Philharmoniker-Saisoneröffnung (Quelle: rbb/Ossowski)
Audio: Inforadio | 29.08.2020 | 09:05 Uhr | Maria Ossowski | Bild: rbb/Ossowski

Die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker - Triumph und Trost in fiesen Zeiten

Es ist immer ein Schaulaufen der Prominenz, das Highlight im Konzertleben der Stadt: Die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker. Alle 2.200 Plätze sind lange ausverkauft. Und in Coronazeiten? Alles ganz anders, ziemlich traurigschön. Von Maria Ossowski

Die Musiker sind es nicht gewöhnt. Die Besucher sind es nicht gewöhnt. Dennoch gerät die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker zu einem erschütternd intensiven Konzertereignis, das allerdings so niemals zur Gewohnheit werden darf. Geglückt ist ein musikalischer Triumph über die Malaisen, die Hindernisse und die Verzweiflung, die das Kulturleben seit Corona begleiten. Nie seit 138 Jahren haben die Berliner Philharmoniker vor leeren Reihen musiziert, immer, selbst im Krieg, waren alle Sessel besetzt.

Kein einziger Huster im Saal

Jetzt blieb jede zweite Reihe leer, drei Plätze Abstand pro Zuhörer, auch Ehepaare durften nicht nebeneinander sitzen: Bundespräsident Steinmeier getrennt von Elke Büdenbender. Daniel Barenboim getrennt von Elena Bashkirova. Das dunkle Stimmen der Kontrabässe begleitete die Anweisungen der Platzanweiser. "Bitte behalten Sie die Maske auf, bis der Dirigent erscheint." "Bitte halten Sie Abstand, nein, nebeneinandersitzen ist verboten". Dann nahmen die Musiker im Abstand von 1,50 Meter auf dem Podium Platz.

Dirigent Kirill Petrenko ließ Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" mit ihren Beziehungsdramen in allen Farben der melancholischen Streicherklänge schweben, dann flirren, miteinander tanzen, sich voneinander trennen, die Lust genießen. Ein halbes Jahr hatte das Orchester nicht vor Publikum gespielt, fünf Monate Kurzarbeit sind im August zu Ende gegangen. Die Spannung, die Freude schien greifbar. Wunderbar schon im ersten Teil: die Stille im Saal, die Konzentration beim Hören. Kein einziger Huster nervte, kein Bonbonpapierrascheln, kein Blättern im Programmheft. Alle Aufmerksamkeit galt allein der Musik, dem brillanten Orchester und seinem energetischen, sympathischen Chefdirigenten.

Nichts kann ein Livekonzert ersetzen

Schockverliebt seien die Musiker gewesen zu Beginn der gemeinsamen Arbeit, so hat es der Solocellist Olaf Maninger mal formuliert. Diese Verliebtheit hält, sie scheint sogar zu wachsen. Brahms Vierte Sinfonie, seine letzte, wurde zu einem gemeinsamen Fanal, zu einem Aufbegehren gegen die Krise, zu einem Beweis, dass nichts ein Livekonzert ersetzen kann. Nichts kommt heran an diese Dynamik, die nur entsteht im analogen Raum, zwischen ZuhörerInnen und Künstlern. Petrenko fasste sich im abschließenden Jubelsturm ans Herz, eine Geste, die passte.

Und nun? Wie geht es weiter? Das Orchester wird in Salzburg spielen, wo immerhin die Hälfte der Plätze besetzt sein wird im sogenannten Schachbrettmuster. Dies ist den Philharmonikern und allen Orchestern und Opern auch in Berlin dringend zu wünschen. So ergreifend dieses Konzert war: es sollte mehr Menschen erfreuen, und, sorry für ein bisschen Pathos, es soll auch mehr Leute trösten können in diesen fiesen Zeiten.

Beitrag von Maria Ossowski

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