"Das Zitronenscheibchen" des niederländischen Malers Jacob Lucacz Ochtervelt. (Quelle: dpa/BSTGS)
Bild: dpa/BSTGS

"Das Zitronenscheibchen" - Warum ein NS-Raubkunst-Gemälde nur unter Auflagen an die Erben zurückgeht

Die Erben des Berliner Bankiers Carl Hagen reagieren mit gemischten Gefühlen auf die Rückgabe eines NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerks. Das Prinzip der Beweislastumkehr gilt nur eingeschränkt. Von René Althammer

Es war ein langer Weg für die Erben des Berliner Bankiers Carl Hagen, bis sie das Gemälde "Das Zitronenscheibchen" des niederländischen Malers Jacob Ochterfelt, das nach ihrer Auffassung einst zum Familienbesitz gehörte, zurückerstattet bekamen. Elf Jahre hat die Auseinandersetzung um das Gemälde gedauert, jetzt hat die "Beratende Kommission für die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter" eine Empfehlung abgegeben: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sollen das Gemälde an Hagens Erben restituieren.

Doch die Freude darüber, dass der durch die Judenverfolgung erlittene Verlust nach nunmehr 82 (!) Jahren endlich wiedergutgemacht wird, ist getrübt. Es seien gemischte Gefühle, die die Familie bewegen, teilt ihr Anwalt Olaf Ossmann rbb24 Recherche mit. Der Grund: Die Rückgabeempfehlung enthält eine Einschränkung. Wenn die Familie sich innerhalb der nächsten zehn Jahre entscheidet, das Gemälde zu verkaufen, soll die Hälfte des Erlöses nach Bayern fließen.

Die Kommission zeigt sich überzeugt, dass das Gemälde nicht wirklich Carl Hagen und seinen Erben gehörte und spricht von einem "ideellen Schaden", den es wiedergutzumachen gelte. Auf diese Weise solle ein Beitrag dazu geleistet werden, "ein Stück historischen Unrechts anzuerkennen und wiedergutzumachen". Zugleich hebt das Gremium hervor, dass aus rein juristischen Gründen kein Anlass für eine Restitution gegeben sei, da sich das Gemälde niemals im "unbedingten Eigentum" des Bankiers befunden habe.

Beweislast wird umgekehrt

Ausgangspunkt der späten Restitution NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunstwerke in Deutschland war die Washingtoner Konferenz 1998. Zu den Grundlagen, auf die sich die Unterzeichnerstaaten geeinigt hatten, gehörte auch, dass bei allen Entscheidungen berücksichtigt werden solle, "dass aufgrund der verstrichenen Zeit und der besonderen Umstände des Holocaust Lücken und Unklarheiten in der Frage der Herkunft unvermeidlich sind“.

Die Umsetzung wurde 1999 in einer sogenannten Handreichung für öffentliche Museen und Sammlungen in Deutschland präzisiert. Doch diese Handreichung ist nur eine Orientierungshilfe, einen rechtlich-verbindlichen Anspruch haben die ehemaligen Eigentümer oder ihre Erben bis heute nicht. Die Fristen der Wiedergutmachungsgesetze sind längst ausgelaufen, wer heute noch auf lang verloren geglaubtes Eigentum stößt, ist dem Wohlwollen der aktuellen Besitzer ausgeliefert.

Allerdings wird in der Handreichung auch festgehalten, dass gemäß der Washingtoner Prinzipien aufgrund der Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse die Beweislast umgekehrt wird. Die Erben müssen also nicht lückenlos mit den entsprechenden Dokumenten und Verträgen belegen, dass ihnen ein Kunstwerk gehörte, sondern der heutige Besitzer muss den Beweis antreten, dass er der rechtmäßige Eigentümer ist, dass es also kein NS-verfolgungsbedingter Entzug war.

Im Fall des "Zitronenscheibchens" war das der Streitpunkt und die Kommission hat mit ihrer Entscheidung dazu beigetragen, dass die Erben in der Beweispflicht gesehen werden. Denn der Weg des Gemäldes ist kompliziert.

Familie musste Kunstwerk für Flucht verkaufen

Das Gemälde war einst als Sicherheit für ein Kreditgeschäft in den Besitz Hagens gekommen. Nachdem das Bankhaus Hagen & Co. von den Nationalsozialisten in die Liquidation getrieben worden war, musste die Familie ihre finanziellen Verpflichtungen quasi über Nacht erfüllen. Eine andere Wahl hatte die Familie angesichts der Verfolgung und der "Judengesetze" nicht.

Anders als viele andere Kunstwerke wurde das "Zitronenscheibchen" aber nicht auf einer der berüchtigten "Judenauktionen" verschleudert, sondern gelangte über "Strohmänner" als Werk "aus arischem Besitz" in den Verkauf, so die Recherchen der Familie. Der Preis, der dadurch erzielt werden konnte, entsprach wahrscheinlich dem Marktwert und half der Familie, die Zwangsabgaben des NS-Regimes gegen die deutschen Juden zu begleichen.

Doch nach deutschem Recht nach 1945 hatten sich die "Strohmänner", die den Verkauf aus angeblich "arischem Besitz" ermöglicht hatten, schuldig gemacht: Sie hatten betrogen, weil die wirklichen Eigentümer verschwiegen worden waren. Eine Straftat, die auch nach 1945 in vielen Fällen strafrechtlich verfolgt wurde. Nur so lässt sich erklären, warum die Erben zuerst einen Rückerstattungsantrag für damals nicht auffindbare "Zitronenscheibchen" stellten und diesen 1950 wieder zurückzogen. Hätten sie auf dem Antrag bestanden, dann wäre offenbar geworden, dass der Verkauf 1938 unter falschen Voraussetzungen erfolgte, die "Strohmänner" von 1938 wären zur Verantwortung gezogen worden. Das, so die Auffassung der Familie heute, wollten die Antragssteller in den 1950er Jahren aber verhindern. Belege, Dokumente fehlen. Sicher ist, dass das Gemälde als Sicherheit für einen Kredit in den Besitz der Familie kam und nur deshalb verkauft wurde, weil die Familie verfolgt wurde und flüchten wollte. Und eine Flucht mit dem Kunstwerk war Juden ebenso untersagt wie der freie Verkauf.

Mit ihren Beschränkungen bei der Restitutionsempfehlung hat die Kommission jetzt dem Prinzip der "Beweislastumkehr" eine tiefe Scharte verpasst. Dass die Vermutungen der heutigen Erben unzutreffend seien und der Eigentumsanspruch nicht bestehe, konnten weder die Bayerischen Gemäldesammlungen noch die Kommission belegen. Dass die Erben aber für zehn Jahre nicht frei, sondern unter Auflagen über das Bild verfügen dürfen, nährt den Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Wie dies mit der von der Kommission behaupteten "Geste der Versöhnung" in Einklang zu bringen ist, dazu antwortete die Kommission auf Anfrage von rbb24 Recherche mit Verweis auf ihre Verfahrensordnung und dem Hinweis, dass es um eine "faire und gerechte Lösung" ginge. Weitere Erklärungen erfolgten nicht.

Beitrag von René Althammer, rbb24 Recherche

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren