Matthias Brandt liest aus seinem ersten Roman Blackbird. (Quelle: imago images/Holger John)
Audio: rbbKultur | 05.08.2020 | Interview mit Matthias Brandt | Bild: imago images/Holger John

Interview | Schauspieler und Autor Matthias Brandt - "Was nicht gesagt wird, ist genauso wichtig wie das, was gesagt wird"

Matthias Brandt ist nicht nur Autor, sondern auch Schauspieler. Das habe ihm beim Schreiben geholfen, sein inneres Kind nicht zu verlieren, sagt er im Interview. Der Writer in Residence wird auf dem Literaturfestival Lit Potsdam aus seinem Roman "Blackbird" lesen.

rbb: Herr Brandt, wie wichtig und richtig finden Sie es, dass das Literaturfestival Lit Potsdam jetzt doch stattfindet - trotz der zum Teil erheblichen Einschränkungen wegen der Hygieneregeln?

Matthias Brandt: Ich finde das sehr schön. Wir sollten alles probieren, was möglich ist.

Die Zuhörer sitzen weit voneinander entfernt mit Kopfhörern. Können Sie sich vorstellen, dass das die Atmosphäre stören könnte?

Natürlich ist das nicht die Atmosphäre, die wir gewohnt sind. Aber wir haben ja nur die Wahl zwischen dem und gar nichts. Dann finde ich es besser, wenn wir uns damit arrangieren. Man darf nur nicht den falschen Maßstab anlegen.

Sie sind in diesem Jahr "Writer in Residence". Was machen Sie mit dieser Aufgabe?

Ich mache vorwiegend zwei Veranstaltungen, auf die ich mich sehr freue: Am Donnerstagabend spreche ich mit Christian Petzold zum Roman und zum Film "Transit" und am Samstagabend mit Wiebke Porombka über meinen Roman "Blackbird". Darüber hinaus schaue und höre ich mir schöne Sachen an.

Wissen Sie schon, welche Passage aus "Blackbird" sie am Samstagabend vorlesen werden oder entscheiden Sie das spontan?

Ich entscheide das nicht spontan. Aber ich habe mir tatsächlich eine eigene Fassung für den Abend gebaut, die auch eine etwas andere Struktur hat, als es im Roman der Fall ist. Das ist tatsächlich auch das Praktische, wenn der Text von einem selbst ist. Dann kann man damit machen, was man will und ist nicht dem Autor und dem Verlag verpflichtet, sondern nur sich selbst. Darauf bin ich gespannt, denn es hat mir eine große Freude gemacht. Es hat sich immer als ganz schön erwiesen, einen neuen Ansatz zu finden.

Der Roman "Blackbird" ist der Blick in ein sehr dramatisches Jahr eines Jugendlichen in den 1970er Jahren in der westdeutschen Provinz: erste unglückliche Liebe, Trennung der Eltern, erster Alkohol und Joint, Probleme mit der Schule. Aber es gibt noch ein anderes dramatisches Ereignis: Sein bester Freund erkrankt und stirbt. Was war für sie das Zentrale beim Schreiben: die Erlebnisse aus Ihrer Pubertät oder dieses furchtbare Drama mit dem besten Freund? Oder gehört beides zusammen?

Das gehört wahrscheinlich zusammen. Ich kann gar nicht so genau im Nachhinein beantworten, was zuerst da war. Ich denke aber, dass es der Tod des Freundes war, das dann das Zentrum der Geschichte wird. Und dann hatte ich aber parallel auch noch große Lust, mich mit dieser Lebensphase zu befassen, weil ich die sehr interessant finde. Wenn Dinge zum ersten Mal erlebt werden, dann kann man sie so in einer Art Reinkultur betrachten. Das ist übrigens auch für einen Schauspieler sehr interessant. Deshalb halten Schauspieler zu Kindheit und Jugend einen sehr intensiven Kontakt. Vielleicht kam mir das dann in diesem Fall entgegen, als ich mir überlegt habe, wo und mit wem die Geschichte spielt.

Ihr Roman ist sehr witzig, trotz all der Dramatik. Wie wichtig war Ihnen das?

Es hat vermutlich damit zu tun hat, dass der Humor für mich lebenswichtig ist, existenziell zur Lebensbewältigung. Ich wüsste kein anderes Rezept und stehe immer ein bisschen staunend vor Leuten, die es ja auch gibt, die das nicht so mögen oder nicht so viel damit anfangen können. Aber das ist, meine Art der Weltbetrachtung oder Lebensbetrachtung. Ich hätte das gar nicht anders gekonnt.

Am Donnerstagabend reden Sie mit Christian Petzold über seinen Film "Transit" nach dem Roman von Anna Seghers. In dem Film sind Sie der Erzähler aus dem Off. Worüber werden Sie mit ihm sprechen?

Ich finde es sehr interessant, dass man die Möglichkeit hat, Roman und Film nebeneinanderzustellen. Der Film wird ja nach unserer Veranstaltung noch mal Open-Air gezeigt. Es wird Lesungen aus dem Roman und Drehbuch geben, und wir werden uns darüber unterhalten, was eine Romanverfilmung eigentlich ist oder sein kann. Ob es so etwas wie eine Romanverfilmung überhaupt gibt, ist eine Frage, die ich stellen will. Oder ob sich dann doch bei so einer Adaption ein ganz eigenständiges Kunstwerk daraus entwickelt. Ich bin sehr neugierig und habe viele Fragen vorbereitet. Einige habe ich ihm schon mal gestellt, weil wir sehr gute Freunde sind.

"Motte", der Held Ihres Romans, verstummt für eine Weile. Er spricht mit niemandem mehr, nicht mit den Freunden, nicht mit den Eltern oder mit der jungen Frau, die ihn liebt und die er auch liebt. Können Sie sich dieses Verstummen auch für sich selbst vorstellen?

Sprachverlust kann ich mir gut vorstellen. Das Theater in Bielefeld macht im September eine Bühnenfassung von "Blackbird". Ich habe deshalb an das Ensemble einen kleinen Brief geschrieben. Das Erste, was da drinsteht, ist: Was nicht gesagt wird, ist genauso wichtig wie das, was gesagt wird. Das gilt für den Roman und sämtliche Adaptionen natürlich gleichermaßen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Matthias Brandt führte Frank Schmid, rbbKultur.

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 05.08.2020, 16:10 Uhr

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