene Praxis eröffnet, trifft sie immer wieder auf prekäre Verhältnisse. Die Medizinhistorikerin Susanne Doetz: "Die Tuberkulose war ein ganz großes Problem damals in Berlin, es gab Fürsorgestellen, gleichzeitig war die wirtschaftliche Lage schwierig. Frankenthal beschreibt, dass sie Menschen mit Hungerödemen gesehen hat."

Box-Training und kurze Nächte

Käte Frankenthal geht ihrer Berufung als Ärztin nach, engagiert sich politisch zunächst in der SPD, hält Vorträge auf Wahlveranstaltungen. Gleichzeitig führt sie das Leben einer emanzipierten Frau. "Sie hat auf die Heirat verzichtet", erklärt Historikerin Doetz. "Das hat sie aber nicht davon abgehalten, intime Beziehungen zu Männern zu haben. Für dieses Recht ist sie klar eingetreten." Käte Frankenthal tut viele Dinge, die für eine Frau der Zeit ungewöhnlich sind: Sie boxt, lernt Kampfsport, raucht Zigarre und trinkt Whisky. Im Comic zeigt Elke Renate Steiniger, wie die emanzipierte junge Frau morgens um sechs Uhr durch den Tiergarten reitet und abends nach einer Veranstaltung einem Parteigenossen gesteht, die Nacht werde wohl wieder kurz sein.

Ende der 1920er Jahre wird Käte Frankenthal Fürsorgeärztin im Arbeiterbezirk Neukölln und Stellvertreterin des Stadtarztes. Hier lernt sie das Elend der Arbeiterfrauen kennen, deren Leben von Kinderreichtum, ungewollten Schwangerschaften und illegalen Abbrüchen bestimmt wird. Sie reagiert pragmatisch, verteilt kostenfreie Verhütungsmittel und kämpft gegen den Paragraf 218, der Abtreibungen unter Strafe stellt.

Verhütungsmittel auch für unverheiratete Frauen

Mit ihrem Engagement für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau geht Käte Frankenthal weiter als andere Mediziner. Sie fordert, jede Frau sollte in die Lage versetzt werden, innerhalb einer bestimmten Frist und ohne rechtliche Konsequenzen die Schwangerschaft zu beenden, wie Susanne Doetz, Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der Medizin in Magdeburg, betont. "Gleichzeitig sollten Frauen aber auch darüber aufgeklärt werden, was es für Folgen haben kann." Zudem trat sie dafür ein, Verhütungsmittel auch an nichtverheiratete Frauen zu vergeben. "Das ist für die damalige Zeit sehr fortschrittlich."

Neben ihrer Berufstätigkeit engagiert sich Käte Frankenthal in der Politik, wird Bezirksverordnete und schließlich Abgeordnete der SPD im Preußischen Landtag. Doch dann kommt es im Verlauf der erbitterten Debatten über die Streichung des Abtreibungsparagrafen 218 zum Bruch, sie wechselt 1931 in die Sozialistischen Arbeiterpartei.

Durchschlagen als Eisverkäuferin in den USA

Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, verlässt Käte Frankenthal Deutschland sofort und gelangt über Zwischenstationen 1936 in die USA. Der Anfang dort ist schwer, sie muss sich unter anderem als Eisverkäuferin durchschlagen. Kontakt zu sozialistischen Gruppen in den USA meidet sie. Kurz vor Kriegsende verfasst sie mit anderen Kollegen im Exil eine Denkschrift zum Aufbau des Gesundheitswesens in einem demokratischen Deutschland, die jedoch ohne Nachhall bleibt.

Nach Kriegsende bleibt Käte Frankenthal in den USA, studiert Psychologie, arbeitet als Analytikerin beim Jewish Family Service mit dem Schwerpunkt der Behandlung von Angst. In einem Fazit in ihren Erinnerungen schreibt sie: "Wenn ich mein Leben neu anzufangen hätte, würde ich es nicht ändern. Ich würde den gleichen Beruf wählen, die gleiche politische Tätigkeit, das gleiche freudige Alleinleben." Käte Frankenthal stirbt 1976 hochbetagt in New York.

In 13 Podcast-Folgen stellt rbbKultur Berlinerinnen wie Käte Frankenthal vor, die das Zeug zum Role Model haben. Starke Frauen aus der Geschichte der Hauptstadt treffen auf Politikerinnen, Gender-Aktivistinnen und Künstlerinnen von heute. Denn die letzten 100 Jahre zeigen: Gleichberechtigung gibt es nicht geschenkt. Die Übersicht über alle Podcast-Folgen.

Beitrag von Sigrid Hoff

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5 Kommentare

  1. 5.

    Für alle, die es interessiert, hier der korrekte Link zum im Artikel erwähnten Podcast:
    https://www.rbb-online.de/rbbkultur/podcasts/clever-girls-podcast.html

  2. 4.

    CDU ist halt eine Mittelalterpartei. Deswegen muss man an solchen idiotischen Gesetzen ja festhalten.

  3. 3.

    Frau Hoff: Warum schreiben Sie nicht einfach VORBILD statt Role Model? Muss es immer modisch englisch/amerikanisch sein?
    DerArtikel ist interessant und Respekt vor dieser Frau.

  4. 2.

    Die Geschichte gibt solchen Persönlichkeiten oftmals erst viel später Recht und die Anerkennung, die sie zu Lebzeiten verdient hätten.

    Ich hab großen Respekt vor diesen Menschen, die mehr als nur Widrigkeiten überwinden mussten und mehr als nur einmal Steine in den Weg gelegt bekamen.
    Gern wäre ich auch so eine mutige, durchsetzungsstarke Kämpfernatur. Da ich es nicht bin, bleibt mir nur die Bewunderung dieser Menschen und der Versuch, das Leben entlang eines moralischen Leitfadens zu leben.

  5. 1.

    Interessanter Beitrag -am Problem §218 nagen wir ja noch immer. -Allerdings: warum ROLE MODEL? Vorbild ist doch ein gutes Wort.

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