Symbolbild: Menschen feiern in einem Berliner Park eine Party. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: dpa/Christoph Soeder

Misslungener Festival-Auftakt in Haselhorst - Hürden fürs draußen Feiern in Berlin bleiben hoch

Freiluftpartys zu organisieren kann in Berlin in einen Genehmigungsmarathon ausarten. Weil die Genehmigung fehlte, musste ein Festival in Haselhorst aufgelöst werden. Eigentlich soll es genau dort besonders leicht sein, ein Open Air zu beantragen. Von Vanessa Klüber

Eigentlich gibt es kaum einen besseren Ort für ein Festival als Am Juliusturm 13 in Haselhorst (Berlin-Spandau). Von Freitag bis Sonntag hätte dort das H13-Festival stattfinden sollen, die Polizei löste es jedoch schon am Freitagabend auf.

Die Brache liegt am Spreeufer, drumherum fühlen sich Autohäuser, Lagerhallen und anderes Gewerbe nicht vom Lärm gestört. Am Juliusturm 13 ist gut mit der U-Bahn zu erreichen. Ein Konzept setzt dem Party-Areal noch ein Sahnehäubchen auf: Seit 2015 ist dieser Teil von Haselhorst Testgelände für spontane Freiluftpartys. Das heißt, ohne viel Organisationsaufwand und Geld sollen hier Partys gefeiert werden dürfen. Trotzdem benötigen Veranstalter eine Genehmigung dafür - und die fehlte am Wochenende laut Polizei.

Umweltamt: Genehmigungsantrag erst zwei Tage vor Festivalbeginn eingereicht

Auch nach Angaben des Spandauer Umweltamts fehlte eine Genehmigung. Ein Antrag dafür sei auch erst am 1. Juli, also zwei Tage vor Beginn des Festivals, eingereicht worden, teilte das Amt auf Anfrage von rbb|24 am Dienstag mit. Das Fachamt benötige aber standardmäßig etwa drei Wochen für die Antragsbearbeitung. Dieser Vorlauf sei dem Veranstalter bereits aus dem Vorjahr bekannt.

Außerdem hätten für den Veranstaltungsort Beschwerden vom vergangenen Jahr vorgelegen, "so dass die auf jeden Fall diese damals Betroffenen um Stellungnahme gebeten werden müssen", so steht es in der Mitteilung des Umweltamts.

Festival ging "reichlich schief"

Die Veranstalter "Flausch & Rausch", "Neue urbane Welten" und "Haselhorst 13" haben die fehlende Genehmigung bisher nicht dementiert. Auf Facebook geben "Flausch & Rausch" aber an: "Wir haben alles Mögliche versucht, um auf der sicheren Seite zu sein und "ein legales, den aktuellen Eindämmungsverordnungen entsprechendes Open Air zu ermöglichen."

In der Veranstaltungsankündigung sind eine Reihe von Sicherheitsvorhaben aufgeführt: Namens- und Adresslisten-Pflicht, kein Einlass ohne Ausweis, ein Hinweis auf den nötigen Mindestabstand, eine Teilnehmerbeschränkung auf 999.

Trotzdem ging das Ganze "reichlich schief", wie es auch die Veranstalter kommentieren. Wer Tickets gekauft habe, solle auf weitere Informationen "bezüglich der Ticketsituation" warten.

Entweder waren die Veranstalter anders als sie selbst beschreiben konzeptlos, oder Genehmigungen für Open Air Raves sind selbst für Spandauer Brachen schwer zu bekommen.

Illegale Open Airs

Partyveranstalter hat es auch ohne Corona in den vergangenen Jahren viele Male nach draußen gedrängt, im Zweifel eben illegal, irgendwo versteckt neben der Autobahn, am Wasser, im Wäldchen. Tausende feiern jede Saison illegal draußen, die Clubcommission, Lobby für Berliner Clubs, schätzt rund 30.000 Menschen in jeder Saison.

Meistens entdeckt die Polizei diese nicht genehmigten Partys dann doch, hohe Bußgelder können fällig werden, aber die Partycrew hat dann vielleicht schon ein paar Stunden draußen feiern können. Die Alternative wäre, sich durch einen Genehmigungsmarathon beim zuständigen Bezirk zu kämpfen: Grünflächenverordnung, Müllkonzept, Lärmverordnung, Schanklizenz, Sondergenehmigungen.

Regierungskoalition für Freiluftpartygesetz

Clubcommission e.V. setzt sich deshalb zusammen mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg schon seit Jahren für ein sogenanntes Freiluftpartygesetz ein, das es ermöglichen soll, dass Veranstalter unbürokratisch und schnell Partys im Freien veranstalten können, auf dafür ausgewiesenen Flächen, so wie eben in Spandau.

Auch die rot-rot-grüne Berliner Regierung zeigt Wunsch und Willen für eine solche Gesetzesvorlage, das betont auch immer wieder die Senatsverwaltung für Kultur unter Senator Klaus Lederer (Linke). Die Stadt Bremen dient als Vorbild – ein Freiluftpartygesetz gibt es dort schon seit 2016, 2018 wurde es noch einmal zugunsten von Veranstaltern überarbeitet.

Doch in Berlin ist ein Gesetzesvorhaben dazu irgendwo steckengeblieben. Daniel Bartsch, Sprecher der Senatsverwaltung für Kultur, erklärt rbb|24, dass das Ganze nicht so einfach sei. Es gebe Gesetze und Verordnungen, von Lärm über Grünflächen bis hin zu Straßenland, die aufgeweicht oder verändert werden müssten, auch Anwohner müssten mit einbezogen werden. "Weil es zum guten Ton gehört, ist enge Abstimmung mit den Bezirken notwendig, mit denen das ja dann stattfinden soll", sagt er, "die kann man da ja beim Wünschen nicht außen vor lassen."

