Symbolbild - Ein Mann kommt aus einem Geschäft, an dessen Türen die Corona-Abstandsregeln vermerkt sind (Bild: dpa/Frank Hoermann)
SVEN SIMON
Audio: Inforadio | 16.07.2020 | Lennart Garbes | Bild: SVEN SIMON

Begriffe einer Pandemie - Sprache und Corona - Präzision, Politisierung und gefühlte Wirklichkeit

Nie in jüngerer Vergangenheit hat ein einziges Thema unsere Sprache so beeinflusst wie das Coronavirus. Neue Wörter sind dazugekommen, alte haben eine neue Bedeutung bekommen. Einige Begriffe sind in der Krise zum Mythos geworden. Von Lennart Garbes

 

Corona. Krise. Existenzangst. Sterblichkeit.

Am Anfang steht die Sprachlosigkeit. Wie soll man eine Bedrohung beschreiben, die man nicht einmal sehen kann, die der Menschheit aber trotzdem eine Verletzlichkeit aufzeigt, die eigentlich nicht mehr für möglich gehalten wurde - vor allem in den Teilen der Welt, in denen mit Geld eigentlich alles gelöst werden kann?

Seit Beginn der Pandemie versuchen wir mit neuen Wörtern und alten Wörtern mit neuer Bedeutung die aktuelle Krisensituation zu erklären. Parallel zum Anstieg der Infektionszahlen ist auch der Corona-Wortschatz stetig gewachsen. Aber was sagen wir wirklich, wenn wir über die Corona-Pandemie sprechen?

Desinfektionsmittel. Atemmaske. Einweghandschuh. Exponentialfunktion.

Auf die erste, schockierte Suche nach Worten folgt der verbale Verteidigungsreflex - entweder mit Kriegsrhetorik "im Kampf gegen das Virus" oder mit möglichst erschlagendem wissenschaftlichen Fachvokabular.

Begriffe wie Exponentialfunktion oder Reproduktionszahl wurden gleich zu Beginn der Pandemie prominent, sagt Alexander Geyken, Lexikograf bei der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. "Das waren Begriffe aus der Zeit, als wir alle sehr alarmiert waren und jeder wissen wollte, wie sich die Pandemie auf uns auswirkt.“

Sollte das Virus zurückgehen, werden auch diese Wörter wieder in den Hintergrund treten, vermutet der Sprachwissenschaftler. Gemeinsam mit seinem Team hat Geyken ein eigenes Corona-Glossar auf der Internetseite des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache erstellt mit allen Begriffen rund um die Pandemie.

Insgesamt 233 Wörter sind dort mittlerweile verzeichnet – inklusive alter und neuer Begriffserklärung. Enthalten sind dabei auch eine ganze Reihe von Kompositionen, wie sie nur die deutsche Sprache ermöglicht.

Coronaabitur. Coronaferien. Coronaradweg. Coronaparty. Coronasünder.

Auffällig findet der Lexikograf, dass es beim Umgang mit der deutschen Sprache während der Pandemie immer wieder verschiedene Synonyme für denselben Sachverhalt gibt.

„Ich kann Proteste gegen die Restriktionen neutral als Corona-Demo bezeichnen. Ich kann sie aber auch als Hygiene-Demo bezeichnen.“ Je nachdem welches Synonym verwendet wird, wird damit auch eine Aussage getroffen über die Person, die sie verwendet und über die Zuschreibungen, die diese Person macht, sagt der Sprachwissenschaftler.

Auch in der Corona-Pandemie geht es also darum mit sprachlichen Mitteln politische Deutungshoheit zu erlangen. Wie heikel das Ringen um die richtigen Worte in der Krise ist, zeigen dabei auch die beiden Begriffe, die vielleicht immer mit der Corona-Pandemie in Verbindung stehen werden.

Lockdown. Social Distancing.

Den Lockdown hat es zumindest in Deutschland bisher nicht gegeben. Anders als in Italien oder Spanien gab es hier nie eine komplette Ausgangssperre. Ähnlich verhält es sich auch beim Social Distancing. Es gab zwar die Vorgabe physisch Abstand voneinander zu halten. Sich sozial – also gesellschaftlich – zu distanzieren oder gar asozial zu werden, sollte aber nie Teil der Schutzmaßnahmen sein.

Es sind Mythen um diese Wörter entstanden. Sie zu verstehen, hilft uns zu verstehen, wie wir uns unsere neue Wirklichkeit erklären. Sie zeigen aber auch die schwierige sprachliche Balance zwischen Präzision, Politisierung und gefühlter Wirklichkeit in der Krise.

Beitrag von Lennart Garbes

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16 Kommentare

  1. 16.

    Aber liegt auch im Auge des Betrachters:
    Ich durfte über Wochen sämtlichen Aktivitäten, die mein Leben ausmachen, nicht nachgehen.
    Ich wurde auch 2x derart rüde von einer Parkbank gescheucht, was ich unmöglich fand.
    Dann gibt es die Gruppe, die den finanziellen Lockdown erlebt hat und jetzt beim Psychologen sitzt.
    Und dann haben wir noch die Lockdown-Opfer in der 3. Welt, die keiner sehen will.
    Wenn für Sie Lockdown eingesperrt bei Kerze und Brot heißt, dann hatten wir keinen Lockdown. :-)

  2. 15.

    Selbst von diesem "Betretungsverbot" gab es zahlreiche Ausnahmen, z. B. zum Einkaufen, um Sport zu treiben (!), Lebens- oder Ehepartner zu besuchen etc. Also nix mit Bamen ...
    Ein wirklicher LOCKDOWN sieht ganz anders aus.

  3. 14.

