Luckenwalde (Bild: rbb/Jens Staeder)
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Video: rbbKultur-Reportage, 15.08.2020, Anne Kohlick | Bild: rbb/Jens Staeder

E-Werk Luckenwalde - "Wir produzieren hier Strom aus Kunstwerken”

Seit der Wende standen die Maschinen im Kraftwerk von Luckenwalde still - bis der Künstler Pablo Wendel sie wieder zum Laufen brachte. Anne Kohlick hat ihn dabei begleitet, wie er das Gebäude in ein Kunstzentrum verwandelt.

Es rumpelt und quietscht, als das riesige Zahnrad das hundert Jahre alte Förderband in Bewegung setzt. Bis zur Wende hat es Tonnen von Kohle ins Luckenwalder Kraftwerk transportiert, aus denen ab 1913 Energie gewonnen wurde. Nach fast 30 Jahren Stillstand hat das Förderband jetzt Holzabfälle aus den Kiefernwäldern rund um Luckenwalde geladen. Aus dieser Biomasse entsteht im E-Werk seit Neuestem wieder Elektrizität.

“Für mich ist das ein ganz besonderer Strom, den wir hier herstellen”, sagt Künstler Pablo Wendel, ein drahtiger Mann Ende 30. Er muss laut reden, um gegen den Lärm der Maschine anzukommen. “Ein historisches Kohlekraftwerk umzurüsten auf erneuerbare Energie - das ist ein Gesamtkunstwerk. Und dementsprechend produzieren wir hier nicht einfach Ökostrom, sondern Kunststrom.”

Luckenwalde (Bild: rbb/Jens Staeder)
"Dinosaurier" nennt Pablo Wendel das 100 Jahre alte Förderband liebevoll. | Bild: rbb/Jens Staeder

Der Herzschlag des Kraftwerks

Pablo Wendel versteht genauso viel von zeitgenössischer Kunst wie von alten Maschinen. Das eine hat er studiert, das andere bei Handwerkern und Ingenieuren abgeschaut, mit denen er seit Jahren für seine ungewöhnlichen Kunstprojekte zusammenarbeitet. Er liebt es, dem ratternden Förderband zuzuhören: “Das ist für mich der Herzschlag des Kraftwerks. Dass hier wieder Bewegung drin ist, in dieser Anlage - das ist wie Blut, das in den Adern fließt.”

Um die historische Maschine wieder in Gang zu bringen, hat Pablo Wendel monatelang gearbeitet - mit Unterstützung von freiwilligen Helfern aus dem internationalen “Workaway”-Programm [workaway.info], die für Kost und Logis mit im Kraftwerk anpacken. “Dinosaurier” nennt der Künstler das alte Förderband liebevoll: "Jede Verbindung, jede Rolle war festgerostet und musste einzeln wieder gangbar gemacht werden."

Sieben Ateliers sind im E-Werk entstanden

Strom produziert Pablo Wendel im Keller des Kraftwerks mit einer Pyrolyse-Anlage, die Holzabfälle vergast. Von dort fließt die Elektrizität ins Netz der Stadt Luckenwalde und deckt vor allem den Eigenbedarf des riesigen Gebäudes mit seinen vier Stockwerken und mehreren tausend Quadratmetern. Neben Wohnräumen sind im alten E-Werk Ateliers und Werkstätten entstanden, die Pablo Wendel an sieben andere Künstlerinnen, Bildhauer, Handwerker vermietet.

Ende 2017 hat der Künstler aus Süddeutschland das Kraftwerk im Landkreis Teltow-Fläming gekauft. Steigende Mieten und Platzmangel hatten ihn aus Stuttgart vertrieben, wo er vorher wohnte. Seitdem lebt und arbeitet Pablo Wendel hier - mit seiner Partnerin, der britischen Kuratorin Helen Turner, und ihrem gemeinsamen Sohn Ray, der vor einem Jahr in Luckenwalde zur Welt kam.

Wie aus einem Kraftwerk ein Kunstzentrum wird

Kunstwerke, die heizen können

Aus den Büros im ehemaligen Verwaltungstrakt des Kraftwerks hat Helen Turner Ausstellungsräume gemacht. Über die Wände schlängeln sich Skulpturen aus der Serie “Hot Springs” des französischen Künstlers Nicolas Deshayes. Sie wirken von Weitem weich wie Würmer, sind aber aus Metall - und von innen warm. “Hier läuft heißes Wasser durch”, erklärt Helen Turner. "Wir nutzen dafür die Abwärme, die bei der Stromproduktion entsteht. Das sind Kunstwerke, mit denen man auch heizen kann."

Helen Turner betritt die Turbinenhalle, einen 350 Quadratmeter großen Saal - das Herzstück des alten Kraftwerks. “Hier standen die Turbinen und Generatoren, die früher den Kohlestrom hergestellt haben.” Die Maschinen sind heute verschwunden, aber die Energie, die hier entstanden ist, spüre man noch, sagt die Kuratorin. “Als ich zum ersten Mal in diese Halle kam, hat es mich geradezu umgehauen. Mir war klar: Ich kündige meinen Job in London und ziehe nach Deutschland, um hier an diesem einmaligen Ort zu kuratieren und Kunst zu zeigen.”