Vorstoß von drei Bezirksbürgermeistern

Und außer drei Bezirksbürgermeistern hätte sich kein weiterer einem Vorstoß für die Vereinfachung von Open Airs angeschlossen, so Bartsch weiter. Diejenigen aus Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf (alle drei Die Linke) veröffentlichten Anfang Juni Handlungsabsichten [berlin.de], man wolle Frei- und Grünflächen, Straßen und Plätze und womöglich auch Sportanlagen für Open Airs öffnen, genannt sind Kunst, Theater und Musik. In der Initiative versprechen die Initiatoren, man werde "schnell darüber entscheiden, was möglich ist".

Alle drei Bezirke hätten eine Anlaufstelle im Bezirk, bis zum 30. September um eine "möglichst unkomplizierte, unbürokratische und kurzfristige Bearbeitung von Anfragen für die Ermöglichung von Anfragen bemühen" werde. Sören Benn, Bezirksbürgermeister von Pankow, wird mit den Worten zitiert: "Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, auch zur Rettung der Kunst vor dem coronalen Tod. Licht, Luft und Sonne für die darstellenden Sparten ist ein Gebot der Stunde."

Die Zukunft der Berliner Partykultur steht aber in den Sternen.

"Vielleicht auch mal ein Auge zudrücken"

Laut dem Sprecher für Stadtentwicklung für die SPD im Abgeordnetenhaus, Daniel Buchholz, tun sich die Bezirksämter in der Praxis schwer mit dem Antragstellen. Umso größer sei seine Hoffnung gewesen, dass es wenigstens in Haselhorst klappen könnte. "Deswegen wollte ich mir das Festival selbst anschauen", sagt er - tragisch, dass dies nun nicht funktioniert habe. Für das Freiluftpartygesetz setze auch er sich seit Längerem ein, und in der jetzigen Situation plädiert er dafür, dass Bezirksämter schauen, was auf Plätzen und Brachen möglich ist, auch mal temporär. "Und dann vielleicht auch mal ein Auge zudrücken."

Denn positive Aussichten für Partys drinnen hat die Senatsverwaltung für Kultur derzeit nicht, "leider nein", so der Sprecher Daniel Bartsch.

Beitrag von Vanessa Klüber

11 Kommentare

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  1. 11.

    aber leider nicht an den letzten beiden WE's, ging munter die ganze Nacht, unerträglich...…..,auch versuchen etliche Spinner, denen Google einen falschen Weg durch Laubenpieperkolonien anzeigt, vier befahrene Gleise zu überqueren. Natürlich nicht nüchtern.

  2. 9.

    Hast du Einblick in die Kosten- und Einnahmestrukturen dieser Veranstaltung? Oder wie kommst du zu dem Urteil, dass es sich hier um eine reine Kommerzveranstaltung gehaltelt hätte?

  3. 8.

    Zuerst behaupten, sie hätten alle Anträge eingereicht und dann kommt raus, dass sie das eben doch nicht gemacht haben. Wer sich nicht an die ihm bekannten Regeln hält, darf halt nicht feiern. So einfach ist das. Und das finde ich auch sehr gut so - die Regeln sind schließlich aus gutem Grund da. Und von dem Zudrücken von Augen halte ich in der aktuellen Situation überhaupt nichts. Haltet euch einfach an die Regeln, dann dürft ihr auch Party machen. Kann ja nicht so schwer sein!

  4. 7.

    Glauben Sie etwa, dass Ihr Vorname einmalig ist?

    Ich gebe der anderen Heike inhaltlich recht.

  5. 6.

    Suchen Sie sich doch bitte einen anderen Nicknamen um Ihre Kommentare zu schreiben. Oder ist es der Neid der Besitzlosen?

  6. 5.

    Oh Gott was für erbärmliche spießbürger hier, ihr wart bestimmt schon alle alt geboren oder hattet eine sehr traurige Jugend.

  7. 4.

    In Kladow gibt es noch Felder, wo sich die ganzen Party-spinner auslassen können. Direkt in Spandau brauchen wir dieses nicht mehr.

  8. 3.

    in einem Waldstück Wuhlheide Nähe S Bahnhof Karlshorst finden jedes Wochenende illegale Rave Partys statt von Freitag bis Sonntag Abend durchgehend. Ständige Ruhestörung, Vermüllung, Vandalismus auf den Heimweg sind die Folgen davon. Wir rufen jetzt jedes mal die Polizei die zum Glück die Veranstaltungen beendet und räumt so lange bis der Veranstalter kotzt und sich eine neue Lokation sucht. Wir haben kein Verständnis für solche illegalen Veranstaltungen.

  9. 2.

    Viele sprechen von Party oder Rave, niemand vom Kommerz. Es ist ja nicht so, dass diese Events für lau zu haben sind. 999 Eintrittkarten sind der Vor-, lauwarme Getränke zum drei- bis vierfachen Preis der Beigeschmack. Wenn Feiern Anwohner und Nichtzahler nerven, nennt sich die Party Geschäftemacherei auf Kosten Anderer. Es ist schon lange merkwürdig Einnahmekonzepte mit Kultur zu verwechseln. Techno steht da nicht allein.

  10. 1.

    Bitte nicht die städtischen Grünflächen für Party- und Raveveranstaltungen öffnen. Die Schäden durch (Groß)Veranstaltungen in den Parks ziehen immer wieder längere Schließungen von großen Arealen nach sich. Wenn die Schäden überhaupt behoben werden. Negative Beispiele: Tiergarten, Görlitzer Park, Hasenheide.

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