Illustration Berliner Totentanz in der Marienkirche in Mitte. (Quelle: rbb/Silke Mehring)
Audio: rbbKultur | 30.06.2020 | Silke Mehring | Bild: rbb/Silke Mehring

Ungewöhnliche Stadtführung - Auf den Spuren der Seuchen in Berlin

Corona – eine noch nie dagewesene Situation? Ein Berliner Historiker hat in den Zeiten von Pest, Pocken und Cholera verblüffende Parallelen zur Gegenwart entdeckt. Silke Mehring hat seine Tour zu den dazugehörigen Orten Berlins mitgemacht.

Unsere Zeitreise beginnt in der Nähe des Alexanderplatzes. Im Eingangsbereich zur Marienkirche führt sie gleich ins tiefe Mittelalter. Tour-Guide Bernd Gutberlet zeigt auf eine farbige, mehrere Meter lange Illustration – eine Nachbildung des Berliner Totentanzes. Das Original des Kunstwerks wartet noch auf seine Restaurierung.

Es ist der einzige noch erhaltene "Totentanz" in Deutschland. Entstanden Ende des 15. Jahrhunderts, als die verheerenden Pestwellen schon ein Viertel der Berliner Bevölkerung dahingerafft hatten. Der Totentanz besteht aus einer Reihe von 60 Figuren aller Stände, zwischen ihnen tanzt der Tod – abgemagert und nackt, von einem weißen Totengewand umhüllt.

Parallelen zu heute

Der Totentanz aus dem Mittelalter ist ein Mahnmal der Sündhaftigkeit der Menschen, denn die Pest galt als Strafe Gottes. Dass Ratten den Erreger in sich trugen und über Flöhe auf die Menschen übertrugen, wurde erst Jahrhunderte später entdeckt. Gutberlet erzählt uns ein verblüffendes Pendant zur heutigen Situation: Während nach dem Ende der Lockdowns Corona-Partys gefeiert werden, grassierte während einer heftigen Pestwelle eine Geschlechtskrankheit – ein Hinweis auf ausufernde Feste im Angesicht des Todes. Dafür sprechen auch die so genannten "Tanzwuterscheinungen" im 15. Jahrhundert, während der die Menschen tanzend durch die Straßen zogen.

Auch Einschränkungen und wirtschaftliche Auswirkungen gab es schon im 15. Jahrhundert: "Man hat in Berlin Schulen geschlossen, Märkte und Jahrmärkte verboten, Kneipen und Trinkstuben zu gemacht. Das öffentliche Leben, aber auch der Handel kamen zum Erliegen." Gleichzeitig versuchten viele zu verheimlichen, wenn sie pestkrank waren, denn sie brauchten die Einnahmen.

Kapelle des Heilig-Geist-Spitals in Mitte. Dort wurden in den 90er Jahren bei Ausgrabungen Massengräber entdeckt. (Quelle: rbb/Silke Mehring)

Uralte Massengräber

Bernd Gutberlet spricht durch ein Schutzvisier aus Plexiglas. Eine Handvoll Zuhörer begleiten seine Tour mit Mund-Nasen-Schutz. Wir laufen zu einem der ältesten Gebäude Berlins, der Heilig-Geist-Kapelle in der Spandauer Straße. Das rote Backsteinhaus aus dem 13. Jahrhundert steht noch, früher war die Kapelle Teil eines Spitals. Bei Ausgrabungen wurden uralte Massengräber gefunden, ein Zeichen dafür, dass man der vielen Toten im Mittelalter nicht mehr Herr wurde.

Es fühlt sich merkwürdig an, auf einem Boden zu stehen, unter dem Massengräber gefunden wurden. Wir gehen schweigend weiter Richtung Museumsinsel. Ich denke darüber nach, was uns Bernd Gutberlet gerade vom Mittelalter erzählt hat. Dass es auch zu Pestzeiten Quarantäne gab: Pestkranke wurden isoliert, Pesthäuser gekennzeichnet – und wenn die Pest in einer Stadt wütete, durften die Händler nicht mehr ein- und ausreisen. Und es wurden Sündenböcke gesucht: "Den Berliner Juden wurde vorgeworfen, sie hätten die Brunnen vergiftet, obwohl alle aus denselben Brunnen tranken. Es kam damals zu einer massiven Welle von Judenverfolgungen."

Mit jeder Pandemie hat die Medizin dazu gelernt

Am Berliner Dom angekommen, erfahren wir, dass auch dort etwas an frühere Seuchen erinnert: In der Hohenzollerngruft, die gerade saniert wird und deshalb geschlossen ist, liegen die Überreste vieler Pockentoter – mit einer erschreckenden Besonderheit: "Jede Menge kleine Särge, jede Menge Prinzen und Prinzessinnen. Die Pocken haben auch vor Königskindern nicht Halt gemacht", erzählt Gutberlet.

