Open Air Kino in der Stasizentrale (Quelle: rbb/Bienert)
Audio: Inforadio | 12.08.2020 | Magdalena Bienert | Bild: rbb/Bienert

Kulturkritik | Open Air-Kino vor der Stasi-Zentrale - Da wo Mielke Honecker empfing, sitzen jetzt Filmzuschauer

Die Stasizentrale in Lichtenberg zeigt bis Anfang September im Innenhof Filme, die sich mit dem Leben in der DDR beschäftigen. Das "Campus-Kino" wurde Dienstagabend mit dem Dokumentarfilm "Der Duft des Westpakets" eröffnet. Magdalena Bienert war dabei.

 

Die untergehende Sonne reflektiert in den goldenen Fensterkreuzen und zeichnet den Betonklotz weich. Hinter der Leinwand ragt der Haupteingang der ehemaligen Stasizentrale empor - das Haus, in dem Stasi-Minister Erich Mielke sein Büro hatte.

Für den Bundesbeauftragten der Stasiunterlagen, Roland Jahn, ist es ein besonderer Abend, den er da eröffnet: "Wenn man in die Gesichter der Zuschauer schaut, hat man den Blickwinkel von Erich Mielke aus seinem Büro und das ist etwas, was mir ein gutes Gefühl gibt: dass die Zeiten sich geändert haben, und dass Revolution stattgefunden hat." Da, wo Befehlsgeber Mielke den DDR Staats- und Parteichef Erich Honecker empfangen habe, wo die Stasimitarbeiter aufmarschiert seien, dort säßen jetzt die Filmzuschauer. Besser kann man Geschichte kaum vermitteln.

Eine Milliarde Westpakete gingen "rüber"

Corona hat die Feierlichkeiten, die zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution und Deutschen Einheit in der ehemaligen Stasizentrale anlaufen sollten, nun nach draußen verlegt. Man sei einfach "ein bisschen durch mit vor dem Bildschirm sitzen und Zoom" oder anderen Formen im digitalen Raum, erklärt Sprecherin Dagmar Hovestädt. Und da Sommer sei, lag die Open Air-Variante nah. So ist in nur vier Wochen das Campus-Kino entstanden, wurden Filmverleiher überzeugt, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Fachleute eingeladen.

Die Mühe hat sich gelohnt: Gegen 19:30 Uhr müssen mehr Stühle dazugestellt werden, rund 200 Gäste sind zum kostenlosen Screening des Dokumentarfilms "Der Duft des Westpakets" gekommen. Die beiden Regisseurinnen Maja Stieghorst und Brit-J. Grundel sowie einige ihrer Protagonistinnen sind anwesend. In 65 Minuten wird ergründet, wie und wonach Westpakete gerochen, oder vielmehr geduftet haben, was manchmal unfreiwillig komisch ist. Auf der anderen Seite zeigt der Film auch, wie viele der 25 Millionen Pakete, die jährlich in den Osten gingen, von der Stasi abgefangen, durchsucht und nicht selten um mitgeschicktes Geld oder andere Inhalte erleichtert wurde - um dann weiterverkauft zu werden.

Bei Stollen, Kaffee und Waschpulver werden Erinnerungen wach

Im Publikum murmelt es öfter Zustimmung, bei einigen werden direkt Erinnerungen an die eigene Vergangenheit in oder außerhalb der DDR wach. Ein Anwohner, der zur Vorführung gekommen ist, erzählt: "Ich bin Westberliner und wir hatten auch eine Freundschaft, die meine Mutter über fünf Ecken übernommen hatte. Denen haben wir auch immer was zugeschickt und die uns Fotos und Infos von sich. Und das berühmte Paket kam dann von drüben zurück als Danke: ein wunderschöner Stollen war drin, wo man sich immer drauf gefreut hat!"

Im Anschluss gibt es ein kurzes Gespräch mit Publikum und Regisseurinnen, die tatsächlich den "Duft des Westpakets" in Form eines Parfums im Innenhof versprühen. Es riecht süßlich nach Schokolade und Gummibärchen, neben einem Hauch von frischer Wäsche.

Fortsetzung nicht ausgeschlossen

Ein gelungener Auftakt des dreiwöchigen Filmfestivals, das nun jeden Dienstag Dokumentarfilme und jeden Donnerstag Spielfilme, wie "Gundermann" oder "Barbara" zeigt. Corona hat diesem geschichtsträchtigen Ort also eine neue Veranstaltung beschert, und womöglich nicht die Letzte dieser Art, sagt Dagmar Hovestädt. Denn "Filme werden ja ganz neu lebendig, wenn man mit der Geschichte derart in Berührung kommt und wenn das gut läuft, darf das gern zum Ritual oder zur Gewohnheit werden.“

Sendung: Inforadio, 12.08.2020, 8:55 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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12 Kommentare

  1. 12.

    wird dem Herrn Genosse Minister gefallen das ihr alle so reges Interesse an uns habt und sogar ein Kino vor unserer Tür aufbaut

    Danke

  2. 11.

    Lieber rbb,
    warum wurde mein Kommentar von heute ca.13 Uhr nicht veröffentlicht?
    Wahrscheinlich weil ich einige positive Dinge (die es auch gab) über den ostdeutschen Staat bekundet habe.

  3. 10.