Tausend Besucher zur Eröffnung

Im September 2019 hat das E-Werk Luckenwalde als Kunstzentrum eröffnet - mit einem großen Performance-Festival, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. “Allein hier in der Turbinenhalle waren hunderte Menschen”, erinnert sich Helen Turner. “Insgesamt hatten wir um die tausend Besucher. Für mich war das einer der schönsten Tage meines Lebens.”

Luckenwalde in der New York Times

Über das neue Kunstzentrum im alten Kraftwerk staunte sogar die internationale Presse. “Ich glaube, das war das erste Mal, dass Luckenwalde in der New York Times [nytimes.com] vorkam”, sagt Helen Turner. “Dass wir auf so einen Erfolg zurückschauen können, hilft uns jetzt, durch die schwierigen Corona-Zeiten zu kommen.” Wegen der Pandemie muss die Kuratorin insgesamt sechs Ausstellungen, die für 2020 geplant waren, ins kommende Jahr verschieben.

Das gesamte Programm hängt von Fördermitteln ab, die dieses Jahr nur spärlich fließen. “Wir haben 2020 schon 20 Fördermittelanträge eingereicht und immer wieder gehört: Wir können wegen Corona gerade nichts entscheiden”, erklärt die Kuratorin. “Viele Jurys konnten sich nicht treffen und deshalb hat sich alles immens verzögert.”

Luckenwalde (Quelle: rbb/Jens Staeder)
Vor dem E-Werk Luckenwalde kann man kostenlos Kunststrom tanken. Bild: rbb/Jens Staeder

"Der Anspruch, dass das ein Kunstwerk wird"

Trotzdem entstehen auch in diesem Sommer neue Kunstwerke im E-Werk: In seiner Werkstatt schraubt Pablo Wendel Mitte Juni an einer ausrangierten Zapfsäule. “Bis vor Kurzem stand die an einer Tankstelle. Hier kamen Benzin oder Diesel raus”, sagt der Künstler und zeigt auf die Zapfpistole. “Jetzt wollen wir das Ganze umbauen zu einer Kunststrom-Tankstelle für E-Bikes und alle, die ihre elektronischen Geräte laden wollen.”

Die Idee zu dem Projekt entstand, als die Stadtverwaltung von Luckenwalde Pablo Wendel anbot, eine E-Bike-Ladestation auf dem Gehweg vor dem E-Werk aufstellen zu lassen. Aber ein schnöder Fahrradständer mit Steckdose? Kam für den Künstler nicht infrage: “Da habe ich schon den Anspruch, dass das ein Kunstwerk wird.”

Skulpturen, die sich im Wind drehen

Pablo Wendels Kunst dreht sich seit zehn Jahren um das Thema Elektrizität. Er entwirft und baut Kunstwerke, die Strom produzieren - zum Beispiel seine Skulpturen “Offroad” von 2014, die sich im Wind drehen. Von Weitem könnte man sie für gewöhnliche Windräder halten - dabei bestehen sie aus recycelten Verkehrsschildern und Straßenpfosten.

“Am Ende haben wir es geschafft, mit einer Windskulptur 2,4 Kilowattstunden Leistung im Schnitt zu produzieren”, erinnert sich Pablo Wendel, “obwohl uns Techniker und Wissenschaftler erklärt haben, das alles würde keinen Sinn machen. Und immerhin - so eine Strommenge reicht für eine kleine Familie.”

Für seine Windskulpturen "Offroad" hat Pablo Wendel Verkehrsschilder und Straßenpfosten recycelt (Quelle: Pablo Wendel)
"Offroad" besteht aus recycelten Verkehrsschildern und Straßenpfosten.Bild: Pablo Wendel

"Ans Thema fossile Energie müssen wir ran"

Immer wieder geht es dem Künstler um Nachhaltigkeit und die Energiewende - auch bei seinem bislang größten Kunstprojekt: der Verwandlung des alten Kraftwerks von Luckenwalde in einen Ort, an dem wieder Energie entsteht, elektrische und kreative.

“Das ist ein großes Thema, die fossile Energie”, sagt Pablo Wendel. “Da müssen wir ran, da kommen wir nicht dran vorbei - ob wir wollen oder nicht.” Mit seiner Kunst wolle er Beispiele geben, wie eine Transformation funktionieren könne, sagt Pablo Wendel: “Wenn wir es schaffen, dieses alte Kraftwerk umzubauen, dann ist das auch auf einer gesellschaftlichen Ebene möglich.”

Sendung: rbbKultur-Reportage "Kunst im Kraftwerk Luckenwalde", 15.08.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

3 Kommentare

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  1. 3.

    Gut, Sie wenn sagen würden, "diese Art von Kunst brauche ich nicht", absolut OK, aber gleich zu sagen, dass sie keiner braucht, ist ja ein bischen weit hergeholt ... haben Sie denn alle gefragt? Also mich jedenfalls nicht, herzliche Grüße, Natalie

  2. 2.

    Ganz genau. Am Ende fehlt noch das Geld für die Lufthansa Rettung, weil Luckenwalde erneuerbare Energien unterstützt. Wo kämen wir da hin?

  3. 1.

    Diese Art von Kunst braucht keiner.
    Entweder man kann dieses Vorhaben selbst finanzieren, oder nicht!
    Aber dafür Steuergelder zu verwenden, wäre aus meiner Sicht Betrug am Steuerzahler.

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