Olivia Wenzel an ihrem Schreibtisch; © Privat
Audio: O-Ton Olivia Wenzel über Angst in Thüringen | Bild: Privat

Interview | Berliner Schriftstellerin Olivia Wenzel - "Die Angst ist weiterhin präsent"

Die in Berlin lebende Olivia Wenzel hat es mit ihrem Debüt über eine junge Schwarze aus Ostdeutschland auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Im Interview berichtet sie von ihren eigenen Erfahrungen - und warum Thüringen mehr ist als Höcke und Ramelow.

rbb|24: Frau Wenzel, in Ihrem Buch geht es um "1000 Serpentinen Angst". Welche ist die schlimmste Kurve? Die erste, die in der Mitte oder die letzte?

Olivia Wenzel: (lacht) Der Titel meines Buches bezieht sich auf die vielen Schlängelbewegungen, die ja auch oft Ausweichbewegungen sind, die die Erzählerin beim Erzählen macht. Bis sie irgendwann nicht mehr ausweichen kann.

Angst ist ein zentrales Thema in meinem Buch. Da ist einerseits die Protagonistin, eine junge Schwarze Frau aus Ostdeutschland, die immer mehr von einer Angststörung gezeichnet ist. Sie versucht Hilfe zu finden und merkt, dass es nicht so viele TherapeutInnen gibt, die sich mit Rassismus beschäftigt haben und daher wissen, wie man das Thema in eine Therapie integrieren kann. Andererseits gibt es im Buch auch immer wieder eine Art Angst vor der Angst. Also auch vor Realitäten, die vielleicht gar nicht eintreffen. Da gibt es Szenen, wo etwas in der Luft liegt. Man weiß nicht, ob die Situation gleich in Richtung einer Gewalttat kippen wird. Und wenn dann keine physische Gewalt eingetreten ist, ist die Frage, ob die Situation nicht dennoch Schaden angerichtet hat.

Sie haben einem anderen Interview gesagt, dass Sie erst nach Ihrem eigenen Weggang aus Ostdeutschland gemerkt haben, wie viel Angst vorher Teil Ihrer Lebensrealität war und dass diese dann im Westen Deutschlands offenbar weg war. Ist Weimar, wo Sie aufgewachsen sind, oder Ostdeutschland heute für Sie immer noch angstbesetzt? Oder hat sich trotz Pegida und AfD-Erfolgen etwas getan? Thüringen zum Beispiel hat einen linken Ministerpräsidenten.

Die Angst ist weiterhin präsent. Aber es ist nicht unbedingt eine aktualisierte Angst vor dem heutigen Thüringen. Sondern ich fühle mich dort schnell wieder wie die unsichere Jugendliche, die ich früher war. Wenn ich etwas länger da bin, kann ich aber auch wieder entspannen und merke, dass doch ganz viele Sachen gut sind. Nicht nur der linke Ministerpräsident, sondern auch sehr viele normale Leute, die mir begegnen. Ich finde es schade, dass Thüringen nun ausschließlich mit Björn Höcke assoziiert wird. Es gibt auch ein anderes Thüringen. Ich habe auch westdeutsche FreundInnen, teils People of Colour, die zum Studieren kamen und schöne Erfahrungen gemacht haben. Es gibt nicht nur Höcke und Ramelow, sondern auch ganz viel dazwischen.

Ich finde, man darf, geographisch aber auch in der eigenen Vorstellung, den Rechten dort nicht das Feld überlassen. Die viele Angst davor, die ja auch Thema in meinem Buch ist, dass beispielsweise plötzlich Nazis auftauchen irgendwo und die gesamte Stimmung umschlägt, das kann ja immer passieren. Auch in Berlin. Und trotzdem ist es statistisch unwahrscheinlicher, als dass ich demnächst einen Verkehrsunfall habe – und darüber denke ich ja auch nicht die ganze Zeit nach. Soll heißen, ich bemühe mich, mir immer wieder bewusst zu machen, dass eine permanente Angst vor solchen Szenarien belastender sein kann als diese Szenarien selbst.

Sie haben auch gesagt, ihr Roman "1000 Serpentinen Angst" sei für Sie eine Art Coming-Out als nicht-weiße Person. Wie haben Sie das gemeint?

Den Coming-Out-Begriff habe ich in einem sehr frühen Interview verwendet und danach gedacht, dass es das eigentlich nicht ganz trifft. Es geht eher um die Bewusstwerdung Schwarzer Identitätskonstrukte – und was dabei wie auf den eigenen Körper und die Psyche wirken kann. Da geht es immer auch um die Suche, wo man hingehört, wo man sicher ist, wo man geliebt und gewertschätzt wird. Und wie sich das alles von dem lösen lässt, was andere einem von außen zuschreiben. Es lässt sich natürlich nicht lösen. Es geht nicht nur darum, wie es ist, Schwarz zu sein in Deutschland. Es geht um die Suche nach Geborgenheit. Das ist der Kern.

