Ein in der Ausstellung "Chaos & Aufbruch - Berlin 1920|2020" im Berliner Stadtmuseum gezeigtes Bild, abgerufen am 25.08.20 (Quelle: Stadtmuseum Berlin).
Audio: rbbKultur|25.08.20 | Andrea Handels | Bild: Stadtmuseum Berlin

Ausstellung "Chaos & Aufbruch" im Stadtmuseum - Womit Berlin schon vor 100 Jahren zu kämpfen hatte

Vor fast 100 Jahren wurde Groß-Berlin gegründet. Die Stiftung Stadtmuseum zeigt in ihrer neuen Ausstellung "Chaos & Aufbruch - Berlin 1920/2020", wie rasant sich die Metropole damals veränderte - vieles davon erkennt man in der Gegenwart wieder. Von Andrea Handels

Berlin war eine Stadt mit rund 3,8 Millionen Einwohnern, hatte viele Wohnungssuchende, chaotische Verkehrsverhältnisse - die Parallelen zwischen der Metropole von 1920 und der von heute werden schnell deutlich, wenn man sich die Ausstellung "Chaos & Aufbruch" im Märkischen Museum ansieht. Ab Mittwoch ist sie für Besucher geöffnet.

Groß-Berlin war vor fast genau 100 Jahren durch die Zusammenlegung von Alt-Berlin mit Landgemeinden, Gutshöfen und selbstständigen Städten wie Charlottenburg oder Neukölln entstanden. Die wohlhabenderen Gebiete im Westen standen der Neugründung meist skeptisch gegenüber, manche ihrer Bürger schlossen sich sogar der Initiative "Los von Berlin" an. Ärmere Gemeinden wie Neukölln oder Lichtenberg waren für den Zusammenschluss. Profitiert haben alle, denn am 1. Oktober 1920 begann eine neue Ära, es war Schluss mit dem vorherigen Chaos. "Jetzt werden die Kräfte gebündelt und eine vollkommen neue Stadtpolitik betrieben, die auf einen sozialen Ausgleich hin angelegt ist", beschreibt Gernot Schaulinski die damaligen Umwälzungen, er hat die Ausstellung kuratiert.

Vom Elend in Mietskasernen zum sozialen Wohnungsbau

Berlin war 1920 die Stadt der Mietskasernen, Arbeiterfamilien hausten mit vielen Menschen auf viel zu wenigen Quadratmetern, manchmal sogar in Kellern, es fehlten mindestens 150.000 Wohnungen. Doch dann griffen die Verantwortlichen ein: Genossenschaften wurden gegründet, neue, helle Siedlungen gebaut, sozialer Wohnungsbau hatte Priorität, Privatinvestoren wurden zur Kasse gebeten. Im Themenraum "Wohnen und Baustelle" sieht man in einem Film, wie eine Arbeiterfamilie damals gewohnt hat.

Es gibt dort eine Installation mit alten hölzernen Treppenpfosten, eine Namenstafel eines großen Berliner Mietshauses, Architekturmodelle für das Neue Bauen, Bilderreihen zu den neuen Siedlungen, und auch einen originalen Bruno-Taut-Küchenschrank mit angegliedertem Hocker und Tisch. Die Möbel waren für die Küche in einer solchen Siedlung gedacht. Um die Brücke in die Gegenwart zu schlagen, kann man Interviews mit Vertretern der heutigen Wohnungswirtschaft und des Mietervereins verfolgen.

Eine Familie in ihrer zu kleinen Mietwohnung einer typischen Berliner Mietskaserne Anfang der 1920er Jahre, gezeigt in der Ausstellung "Chaos & Aufbruch - Berlin 1920|2020" im Stadtmuseum (Quelle: Stadtmuseum Berlin).
So wohnte eine Familie damals in einer Mietskaserne - und diese Familie hatte es besser als viele andere Mieter zur damaligen Zeit. | Bild: Stadtmuseum Berlin

Die E-Scooter von damals

Im damaligen Berlin konkurrierten zahlreiche Straßenbahngesellschaften, jede fuhr nur eine bestimmte Strecke, bevor der öffentliche Transport in Groß-Berlin zentralisiert und 1928 die BVG gegründet wurde – auch das ist ein wichtiges Thema der Ausstellung. Sie zeigt den Umbau des Privatverkehrs, die Pläne für eine autogerechte Stadt. Zu der Zeit waren Fahrräder die meistbenutzten Verkehrsmittel, hinzu kamen sogenannte Leichtkrafträder, beide kann man sich in den Räumen ansehen.