Um die gefürchteten Pocken zu bekämpfen, investierte Friedrich Wilhelm I. viel Geld in die Ausbildung von Militärärzten. Davon profitierte auch die Bevölkerung. Am heutigen Lustgarten lag damals der erste botanische Garten Berlins. Er wurde zur Forschung an Heilkräutern genutzt.

Bernd Gutberlet, Historiker und Tour-Guide. (Quelle: rbb/Silke Mehring)
Bild: rbb/Silke Mehring

Erste Impfung

Zur Behandlung von Pocken, erzählt Gutberlet, wurde im 19. Jahrhundert zum ersten Mal eine Impfung eingesetzt – am Anfang noch mit menschlichen Pockenerregern: "Das war noch sehr gefährlich - und umstritten. Viele Menschen hatten das Gefühl, es sei eine widrige Sache, weil man sich mit einem Krankheitserreger infizieren lässt. Es gab damals zum ersten Mal massive Impfgegnerbewegungen."

Unsere kleine Gruppe flaniert am Hegel-Denkmal in der Dorotheenstraße vorbei, während unser Stadtführer verrät, dass der Philosoph mutmaßlich an Cholera starb - die nächste große Seuche der Geschichte. Um die rankten sich im 19. Jahrhundert wilde Verschwörungstheorien: "Die Symptome für Cholera ähneln denen einer Arsenvergiftung. Weil Arme besonders betroffen waren, klagten sie an: Die Reichen wollen uns alle vergiften. In Ostpreußen gab es einen Cholera-Aufstand gegen die Maßnahmen, die damals getroffen wurden, weil sich die Armen davon betroffen fühlten."

Ausbreitung in beengten Wohnverhältnissen

Wir laufen erhitzt und mit schwerer werdenden Füßen weiter durch die Berliner Mitte, bis unser Tour-Guide in der Gartenstraße stehenbleibt. In Mietshäusern haben hier arme, oft arbeitslose Berliner mit mehreren Familien in winzigen Unterkünften gehaust. Wegen ihrer beengten Wohnverhältnisse und der schlechten Hygienezustände waren sie in den 1830er Jahren besonders schlimm von der hoch ansteckenden Cholera getroffen. "Das wohlhabende Berlin hat sich darüber empört, wie die Leute hier wohnen, hat aber nicht darüber nachgedacht, woher die Bedingungen kommen", so Gutberlet. Auch hier sieht er Parallelen zu heute. "Neukölln, Friedrichshain, Schlachthöfe, wo sogar ein Ministerpräsident sagt: Die haben das ja eingeschleppt."

Die medizinische Forschung an Pandemien führte zu bahnbrechenden Erkenntnissen: Der Berliner Arzt Robert Koch entdeckte die Tuberkulose- und Cholera-Erreger und machte damit den Weg frei für Gegenmaßnahmen. Rudolf Virchow erkannte, dass medizinische Krankheitsbilder auch etwas mit Lebensbedingungen zu tun haben. Das führte zu Veränderungen bei der Wasserversorgung und der Kanalisation – und letztlich zum Sieg über die Cholera.

"Berlin hat sich immer gut geschlagen"

So zieht Bernd Gutberlet am Ende der dreistündigen Seuchen-Tour ein positives Fazit: "Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber man kann bei allem Schrecken und bei allen Ängsten mit dem Blick in die Geschichte sagen: Berlin hat sich immer gut geschlagen, und wir werden auch diese Pandemie überleben und wir werden gestärkt aus ihr hervorgehen."

Beitrag von Silke Mehring

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7 Kommentare

  1. 7.

    Tut gut, diesen klaren und informativen Text zu hören. Wichtig für alle Verschwörungsfanatiker! in diesen Coronazeiten! Danke dafür!

  2. 6.

    Ich finde das interessant, und ich nehme Corona ernst, aber es ist nicht die Pest. Das sollte man erwähnen wenn man solche Vergleiche anstellt. Die Lungenpest hat unbehandelt eine Letalität von beinahe 100%, behandelt bis zu 15%. Bei Corona scheint die Sterblichkeit unter 5% zu liegen, wenn auch höher als die 1% der Influenza.

  3. 5.

    Guter Beitrag, wir schaffen das!

  4. 4.

    Habe die Tour bereits mitgemacht und kann nur sagen: klasse Führung durch Bernd Ingmar Gutberlet mit vielen Parallelen zu heute und einer ganz anderen Ein- und Ansicht von Berlin. Für Berliner und Nicht-Berliner ein unbedingtes Muss!

  5. 3.

    Gefällt mir sehr gut der Kurzbericht.

  6. 2.

    Sehr interessant, Ihr Tour-Zusammenfassung, eine gute Idee historische Parallelen zur aktuellen Lage zu finden. :)

  7. 1.

    Oh, sehr interessant. Und die Erkenntnis ist: trotz Wissenschaft und Bildung haben sich die Menschen im Umgang mit derartigen Phänomen scheinbar nicht entwickelt.

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