Ich habe früher sehr viele Theatertexte geschrieben, ohne zu merken, dass ich mir die Figuren, die ich mir ausdenke, weiß vorstelle. Auch wenn ich darüber nachgedacht habe, wer sie spielen könnte, habe ich nur an weiße Menschen gedacht. Das an sich ist nicht problematisch, die Tatsache, dass es mir nicht bewusst war, hingegen schon. Ich war ziemlich baff, als ich das gemerkt habe. Das hat sich mittlerweile aber sehr verändert.

Und ich werde manchmal gefragt, ob mein Buch für eine weiße LeserInnenschaft geschrieben ist. Das würde ich nicht sagen. Aber es ist mir schon passiert, dass ich vor einem ausschließlich Schwarzen Publikum gelesen und gemerkt habe, dass mir einzelne Passagen unangenehm waren. Hätte ich dieses Publikum die ganze Zeit unbewusst mitgedacht, hätte ich die jeweiligen Passagen anders geschrieben.

Wenn der Deutsche Buchpreis in diesem Jahr an Sie ginge, dann wäre das doch eine große Sache für das Streben Schwarzer Menschen in Deutschland nach Teilhabe und Gleichbehandlung?

Ich gehe ziemlich fest davon aus, dass das nicht passiert, weil ich nicht glaube, dass dieser Preis an eine Person geht, die ein Debüt geschrieben hat, und die Konkurrenz enorm stark ist. Aber würde es passieren, hätte das sicherlich Signalwirkung. Die würde aber bestimmt ambivalent rezipiert werden. Einerseits wäre es eine große Sache und ich würde automatisch zur Stellvertreterin für Schwarze Menschen - bekäme dagegen zum Beispiel Thomas Hettche den Preis, würde sein Weiß-Sein in Besprechungen wahrscheinlich eher eine untergeordnete Rolle spielen. Andererseits würde es vermutlich heißen, es wäre nur so gekommen, weil manche Themen meines Buchs, mit Blick auf den Tod von George Floyd und #BlackLivesMatter gerade "angesagt" sind. Es passiert ja auch schon jetzt manchmal, dass dem Text mit diesem Argument die literarische Qualität abgesprochen wird.

Aber egal, ob ich den Preis bekomme oder in drei Jahren eine andere nicht weiße Person – es wäre auch gut mal zu schauen, wer eigentlich in solchen Jurys, wer in welchen Redaktionen, sitzt, wer Literaturkritik betreibt. Das sind meistens weiße Menschen, die eher wenig Diskriminierungs-Erfahrung haben. Wenn man nachhaltig im Literatur- oder Kulturbetrieb etwas ändern möchte, müssten nicht nur die ProduzentInnen von Kultur diverser sein, sondern auch die Stellen, wo die großen Entscheidungen getroffen werden. Da, wo die Macht sitzt.

Sie leben ja schon eine Weile in Berlin. Sind Sie in der Stadt angekommen?

Ich bin in meinem Leben viel umgezogen, habe in vielen Städten gewohnt und auch in Berlin in vielen Bezirken. Mittlerweile lebe ich in Wilmersdorf. Ganz ruhig im Westen der Stadt, mit ganz vielen netten älteren Leuten in einem Haus. Im Moment habe ich ein sehr angenehmes Leben in Berlin – ich lebe in einer ganz gemütlichen Bubble. Aber langfristig würde ich eher nicht bleiben wollen, da brauche ich etwas mehr Natur.

Könnten Sie sich vorstellen, noch mal irgendwo in Ostdeutschland zu leben?

Ja. Ich bin ja auch immer mal wieder in Brandenburg unterwegs. Da gibt es einige Orte, die von ganz tollen Menschen gestaltet werden. Da gibt es dann natürlich oft den Konflikt, dass StädterInnen rausziehen und als Kulturelite Häuser aufkaufen, während die Leute drumherum viel weniger Geld haben. Das ist auch nicht so richtig cool. Aber es gibt dadurch eben Orte in Brandenburg oder auch Thüringen, an denen ich gerne bin und mich sicher fühle.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Verwendung linksidentitärer Begriffe („Bewusstwerdung Schwarzer Identitätskonstrukte„, „weiße Menschen“ etc.) und die einschlägigen Fragestellung lassen stark vermuten, dass die wiedergegebenen Inhalte nicht allein von Frau Wenzel stammen. Lässt man diese Passagen weg erhält man den Eindruck, dass es Frau Wenzel in Deutschland, auch in Thüringen, gut geht, aber sie nicht so recht weiß, wo sie hingehört. Das freut mich zu lesen.

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