Die Band Madanii und Llucid auf der Bühne im Kesselhaus (Bild: Pop-Kultur / Camille Blake)
Pop-Kultur / Camille Blake
Audio: Inforadio | 27.08.2020 | Hans Ackermann | Bild: Pop-Kultur / Camille Blake

Konzertkritik | Festival "Pop-Kultur" in Berlin - Audio-visuelle Perfektion im digitalen Raum

Zum sechsten Mal findet derzeit die "Pop-Kultur" statt. Im vergangenen Jahr noch ein buntes, barrierefreies Spektakel in der Kulturbrauerei, hat sich das Festival jetzt wegen Corona komplett in den digitalen Raum verlegt. Von Hans Ackermann

Mit gefühlvollem Elektropop von Mandinii und Llucid beginnt die erste Abendshow der "Pop-Kultur". Ein Festival zur populären Kultur, veranstaltet vom Berliner Musicboard, ist natürlich auf Musik fokussiert. Mal als schlichte "Session", wie beim Konzert des Popduos, dann aber auch als aufwendiges "Digital Work" aus dem Keller des Theaters Ramba Zamba.

Aus dem Keller

Dort hat 21 Downbeat, die Hausband des inklusiven Theaters, das Video für den Song "Roter Cowboy" gedreht. Die Geschichte hat visuell einiges zu bieten: grelle Lichtblitze, bunte Nebelschwaden, ekstatische Tänzerinnen und Tänzer, deren nackte Haut mit verzerrter Computergrafik übermalt ist. Musikalisch dominiert ein harter, beinahe schmerzhafter Beat. Im Refrain des urbanen Kellerlieds hört man am Ende dann den verzweifelt wiederholten Ausruf "Kein Zurück, der Weg nach oben ist versperrt, kein Zurück, der Weg nach oben ist versperrt".

The Notwist beim Pop-Kultur Festival 2020
Bild: Camille Blake

Mit "Session" ist dann wieder das Konzertvideo der oberbayrischen Indie-Band The Notwist überschrieben. Die sechs Musiker präsentieren vorzüglichen minimalistischen Elektropop, der nach dem introvertierten Beginn in einem langen hypnotischen Schluss mündet - eine moderne Coda, die ihresgleichen sucht.

Talk und Tischtennis

Was wäre die Popkultur ohne Talkshows? Gleich zwei davon gibt es am Eröffnungsabend des Festivals. Unter der Überschrift "Ping Pong Hayat" - Hayat ist das türkische Wort für Leben - diskutieren vier Frauen über die Kunst des Überlebens. Anschließend spielen sie vor der Kamera eine Runde Ping Pong.Mit Spaß dabei ist die Linguistin Reyhan Şahin, die man noch als Skandal-Rapperin Lady Bitch Ray in Erinnerung hat.

Im zweiten Gespräch fassen Musikerinnen und Musiker ihre Erfahrungen aus der Corona-Zeit zu kurzen Statements zusammen: "Konzerte sind für mich vor allem Austausch mit dem Publikum", sagt der Singer-Songwriter Max Gruber. Es gehe darum, "körperliche Nähe aufzubauen".

Endzeit-Literatur

Der kunstvolle Umgang mit Sprache wird dann im Beitrag des Autors und Fotografen Hendrik Otremba präsentiert. So absichtlich unscharf seine schwarz-weißen Fotografien von New Yorker Häuserschluchten sind, so präzise formuliert er dazu einen pessimistischen Text, untermalt von düsteren elektronischen Klängen: "Es sind schon so viele Zivilisationen untergegangen, es wäre hochmütig zu glauben, der jetzigen blühe das nicht auch", heißt es in einer audio-visuellen Literaturperformance, die im Programm einen Höhepunkt markiert.

Catnapp (»Pop-Kultur« 2020 Commissioned Work) @ Ramba Zamba (Bild: Pop-Kultur / Camille Blake)
Bild: Pop-Kultur / Camille Blake

Die kompakte, etwa eine Stunde dauernde Internet-Show bringt lokale und internationale Künstler auf dem Bildschirm zusammen. Von Berlin bis Kapstadt, von Accra bis New York. Man erlebt die äußerst lebendige, weltumspannende Popkultur, die gut vernetzt und technologisch auf höchstem Niveau ist. Nicht alles davon wird sich nach Corona in der hier gezeigten audio-visuellen Perfektion auch live umsetzen lassen.

Der zweite Teil des Festivals beginnt am Donnerstag, den 27.08.2020, um 20:20 Uhr auf pop-kultur.berlin

Beitrag von Hans Ackermann

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