Das Gefängnistheater auBruch zeigt im Juli 2020 Shakespeares "Sommernachtstraum" im Volkspark Jungfernheide. (Quelle: Graz Diez)
Audio: Inforadio | 22.07.2020 | Ute Büsing | Bild: Graz Diez

Theaterkritik | "Sommernachtstraum" in der Jungfernheide - Naturwald als Kulisse für Verwandlungszauber

Shakespeares "Sommernachtstraum" ist ein großer Verwandlungsspaß für laue Sommernächte. Das Gefängnistheater Aufbruch zeigt ihn jetzt auf der Freilichtbühne in der Jungfernheide - in einer multiperspektivisch-verspielten Inszenierung. Von Ute Büsing

Noch gilt sie als Geheimtipp, die Freilichtbühne im Volkspark Jungfernheide. Üppiges Grün hat die Theateranlage nach altgriechischem Vorbild fast überwuchert. Von einst, in den 1920er Jahren, 2.000 Plätzen könnten heute auf den abgewirtschafteten Holzbänken noch 150 genutzt werden. Das Gefänfnistheater Aufbruch (Eigenschreibweise: aufBruch) lässt unter Corona-Abstands-Bedingungen nur 70 bis 80 Zuschauer in den natürlich gewachsenen Zauberwald aus Erlen, Birkenpflanzungen, Hainbuchen- und Taxushecken, über dem sich gelegentlich ein Flugzeug vom nahegelegenen Flughafen Tegel bemerkbar macht. Bei den Theaterproben sollen Füchse und Dachse vorbeigeschaut haben.

Auf Corona-Abstand im Zauberwald

Der Wald bietet eine herrliche Kulisse mit toller Akustik für Shakespeares "Sommernachtstraum", ein rasantes Verwirrspiel um Liebe, Lust und Leidenschaft. Es ist ein wahres Traum- und Alptraumdickicht, in das Regisseur Peter Atanassow seine gemischte bunte Truppe aus 16 Ex-Inhaftierten und Schauspiel-Begeisterten schickt. Diesmal ist, anders als sonst beim Freilufttheater von Aufbruch, nur ein von der Haft bereits beurlaubter Freigänger dabei. Die Corona-Sicherheitsmaßnahmen erlauben kein Hin- und Her zwischen Haftanstalt und Bühne. Während der Pandemie hat das Aufbruch-Team den Knast nicht betreten.

Drogenrausch im Alptraumdickicht

Wieviel Droge braucht der Mensch, fragt diese "Sommernachtstraum"-Inszenierung. Shakespeares Zaubertrank, der Liebende in Hassende, Ungeliebte in Geliebte und brave Handwerker in Esel verwandelt, ist hier, angelehnt an Knast-Biografien, harter Stoff. Weißes Pulver, vielleicht Kokain, wie es in einem der vielen Songs heißt. Angestimmt wird auch Märchenhaftes wie "Ein Männlein steht im Walde" und "Hänsel und Gretel". Ein arabischer Darsteller bringt im lila Bauchtanzgewand hinreißend "Habibi" zum Klingen und Para Kiala entlockt seinem pfiffig-verschlagenen Puck, dem Drogen-Drahtzieher im Hipster-Outifit mit Hut, einen afrikanischen Gesang. Para Kiala ist einer der wenigen ehemaligen Gefangenen, die im Theaterbetrieb außerhalb von Aufbruch Fuß gefasst haben. Er spielt regelmäßig am Theater Konstanz. Jetzt treibt er mit seinen doppelbödigen Interventionen den vielstimmigen multikulturellen "Sommernachtstraum" voran.

Das Gefängnistheater auBruch zeigt im Juli 2020 Shakespeares "Sommernachtstraum" im Volkspark Jungfernheide. (Quelle: Graz Diez)
| Bild: Graz Diez

Multiperspektivische Mischung aus Jahrmarkt und Kirche

Trotz Anleihen bei Koltès, Schleef und dem bei Aufbruch-Inszenierungen unvermeidbaren Heiner Müller folgt diese knapp zweistündige Zähmung der Widerspenstigen weitgehend Shakespeare. Einschließlich des Spiels im Spiel, der Handwerker-Klamotte "Pyramus und Thisbe". Diese Handwerker sind für Peter Atanassow ein Sinnbild für die unermüdliche Theaterarbeit von Aufbruch gegen alle inneren und äußeren Widerstände, diese "Mischung aus Jahrmarkt und Kirche".

Seit 20 Jahren arbeitet der Regisseur regelmäßig in drei Berliner Gefängnissen und organisiert mit seinem Team einmal im Jahr eine Freilichtaufführung überwiegend mit Freigängern und Ex-Häftlingen. Während die Knast-Auftritte chorisch-streng durch choreografiert und knallhart in der Botschaft sind, kommen die Open-Air-Aufführungen leichter daher.

Multiperspektivisch-verspielt wirkt auch der "Sommernachtstraum". Die Cowboy-Outfits der Höflinge und von Oberon und Puck erinnern an Al Capone, wobei das Halstuch praktischerweise zum Mund-Nasen-Schutz mutiert. Die als Transvestit angelegte Titania wirkt wie "Babylon Berlin" entsprungen und die roten Wachtürme, von denen aus Elfenkönig Oberon mit dem Feldstecher den von ihm gesteuerten ausufernden Drogeneinsatz überwacht, symbolisieren Knast-Alltag.

Wunsch nach Wiederbelebung des verwunschenen Ortes

Es ist viel hinein gepackt in diesen "Sommernachtstraum", der das wilde Geschehen im Wald vor Athen ins wuchernde Grün einer Freiluftbühne verlegt, die nach 40 Jahren Dornröschenschlaf jetzt vielleicht endlich wach geküsst wird. Das Interesse aus der Nachbarschaft an einer dauerhaften Wiederbelebung des verwunschenen Ortes ist groß, haben die Aufbruch-Macher bemerkt. Alle Vorstellungen des "Sommernachtstraums" auf der Gustav-Böß-Freilichtbühne sind jedenfalls bereits ausverkauft.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Was für eine tolle Idee. Ich wusste überhaupt nicht, dass es in der Jungfernheide eine Freilichtbühne gibt. Und ich fahre da jeden Tag mit der S-Bahn dran vorbei. Danke rbb, das ist für mich echt ein Geheimtipp.

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