Menschen laufen auf der Museumsinsel durch den Säulengang vor der Alten Nationalgalerie (Quelle: DPA/Wolfgang Kumm)
Audio: Inforadio | 08.07.2020 | Sigrid Hoff | Bild: DPA/Wolfgang Kumm

Empfehlungen von Wissenschaftsrat - Stiftung Preußischer Kulturbesitz droht radikaler Umbau

Sie verwaltet Schätze wie das Unesco-Welterbe auf der Museumsinsel oder das Gedächtnis des Landes in Form der Berliner Staatsbibliothek: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist eine Mega-Institution - und sollte zerschlagen werden, empfiehlt ein Expertengremium.

Der größten deutschen Kulturinstitution droht das Aus. Die von Bund und Ländern getragene Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll zerschlagen werden. Der Wissenschaftsrat empfiehlt die Auflösung der Berliner Dachorganisation von Museen und anderen kulturellen Einrichtungen. Zuerst hatte die Wochenzeitung "Die Zeit" über ein 278 Seiten starkes Papier berichtet, in dem der Rat seine Vorschläge zusammenfasst.

Die Vielzahl der Institutionen führten zu einer "strukturellen Überforderung" der Stiftung, heißt es im Entwurf. Einrichtungen drohten "teilweise den Anschluss an aktuelle Entwicklungen und Debatten zu verlieren, auch und insbesondere in internationaler Perspektive".

19 Museen, unbezahlbare Schätze, Millionen Besucher

Im Koalitionsvertrag hatte die aktuelle Bundesregierung aus Union und SPD festgeschrieben, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz "strukturell an die Anforderungen eines modernen Kulturbetriebs mit internationaler Ausstrahlung" anzupassen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beauftragte entsprechend den Wissenschaftsrat mit der Evaluation, der Bund und Länder in Fragen inhaltlicher und struktureller Entwicklung von Wissenschaft, Forschung und Hochschulen berät.

Zur Stiftung mit rund 2.000 Mitarbeitern gehören die Staatlichen Museen Berlin, deren 15 Sammlungen mit 4,7 Millionen Objekten an 19 Standorten präsentiert werden, die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv, das Ibero-Amerikanische Institut und das Staatliche Institut für Musikforschung.

Der Etat der 1957 gegründeten Stiftung sieht für das Jahr 2020 fast 336 Millionen Euro an Ausgaben vor. Neben Einnahmen (2019: 28,6 Millionen Euro), Drittmitteln (20,4) und Spenden (1,5) kommen nach einer Vereinbarung von 1996 die Mittel für den Sockelbetrag von etwa 123 Millionen Euro vom Bund (75 Prozent) und Ländern (25 Prozent). Der Länderanteil wird jenseits des Sockels vom Land Berlin gesichert.

Die Museen besuchten im vergangenen Jahr fast 4,2 Millionen Menschen, davon allein knapp 3,1 Millionen die Häuser der Museumsinsel wie dem Pergamonmuseum, der Alten Nationalgalerie oder dem Neuen Museum mit der Nofretete. Die Staatsbibliothek verzeichnete 887.000 Besuche.

Aufbrechen, um wieder effizienter zu werden

Das Gutachten sieht vor, vier eigenständige Organisationen zu gründen für Staatliche Museen, für das Institut für Musikforschung, die Staatsbibliothek, das Geheimes Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut. Dafür soll es jeweils eine unabhängige Leitung mit Personal- und Budgetverwaltung geben. Erwartet wird dadurch mehr Effizienz und Eigenständigkeit bei Schwerpunkten wie Forschung und Bildung.

Mitarbeiter bezeichnen Bericht intern als "Bombe"

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, dass der Bericht von Mitarbeitern intern als "Bombe" bezeichnet wird. Denn eine Aufteilung hätte gravierende Konsequenzen für die Leitung der Stiftung unter ihrem Präsidenten Hermann Parzinger. Seit zwölf Jahren hat er dieses Amt inne. Bei einer Aufteilung wäre es genau wie weite Teile der Hauptverwaltung überflüssig.

Die wissenschaftliche Kommission empfiehlt, die föderale Struktur weitgehend aufzulösen. Der Bund soll Staatsbibliothek, Staatsarchiv und Ibero-Amerikanisches Institut tragen. Die Staatlichen Museen sollen Bund und Berlin finanzieren. Die Gesamtzuständigkeit läge weiterhin beim Bund. Gleichzeitig fordert der Wissenschaftsrat die künftig nicht an der Finanzierung beteiligten Länder "mit allem Nachdruck auf, die frei werdenden Mittel für andere gesamtstaatliche Aufgaben im Kulturbereich zu verwenden".