    Selbstverständlich gab es in der DDR Arbeitslose. Ich war einer davon. So wie ich sind hunderte oder tausende Ostdeutsche - vor allem jüngere - in die Illegalität abgetaucht und haben sich dem System entzogen. Wer erwischt wurde bzw, sich erwischen ließ, konnte als Asozialer verurteilt werden, was auch vielmals geschah. Man konnte in Bruchbunden wohnen, die vom DDR-System aufgegeben wurden. Man konnte mit illegalen Dienstleistungen überleben - jenseits der offiziellen Alltagspropaganda. Letztlich gab es ein massenhaftes Abtauchen ins Private, das letztendlich auch zum Zusammenbruch dieses Systems führte. Ich bin stolz, dass ich ein klein wenig beigetragen habe, damit das DDR-System kollabiert ist. Einen Preis habe ich dafür natürlich bezahlt: Meine Rente ist heute minimalistisch.

  4. 9.

    "Besser kann man Geschichte kaum vermitteln." - Meinen Sie das Lügenmärchen vom Sozialismus und die Ausbeutung der DDR-Bevölkerung auf Sowjet-Anordnung?

  5. 8.

    #paul-Leo, "kostenlose" Krankenversicherung in der alle waren, keine Obdachlosen(Wohngsprobleme durch umfangreiche Wohnungsbauprogramme zunehmend gelöst), keine Arbeitslosen, eine Rentenversicherung in der alle einzahlten, zentralistische Struktur der staatlichen Organe, ein einheitliches Schulsystem und u.a. hat die DDR ein Infektionsschutzprogramm entwickelt aus dem sich unser heutiges "Corona"Infektionsschutzgesetzt Anleihen genommen hat.
    Aber da Hr. Jahn es vorgezogen hat die DDR von "Außen" zu betrachten hat er vermutlich nicht alles mitbekommen, zumindest nicht was gut lief. Und ja auch die Stasi Unterlagenbehörde hat einen Auftrag:
    "Mit seinem Auftrag, die Öffentlichkeit über Struktur, Methoden und Wirkungsweise des MfS zu unterrichten trägt der BStU zur historischen, politischen, juristischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der SED-Diktatur bei. Er fördert die öffentliche Auseinandersetzung mit totalitären Ideen und Strukturen."
    Fazit: es geht um eine einseitige Information über die Aspekte einer Diktatur. Kernaussage : es gibt nichts gutes zu berichten.

  6. 7.

    Die größte Aufgabe bestünde wohl darin, die große DDR und die kleine DDR zu scheiden. Die kleine DDR: die alltäglichen Vollzüge, unkomplizierter und - gewiss auch - anschaulicher und bodenständiger als Verhältnisse, in denen das Klitzekleinste versicherungs- und rechtsanwaltsaffin zurechtgedrechselt werden.

    Die große DDR: Das hier aufragende Gebäude. Parolen an den Häuserwänden, an die letztlich so niemand mehr so recht glaubte, auch diejenigen, die das anordneten, nicht. Parolen, die sich wie Mehltau auf die Verhältnisse legten, ihnen den Atem nahmen.

    Die DDR war gewiss nicht nur die topografisch geprägte Mittelelbrepublik, in der so ganz nebenbei auch noch eine Stasi und eine SED existierte. Und sie hat sich nicht in Mauer, Stasi, Stacheldraht erschöpft.

    Allein schon die Vorfahrt des Schienenverkehrs auf den Straßen wäre eine Weitergeltung wert gewesen.

  7. 6.

    Sie scheinen ja ordentlich Durchblick zu haben. Jedenfalls ist kein Verstorbener erst entdeckt worden, weil es im Haus streng roch. Weder Post noch Nachbarn waren so gleichgültig wie heute. Ich (ü 60) bin übrigens auch ohne Westpakete erstaunlicherweise nicht verhungert, kannte elektrischen Strom und habe u. a. Fontane und Goethe gelesen. Heute ist man so frei, dass kaum noch jemand weiß, wie Rücksicht geschrieben wird.

  8. 4.

    "...Über Vorzüge, Vorteile und die Dinge, die damals einfach besser waren, wird der Besucher garantiert nichts erfahren."
    Welche Vorteile Meinen Sie? Sandmännchen, grüner Pfeil und Westpakete (die uns auch genommen wurden)?
    Mindestens letztere waren gestern wohl doch ein Thema.
    Gute Nacht. Paul-Leo

  9. 3.

    Ohne das gesehen zu haben, weiß man schon vorher was da abgeht. Mauer, Stasi, " Unrechtsstaat" und alles andere Negative der DDR.Über Vorzüge, Vorteile und die Dinge, die damals einfach besser waren, wird der Besucher garantiert nichts erfahren.

  10. 2.

    Haben Sie irgendwo eine unwahre Behauptung in dem Artikel entdeckt? Dann aber mal raus mit der Sprache und Butter bei die Fische und nicht einfach nur sinnfrei vor sich hin blubbern!

  11. 1.

    Immer wieder schön vorgeführt zu bekommen, wie wir in der DDR gelebt haben. Und wie blöd wir doch waren in einer solchen Gesellschaft aufzuwachsen. Vielen Dank auch an Roland Jahn, der ab und zu die Schreckgespenster aus der Gruft holt. Und dann nach dem Ende der Filme können wir beruhigt in das wahre Leben zurück kehren, zum Glück war ja alles viel, viel schlimmer in der DDR.

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