Das Bode-Museum spiegelt sich in der Spree; © dpa/Christoph Soeder
Audio: rbbKultur | 14.07.2020 | Nikolaus Bernau | Bild: dpa/Christoph Soeder

Kommentar zur Reform der Preußen-Stiftung - "Es ist eine vertane Chance"

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll aufgelöst und reformiert werden, empfiehlt das Gutachten des Wissenschaftsrats vom Montag. Das opulente Papier benennt aber nicht die eigentlich Schuldigen des größten Kulturkombinats der Welt, sagt Nikolaus Bernau.

Wenn in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Mitarbeiterin eine gute Idee hat, muss sie ihr Projekt erst beim Chef der Abteilung, dann bei der Generaldirektion, in diversen Wissenschaftsbeiräten, in der Hauptverwaltung, beim Präsidenten der Stiftung, beim Stiftungsrat, vor der Kulturstaatsministerin und eventuell sogar im Bundestag verteidigen.

Übermäßige Zentralisierung und exzessive Gremienkultur als Kreativitätsbremsen – die Preußen-Stiftung ist ein Paradefall dafür.

Zentrale Probleme nur am Rand gestreift

Deswegen erscheint zunächst vollkommen nachvollziehbar, warum der Wissenschaftsrat fordert: Schluss mit der Stiftung! Zerschlagt sie in vier Einheiten: Museen, Bibliotheken, Archive und Institute.

Doch in dem gewaltigen Gutachten wird selbst das zentrale Problem des Humboldt-Forums sowie des geplanten Forschungszentrums in Dahlem nur ganz am Rand gestreift. Wieso sind die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut so viel besser aufgestellt als die scharf kritisierten Staatlichen Museen? Ist die Stiftung vielleicht doch nur so gut wie ihre Mitarbeiter? Oder sind diese Institutionen einfach besser, weil sich die Politik weniger für sie interessiert?

An den falschen Stellen wird gespart

Das ist nämlich die dritte Lücke im Papier: die Mitverantwortung der Politik in Bund und Ländern für den Status der Stiftung. Der Bundestag bezahlt zwar irrwitzig teure Neubauten wie das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters höchstpersönlich durchgesetzte Museum der Moderne, die "Scheune" mitten auf dem Kulturforum. Aber für Bauunterhalt, Forschung, Putzkräfte, gar Digitalisierung gibt es kaum Geld. Das ist viel hemmender für die Aufgaben der Stiftung als ihr nerviger Zentralismus.

Wer will das in Deutschland?

Faktisch verlangt dies Gutachten die Wiedererrichtung des Preußischen Kultusministeriums unter dem Dach des Bundes. Doch wer will das in Deutschland?

Warum sollten die Länder ihren Zugriff auf die Bundeskulturpolitik aufgeben, den sie jetzt haben? Um einige Millionen zu sparen? So dumm ist kein Bayer.

Warum sollte eine Museumsstiftung, in der das Land Berlin mitmacht, effizienter sein als dessen desaströse Museums- und Bibliothekspolitik?

Wie können Museen, Bibliotheken, Archive und Institute autonomer werden, wenn sie mehr unter Kontrolle der Politik kommen als bisher?

Alle solche Fragen beantwortet das so revolutionär erscheinende Gutachten des Wissenschaftsrats nicht einmal im Ansatz. Es ist eine vertane Chance, weil die Ratgeber der Politik es nicht wagten, den eigentlich Schuldigen am Zustand des größten Kulturkombinats der Welt zu benennen: Die Politik.

Sendung: rbbKultur, 14.07.2020, 07:10 Uhr

Beitrag von Nikolaus Bernau

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2 Kommentare

  1. 2.

    It is interesting that in Paris and in London, each museum institution is a separate organisation. In London, the British Museum, the National Gallery, the National Portrait Gallery, Tate Britain and Tate Modern, and the V&A are five separate organisations. In Paris, Centre Pompidou, Le Louvre, Musee d'Orsay, Musee du Quai Branly are four separate organisations. Maybe it is time to split the museums on the Museum Islands from the Staatlichen museums elsewhere in Berlin?

  2. 1.

    Es wäre nun der richtige Zeitpunkt die Kultur in die Mitte der Gesellschaft zu bringen und von allen Bürgerinnen und Bürgern eine Stellungnahme dazu abzuverlangen. Das könnte im Rahmen einer Kultursteuer erfolgen, nach italienischem Vorbild. Dazu würde auch die Abschaffung der Kirchensteuer zählen. Möchten wir Verantwortung übernehmen? Möchten wir, dass unsere Kultur erhalten bleibt oder nicht? Wer soll das zahlen? Ich oder der andere?

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