Hermann Parzinger, Präsident die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Quelle: DPA/Gregor Fischer)Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Für die Studie wurden die Leitungs- und Finanzstruktur der Stiftung untersucht, sowie die Funktionsfähigkeit der Museen, Archive und Bibliotheken analysiert. Dabei ging es auch um Strategien bei Digitalisierung und Forschung.

Grütters bezweifelt, dass alle Empfehlungen umgesetzt werden können

Einige Pläne des Wissenschaftsrates werden jedoch vielleicht nicht realisiert. "Möglicherweise werden nicht alle Empfehlungen 1:1 umgesetzt werden können", sagte Grütter der Nachrichtenagentur DPA in Berlin, "aber ich sehe bei allen Beteiligten eine große Offenheit und Bereitschaft, sich gut begründeten, auch weitreichenden Veränderungen zu stellen".

Grütters vergleicht Stiftung mit schwerfälligem Tanker

Zu Einzelheiten wolle sie sich nicht äußern, bevor das Gutachten nicht vom Wissenschaftsrat verabschiedet worden sei. Hinter der Evaluierung stehe "der Wunsch, mehr als 60 Jahre nach Gründung der Stiftung eine fundierte Analyse ihrer heutigen Struktur und ihrer Arbeit zu erhalten, aber auch Erkenntnisse über Probleme und Veränderungsbedarf zu gewinnen". Es gehe darum, Empfehlungen für Modernisierungen und Reformen "aus der Hand einschlägiger Experten zu bekommen". Das Gutachten sei "Ausgangspunkt und Chance für einen langfristigen substanziellen Reformprozess", sagte Grütters.

Für den kommenden Montag hat der Wissenschaftsrat eine Pressekonferenz angekündigt, an der auch Grütters und Stiftungspräsident Hermann Parzinger teilnehmen sollen. In der Vergangenheit hatte die CDU-Politikerin die Stiftung bereits mit einem Tanker verglichen, der sich nur schleichend und schwerfällig fortbewege.

Sendung: Abendschau, 08.07.2020, 19.30 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Scheint, die von einigen Kreisen ausgerufene "Kulturrevolution" (das erinnert mich da doch schon an China, die in den 40ziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ihre Vergangenheit tilgen wollten, um etwas "Besseres" zu schaffen)macht auch hier nicht halt. Da hilft es auch nicht, wenn man die ehrbaren Mauern des Alten Museums als Fläche für anbiederne Pamphlete benutzt.

  2. 7.

    Wenn eine Stiftung bei Millionen Besuchern trotzdem hunderte Millionen Euro Steuergelder an Subventionen im Jahr braucht ist was Grund falsch.

  3. 6.

    Groß ist nicht gleich schlecht. In den USA gibt es eine Riesen-Museumsorganisation mit Strahlkraft.

  4. 5.

    Da ist ja schon fast sowas wie der Preußenschlag gegen dem Otto Braun seine Regierung, bloß diesmal nicht in die Politik, sondern in die Kultur.
    PS Man muss sich ja an das sprachliche Niveau beim RBB anpassen - damit das dort auch einer versteht und dann auch freischalten kann.

  5. 4.

    Eben. Genau das ist der Punkt. Um nichts anderes geht es. Und dafür genügt dann auch eine Literaturwissenschaftlerin als Gutachter.

  6. 3.

    An den m.M. nach guten Besucherzahlen kann es ja wohl nicht liegen. Aber mit der "Zerschlagung" könnte man ja das Wort "Preussen" gleich mit loswerden. Das passt ja dann auch zur momentanen Hysterie.

  7. 2.

    „Die Museen besuchten im vergangenen Jahr fast 4,2 Millionen Menschen, davon allein knapp 3,1 Millionen die Häuser der Museumsinsel wie dem Pergamonmuseum, der Alten Nationalgalerie oder dem Neuen Museum mit der Nofretete.“

    Das tut weh. An allem kann ich mir gewöhnen, bloß am Dativ nicht.

  8. 1.

    Ein Expertengremium, welches von einer Literaturwissenschaftlerin geleitet wird.

    Sollte man dazu noch erwähnen, den Rest kann sich jeder selbst denken.

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