Christoph Schlingensief in einer Szene des Kinofilms «Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso» (Quelle: dpa/Tornau)
Audio: Inforadio | 21.08.2020 | Interview mit Aino Laberenz | Bild: dpa/Tornau

Interview | Witwe von Christoph Schlingensief - "Zu stoppen war der irgendwie nie"

Vor zehn Jahren ist der Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief in Berlin gestorben. Seine Witwe, Aino Laberenz, treibt seitdem seine große Vision voran: das Operndorf Afrika in Burkina Faso.

rbb: Frau Laberenz, das Operndorf Afrika war Schlingensiefs Traum. Vor zehn Jahren wurde der Grundstein gelegt. Wie weit ist das Projekt gediehen?

Aino Laberenz: In zehn Jahren ist natürlich sehr viel passiert. Christoph konnte nach der Grundsteinlegung nur ein paar Fundamente sehen. Seitdem ist das Operndorf extrem gewachsen: Es gibt einen realen Ort, eine Schule mit maximal 300 Kindern, eine Krankenstation haben wir 2014 eröffnet. Seit 2015 machen wir ein Austauschprogramm mit Künstlern, die dort wohnen, und vor allem mit Künstlern aus dem afrikanischen Raum in Austausch treten können.

Nimmt das Operndorf die Züge an, die Sie sich gemeinsam vorgestellt haben? Oder wird es mit der Zeit dann doch auch ein anderes Dorf?

Wie das Operndorf in zehn Jahren aussehen sollte, ist eine Frage, die überhaupt nie von Christoph gestellt wurde. Es gab bestimmte Überlegungen, denen wir natürlich nachgegangen sind, also eine Art Plan: dass es eine Schule geben soll, eine Krankenstation. Aber der Grund des Operndorfes ist ja nicht, etwas hinzusetzen wie ein Ufo, und das soll dann bespielt werden. Sondern es ist ein Projekt, das schon im Bau im Austausch mit der lokalen Bevölkerung steht. Es war von vornherein darauf angelegt, dass es sich verändert, beziehungsweise auf sein Umfeld eingehen soll. Daher war es für Christoph ganz wichtig, dass er nicht gesagt hat: Das soll jetzt eine Gedenkstätte werden, oder so und so aussehen. Das müssen die Menschen dort auch mitgestalten.

Das heißt: Dieser Faktor "Was hätte Christoph gesagt?" spielt im Moment keine Rolle. Es geht um eine Vision von ihm. Es geht aber in erster Linie um einen Blick der Menschen, der Künstler vor Ort, die diesen Blick gestalten. Und damit ist man viel näher an seiner Vision als zu versuchen, ihn irgendwie zu imitieren oder zu fragen: Was hätte er gemacht?

Der Regisseur Christoph Schlingensief (r) fotografiert in Burkina Faso neben Francis Kere, dem Architekten des "Operndorfes" (Quelle: dpa/Bogar)
Christoph Schlingensief (r) fotografiert in Burkina Faso neben Francis Kere, dem Architekten des "Operndorfes"Bild: dpa/Bogar

Corona ist ein globales Phänomen, ein globales Virus. Welchen Einfluss hat es auf das Operndorf?

Es ist dort so wie überall im Land. Die ganzen Schulen waren seit Ende März geschlossen, das betraf natürlich auch unsere Schule. Die Kinder sind nicht in die Schule gegangen, nur die Abschlüsse der 6. Klasse haben stattgefunden.

Wir hätten im März unser Kinderfilmfestival gehabt, das wir letztes Jahr gestartet haben. Wir zeigen Filme aus dem afrikanischen Raum im Operndorf, laden Regisseure oder Filmschaffende ein, die sich mit den Kindern unterhalten und Workshops leiten. Das ist alles ausgefallen. Das müssen wir jetzt in den Herbst legen oder ins nächste Jahr. Es kommt ein bisschen drauf an, wie sich das entwickelt.

Es gibt in solchen Ländern eine extreme Angst vor so einer Krankheit. Das heißt, es wird weniger in die Krankenstation gegangen, aus Angst, sich anzustecken. Das bedeutet aber auch, dass andere Krankheiten nicht behandelt werden. Das ist ein weites Feld in solchen Ländern, es trifft sie auf eine ganz andere Art und Weise. Aber Burkina Faso war glücklicherweise kein Land, das es so extrem getroffen hat. Die Zahlen haben sich da einigermaßen gehalten.

Vor zehn Jahren ist Christoph Schlingensief gestorben. Müssen Sie manchmal daran denken, was er heute zur Entwicklung unserer Welt gesagt hätte, wie er reagiert hätte auf das, was wir heute gerade so erleben?

Ja, unbedingt. Also die Frage stelle ich mir wahnsinnig oft, nicht nur, weil es jetzt zehn Jahre sind. Christoph Schlingensief war ein Künstler, der sehr konkret Bezug genommen hat auf sein Umfeld, auf die Zeitgeschehnisse, auf politische, soziale Situationen. Ob das ein konkretes Projekt war wie das Operndorf, das immer auch eine Art Kritik war – in seinem ganzen Werk gab es permanent solche Arbeiten, wo er eingegriffen hat, wo er sich nicht herausgehalten hat aus einem Diskurs, sondern ihn geführt oder auch angestachelt hat. Und ob es das Coronavirus ist, der Rechtsruck, die Flüchtlingskrise oder die Papstwahl: Es gibt sehr viel über die letzten Jahre, wo ich nicht nur denke, was hätte er dazu gesagt? Sondern auch: Was hätte er dazu gemacht?

Er hätte wahrscheinlich einen Weg gefunden, seine Stimme zu erheben, auch wenn es zurzeit für viele Künstler verdammt schwer ist.

Auf jeden Fall. Christoph war jemand, der sich immer bewegt hat, immer verändert hat, seiner Zeit auch durchaus voraus war. Man kann ihn auch nicht als solchen beurteilen, wie er vor zehn, vor 15 Jahren war. Der hätte sich natürlich in den zehn Jahren auch verändert. Ich wäre gespannt, welche Wege er gefunden hätte, weil ich glaube, zu stoppen war der irgendwie nie.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Aino Laberenz sprach Leon Stebe für Inforadio. Der Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Originalinterviews. Dieses können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherfoto nachhören.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Man hätte gern mehr Informationen über das Dorf. Wie werden die Menschen erreicht? Was läuft anders als geplant, was läuft gut? Ist es auf andere Länder übertragbar? Selbst die Afd hat in der Flüchtlingskrise gefordert es solle in Afrika vor Ort etwas gemacht, damit die Menschen nicht mehr fliehen müssen. Aber wer hat vor Ort irgend etwas gemacht, außer dieses Operndorf? Niemand.

  2. 1.

    Ich fand ihn anfangs soooo anstrengend :-) denn es stimmt, "zu stoppen war der irgendwie nie." Und dann kam das mit dem Operndorf, was ich unglaublich klasse fand und nun schaue ich sanft lächelnd darauf zurück und bin froh, dass er nie zu stoppen war, er hatte ja nicht so viel Zeit, und dass er so viel geschaffen und geschafft hat.

    Die 10 Jahre erscheinen unwirklich.
    Gefühlt "kurz" nach seinem Tod also noch einmal mein tiefer Respekt für sein Schaffen. Danke. Er fehlt schon/noch jetzt.

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