Die Leichtkrafträder waren Motorräder, die man ohne Führerschein fahren durfte, die aber einige Probleme mit sich brachten, wie der Kurator Gernot Schaulinski erzählt: "Überall in Berlin ploppen Verleihstationen auf, wo man günstig so ein motorisiertes Gefährt ausprobieren kann und beim Polizeipräsidium stapeln sich die Beschwerdebriefe von Bürgerinnen und Bürgern, die dort von chaotisch umherfahrenden Motorradfahrern gejagt wurden. Da findet man schon starke Parallelen zu den heutigen E-Scootern."

An heute erinnert fühlt man sich auch beim Tempelhofer Feld. Dort waren damals 900 Kleingärten angesiedelt. Als ab 1923 der Vorgänger des bekannten Flughafens gebaut wurde, wurden die Kleingärtner vertrieben – unter großen Protesten und mit intensiver Presseberichterstattung.

"Wo bleibt der große Sprung?"

Der historische Teil der Ausstellung ist in den Kellergewölben des Märkischen Museums untergebracht. In der zweiten Etage werden die Themen dann ins Heute übersetzt. Was haben die Veränderungen von 1920 der Stadt gebracht? Was kann von der damaligen Entwicklung Groß-Berlins für die Gegenwart abgeleitet werden? Oder wie Gernot Schaulinski es formuliert: "Berlin wagte damals den großen Sprung und wir fragen uns heute: Wo bleibt er? Denn wieder leidet Berlin unter Wachstumsschmerzen, unter Veränderungsdruck. Welche Weichen werden jetzt gestellt für die Zukunft?"

Die Ausstellungsmacher wollen nicht nur Rückschau, sondern neue Impulse setzen. Deshalb luden sie junge Kuratorinnen ein, ihre Vision von Berlin 2021 zu bauen, eine raumfüllende Installation namens "Complex City". Lehrende und Studierende des "Natural Building Lab" der TU Berlin beschäftigen sich mit grünem und nachhaltigem Bauen, in einem anderen Raum geht es um Zugehörigkeit und Identität: Ab wann ist man eigentlich eine Berlinerin oder ein Berliner? Muss man hier geboren sein?

Bürger sollen sich einbringen, mitmachen, anschieben

Gelungen ist auch der Raum zum Thema Stadtflucht: Warum verlassen manche Berlin, um aufs Land zu ziehen? Darüber erzählen verschiedene Menschen in einer Medienstation, in deren Mitte man sich stellt. Und immer wieder werden die Besucher aufgefordert ihre Meinung abzugeben, bei Umfragen mitzumachen, Zettel aufzuhängen - ganz im Sinne des Museumsdirektors Paul Spies, der das Partizipative hochhält. Sein Wunsch sei es, dass Bürger "sich eingeladen fühlen, mitzudenken über die Zukunft, natürlich auch über heute. Aber mit Blick auf 1920 hat man einen klaren Blick darauf: Wer hat eigentlich was geschaffen? Das waren Bürgerinnen und Bürger, die gesagt haben, wir müssen was tun. Auch jetzt braucht es das", sagt Spies.

Den Erfolg dieser Ausstellung wird man erst am Ende beurteilen können, sie daran messen, was sie angeschoben hat. Bis dahin lohnt es sich in jedem Fall einfach mal hinzugehen. Am letzten Augustwochenende ist der Besuch kostenfrei.

Beitrag von Andrea Handels, rbbKultur

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1 Kommentar

  1. 1.

    Berlin, dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.
    Karl Scheffler

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