    Das kurzzeitige sog. Betretungsverbot bedeutete nicht, dass man keinen Fuss auf öffentlichen Grund setzen durfte, sondern sollte Ansammlungen von bspw. touristischen Gruppen etc. verhindern. Es gab eine ganze Reihe Ausnahmen von dieser Regelung.

    https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege/brandenburg-kontaktverbot-ausgangsbeschraenkung-ausnahmen-erlaub.html

  4. 13.

    Also, in Brandenburg gab es ein BETRETUNGSverbot. Heißt, man durfte nicht den öffentlichen Grund betreten. Der beginnt vor der Haustüre auf dem Gehweg. Ab da ist er überall.

    Wer sich nicht beamen konnte, hat klar einen lockdown gehabt. Auch, wenn sich niemand daran gehalten hat, weil vereinzelt doch noch Leute gearbeitet haben...

  5. 12.

    Nein, eben nicht, was Deutschland betrifft. Wir waren, was mich mehr als froh macht, weit entfernt davon,
    unsere Gesellschaft auf die absolut notwendigsten Funktionen zu begrenzen. Vielleicht empfanden Viele das bei uns schon als ein Zurückfahren auf das Nötigste, was zeigt vielleicht, dass wir einen hohen Lebensstandard haben bei uns. Das ist ja auch ok so. Bei einem Lockdown aber geht ausser - sprichwörtlich - Gas Wasser Strom so gut wie nichts mehr. Wir verlieren schon seit lange vor Corona immer mehr an sprachlicher Trennschärfe: Es ist doch - Entschuldigung - jeder Mist schon gleich der Hammer-Mist, der absolut ultimative Mega-Mist. Oder der absolut ultimative krasseste fette Mega-Hammer-Mist.

  6. 10.

    Natürlich gab es einen Lockdown.
    Das Runterfahren des gesellschaftlichen Betriebes auf das Notwendigste.
    Das nachweislich völlig sinnlose und verschlimmernde Einsperren von Menschen in Südeuropa war hilflosen Regierungen und unverantwortlicher Panikmache der Medien geschuldet.
    O

  7. 9.

    Nein, das gab es nicht. Eher einen shut down für etliche Bereiche. Aber auch ein Teil der Politiker, der Presse und alle möglichen Leute plappern alles nach, können kein Englisch obwohl sie gerne Anglizismen verwenden. Das kann man alles nicht ernst nehmen..grösstenteils nur Gefasel und Geplapper. Meine Lieblingsredewendung zur Zeit ist "allerhöchste Priorität" . Das kommt in jeder Nachrichtensendung als Zitat von irgendwem vor. Was ist höher ...am allerhöchsten....als eine Priorität. Mit dieser Verwendung möchte man signalisieren man würde wirklich wirklich handeln und hat doch nur eine weitere Floskel benutzt.

  8. 8.

    Wäre es nicht verständlicher in richtiger deutscher Sprache zu kommunizieren und für die, die kein deutsch können zu übersetzen? Die "Gendersprache " machts auch nicht gerade besser.

  9. 7.

    Abstand zu Menschen ist aber assozial, auch wenn in den Medien gerade das Gegenteil behauptet wird
    Und wenn wir uns von Kranken dann fernhalten, sind wir dann doch assozial, oder was?
    Wir sollen uns auch von Gesunden fernhalten - weil sie krank sein könnten.
    Sollen wir hustenden Obdachlosen den Euro geben oder nicht?
    Corona ist zur Kampagne für Leute geworden, deren afrühere Ideologien verpufft sind.
    Alles was durch den Lockdown zerstört wird, wird als Jammerei und Antitum deklariert.
    Das Entstehen neuer Wörter ist da echt das geringste Problem.

  10. 6.

    Na das wäre doch mal ein Thema für nen Absacker wie sich die Alltagskommunikation den Bedingungen anpasst. Beschwerliche Umstände werden bei uns Deutschen ja zur Erleichterung oft locker umschrieben. So wird aus dem Mund-Nasen-Schutz die Schnutenwindel, Gespräche unter der Maske werden gerne mit einer Art Gebärdensprache ergänzt oder Brillenträger stochen oft im Nebel durch ihre beschlagene Brille. Gibt schon einige neue Arten von Kommunikation derzeit.

  11. 5.

    Also mir gehen am meisten diese ganzen Amerikanismen auf den Zünder. Wir haben so eine schöne Sprache - die muss man nicht verunstalten. "Social Distancing" - wtf - ich entferne mich auf sozialer Ebene von jemanden. Das geht gar nicht. Ein "Physical Disdanzing" wäre imho treffender. Die Sache mit den zwei Körpern eben - oder eben nur "Abstand bitte". Wenn Deutsch, dann wird es gleich übertrieben - Maske hat was brutales. Warum nicht Munaschu oder Schnutenpulli. Die ganze Angelegenheit, wenn es jemanden möglich ist, nüchtern und sachlich betrachten. Es gibt viele Gefahren, die man nicht sehen kann. Eine davon hat sich nun gezeigt und ist verdamt real. Etwas "Humor" schadet nicht. Ich fand die Zeit ohne Carola auch schöner.

  12. 4.

    Die deutsche Sprache hat in den letzten Jahren sehr gelitten. Ganz schlimm ist die sogenannte "Gendersprache" (Als ob die etwas an den Zuständen ändern würde. Dazu muss sich die Gesellschaft ändern.) Da macht es die "Coronasprache" auch nicht besser. Als Dolmetscherin und Übersetzerin und auch als Frau bin ich nur noch entsetzt.

  13. 3.

    In Deutschland gab es keinen Lockdown?

  14. 2.

    " Gewöhnen wir uns an die neue Normalität "

  15. 1.

    Es wäre nett,wenn auch die Medien wieder in unserer Muttersprache kommunizieren.

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