Elke Erb © imago images / gezett
Audio: Radioeins | 07.07.2020 | 10:15 Uhr | Bild: imago images / gezett

Interview | Büchner-Preis für Elke Erb - "Oft wirkt es wie ein kindliches Staunen an der Welt"

Mit Elke Erb geht der renommierte Büchner-Preis an eine Lyrikerin, die vielen gar nicht so bekannt ist. rbb-Literaturexperte Thomas Böhm über eine Autorin, deren Werk ihr den Ruf einbrachte, "die Königin des poetischen Eigensinns" zu sein.

rbb: Was macht eigentlich den Georg-Büchner-Preis so bedeutend?

Thomas Böhm: Mit dem Georg-Büchner-Preis wird ein literarisches Lebenswerk ausgezeichnet. Der Deutsche Buchpreis zeichnet etwa einen Roman aus, der Peter-Huchel-Preis den besten Lyrik-Band eines Jahres, also immer nur ein Buch. Der Büchner-Preis jedoch geht an ein Gesamtwerk, und das macht ihn einzigartig. Auch wenn ein Werk kommerziell erfolglos geblieben sein mag - mit dem Georg-Büchner-Preis findet es eine Adelung.

Sprechen wir über die Preisträgerin Elke Erb. Dieser Name ist vielen gar nicht so bekannt. Wer ist Elke Erb?

Elke Erb wurde 1938 in der Eifel geboren. Der Vater blieb nach seiner Kriegsgefangenschaft im Osten, in Halle. Er holte dann die Familie nach. Seit 1949 lebte sie also in Halle, war dann unter anderem Landarbeiterin, Lehrerin, Lektorin im Mitteldeutschen Verlag.

Ab Mitte der 1960er-Jahre war sie dann freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie hat aus vielen Sprachen übersetzt, aus dem Russischen etwa so bedeutende Autoren wie Marina Zwetajewa. Sie lebt jetzt seit langem in Berlin-Wedding und in der Oberlausitz. Über Jahrzehnte hat sie ihr ganz eigenartiges Werk geschaffen, das ihr den Ruf einbrachte, "die Königin des poetischen Eigensinns" zu sein, wie es ein Kritikerkollege zu ihrem 80. Geburtstag formulierte.

Sie wird geschätzt vom Feuilleton genau wie in der Subkultur. Letztes Jahr wies der Kollege Tobias Lehmkuhl in der "Süddeutschen Zeitung" darauf hin, dass Elke Erb die Generation der heute 40- und 50-jährigen Lyrikschreibenden in Deutschland maßgeblich geprägt hat, und deshalb auch mal so langsam den Büchner-Preis verdient habe. Das hat dieses Jahr geklappt.

Was macht denn das Besondere ihrer Lyrik aus?

Was Elke Erb so eigensinnig, so lesenswert macht, ist das Staunen, das sich in ihren Texten finden lässt. Oft wirkt es wie ein kindliches Staunen an der Welt, wie in dem Moment, in dem irgendwas zum ersten Mal gesehen wird. Und zugleich wendet sie sich in ihren Texten gegen alle Arten von Wahrnehmungsmustern. Bloß nichts einordnen, keine Muster bilden, offen bleiben. In ihrem eigenen Schreiben tut Elke Erb das, indem sie oft eigene Texte, meist Tagebuchnotizen, als Inspiration zum Weiterschreiben, zum Umschreiben nimmt. Das sind jetzt natürlich, wie immer bei Lyrik, klägliche Versuche einer prosaischen Erklärung.

Das Werk von Elke Erb umfasst über 20 Bücher. Viele davon sind schon vergriffen. Gibt es eines, dass du als Einstieg empfehlen würdest?

Oh ja. Im letzten Jahr ist der Band "Gedichtverdacht" erschienen. Der Titel zeigt schon die Offenheit gegenüber dem eigenen Schreiben. Ist das, was ich da mache, wirklich ein Gedicht? Das Buch ist erschienen das muss man auch sagen – bei Urs Engeler. Das ist ein Schweizer Verleger, der seit 1996 das Werk von Elke Erb herausgibt. So leidenschaftlich, so überzeugt und eben auch so eigensinnig, dass Urs Engeler sicher auch ein kleiner Teil des Büchner-Preises gebührt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Thomas Böhm sprach Marie Kaiser für Radioeins. Beide moderieren gemeinsam das Radioeins Büchermagazin "Die Literaturagenten". Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol oben im Artikelfoto nachhören.

Sendung: Radioeins, 07.07.2020, 10:15 Uhr

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