Archivbild: Konzert im Haus der Kulturen der Welt (HKW). Quelle: Sebastian Bolesch/HKW
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Audio: Inforadio | 08.08.2020 | Henrike Möller | Bild: Sebastian Bolesch/HKW

Konzertkritik | Marla Hansen und Tonia Reeh im HKW - Schwere Musik für heiße Sommernächte

Eine Dachterrasse. Ein Sonnenuntergang. Ein Doppelkonzert. Gestern Abend sind die beiden Berliner Singersongwriterinnen Marla Hansen und Tonia Reeh bei 20 Sunsets aufgetreten, einer Open-Air-Veranstaltungsreihe vom Haus der Kulturen der Welt. Von Henrike Möller

Tonia Reeh kann nichts dafür. Aber ihre schwere, dunkle Klaviermusik will einfach nicht recht zur Aperol-Spritz-Laune auf der Dachterrasse des HKW passen. Es ist heiß. Brütend heiß. Viele der etwa 150 bis 200 Konzertbesucher haben Fächer mitgebracht und wedeln wild damit umher. Andere ziehen, sobald sie ihren Sitzplatz erreicht haben, nicht nur ihre Maske, sondern gleich auch ihre Schuhe aus. Richtig konzentriert blickt kaum einer drein, eher erschöpft.

Die Berliner Songwriterin Tonia Reeh. Quelle: Promo
Bild: Promo

"Hard Listening" und Sommerhitze

Tonia Rehs Kompositionen sind intensiv, fordernd, mit einem Drang zur Theatralik. Als "Hard Listening" hat die Berlinerin sich selbst einmal bezeichnet. Das ist auch bei ihren Songtexten Programm. Tonia Reeh singt von Müttern, die ihre Kinder nicht lieben können, weil sie selbst nie Liebe erfahren haben, von Jugendlichen mit Drogenproblemen und reichen Menschen, die lieber Geld anhäufen statt Gutes damit zu tun.

Viele der neuen Songs, die Tonia Reeh an diesem Abend im Alleingang vorträgt – im lila Glitzer-Pailletten-Oberteil – sind vom neuen Album ihrer Band La Tourette, einer Band von vielen, in der Reeh aktiv ist. Wobei La Tourette im Grunde ein Duo ist. Tonia Reeh und Schlagzeuger Rudi Fischerlehner, der im Jazz und improvisierter Musik verwurzelt ist. Sein Part fehlt beim Konzert im HKW ziemlich. Auch wenn Tonia Reeh sich zwischenzeitlich eine Rassel in den Kniestrumpf steckt und damit rumshaket, um wenigstens ein kleines bisschen Percussion zu haben.

Dafür gibt es bei Künstlerin Nummer zwei richtig viel und richtig gute Percussion. Tatsächlich ist Marla Hansens Drummer mit seinem leichtfüßigen, mal tropischen, mal südländischen Rhythmusspiel fast bemerkenswerter als Marla Hansen selbst. Etwas schüchtern und kraftlos steht sie auf der Bühne. Schwarze Hose, Blumen-Top, Pferdeschwanz.

Songwriterin Marla Hansen. Quelle: Nura Qureshi
Bild: Nura Qureshi

Festivalstimmung kommt nicht wirklich auf

Vielleicht ist es die gebürtige Amerikanerin eher gewohnt im Hintergrund zu stehen. Als professionelle Instrumentalistin hat sie schon Geige und Viola gespielt für bekannte Musiker wie The National oder Sufjan Stevens. Im Frühjahr kam nach längerer Auszeit ihr Soloalbum "Dust" raus. Marla Hansen verbindet darauf Folk mit Singersongwriter und Klassik. Ihre Songs fühlen sich weitläufig und schwelgerisch an, manche aber auch ein wenig schläfrig – Was die Hitze-geplagten Konzertbesucher im Grunde ganz gut abholen müsste. Tut es aber irgendwie nicht. Wirkliche Festival-Stimmung kommt nicht auf.

Vielleicht passen Open-Air-Konzerte einfach nicht zu jedem Musiker oder zu jeder Art Musik. In einem abgedunkelten Konzertsaal wären sowohl Tonia Reeh als auch Marla Hansen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit besser zur Geltung gekommen.

Sendung: Inforadio, 08.08.2020, 07:55 Uhr

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