Symbolbild - Im Pierre Boulez Saal sitzt am 04.03.2017 das Publikum (Bild: imago images/Ben Kriemann)
Audio: Inforadio | 14.08.2020 | Maria Ossowski | Bild: imago images/Ben Kriemann

Konzertkritik | "West Eastern Divan Orchestra" - Große Gefühle in kleinem Saal

Vor 20.000 Besuchern spielt das "West Eastern Divan Orchestra" sonst sommers in der Berliner Waldbühne - am Donnerstag durften beim Konzert im Pierre-Boulez-Saal gerade einmal 200 dabei sein. Diese erwartete dafür umso mehr. Von Maria Ossowski

Normalerweise sind die Musikerinnen und Musiker des "West Eastern Divan Orchestra" im Sommer eine andere Berliner Kulisse gewöhnt: Vor 20.000 Besuchern spielt das Orchester unter Daniel Barenboim jeden August in der Waldbühne, ein Klassik-Highlight für alle, Picknick, Wunderkerzen und ein bisschen Schunkelei sind immer dabei. Der Unterschied in diesem Jahr könnte größer kaum sein.

Im intimen Pierre-Boulez-Saal durften am Donnerstagabend nur knapp 200 Gäste Platz nehmen - nicht mal ein Drittel. Die vorderen Reihen blieben leer: Die Nähe zu den Musikern, in diesem Raum eigentlich erwünscht, wäre zu groß. Am 11. März war in Frank Gehrys "Oval" zum letzten Mal Musik erklungen, dann blieb der Raum geschlossen, wie alle Konzertsäle. Und jetzt: eine andächtige Aura, ein ganz besonderer Flair, ein fast heiliger Ernst.

Abkehr von gewohnten Hörmustern

Zu hören ist die "Kammersinfonie für 15 Soloinstrument" aus dem Jahre 1906, Arnold Schönberg hat sie für ein privates, elitäres, spezielles Publikum komponiert. Sie gilt als radikale Abkehr von gewohnten Hörmustern, nur 20 Minuten kurz. Pierre Boulez' "Memorial" für Flöte und Ensemble ist hingegen sehr französisch, eher dem Klang als der Form geweiht.

Und dann - ein Wunder, ein Geschenk in diesen Zeiten: Richard Wagners Geburtstagsgeschenk an seine Frau Cosima, zu ihrem 33. Geburtstag. Das "Siegfried-Idyll". Knapp 50g Musiker, viele aus dem Nahen Osten, aus Israel, den arabischen Ländern, der Türkei, aus dem Iran und Spanien bringen einen satten Sound in diesen kleinen Saal, herrlich melodisch, schwebend, zauberhaft.

Standing Ovations

Beethovens "Große Fuge", später bearbeitet für Streichorchester, haben seine Zeitgenossen als eine beispiellose ästhetische Zumutung empfunden, heißt es im Programmheft. Das "West Eastern Divan Orchestra" trägt, Barenboim sei Dank, alles Revolutionäre dieser Musik mit unglaublicher Energie ins Publikum.

Standing Ovations für die jungen Musiker und den Maestro, der vor 21 Jahren dieses Orchester gegründet hatte. Daniel Barenboim führt das Divan-Orchester voller Elan, mit einer kleinen anschließenden Tournee, unter anderem nach Salzburg - auch durch diese schwierigen Zeiten.

Sendung: Inforadio, 14.08.2020, 7 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

Das könnte Sie auch interessieren