Kommentar | Pandemie-Maßnahmen - Das Unverständnis für die Rolle der Kultur in Corona-Zeiten

31.07.2020, Berlin: Blauer Himmel ist über der Berliner Philharmonie zu sehen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: ARD | 09.08.2020 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Paul Zinken

Vollbesetzte Touristenflieger, leere Konzertsäle: Bei der Kultur werden wohl andere Maßstäbe angelegt als bei anderen Branchen. Das geht vor allem zu Lasten der freien Künstler. Maria Ossowski über das Unverständnis im Umgang mit der Kultur in Corona-Zeiten.

Es sind zwei Bilder, die als Vergleich in allen Kulturnetzwerken auftauchen: der vollbesetzte Urlaubsflieger mit eng nebeneinander sitzenden Reisenden und die leeren Konzertsäle, die leeren Theater, die leeren Opernhäuser.

Es sind zwei Branchen: Tourismus und Kultur, in denen die Einschränkungen wegen des Virus unterschiedlicher kaum sein könnten. Warum? Bringt die Kultur keinen Profit? Was nur wenige wissen: Die Kultur- und Kreativwirtschaft erreicht nach der Automobilindustrie die höchste Bruttowertschöpfung in Deutschland.

Hunderttausende Existenzen hängen am Kulturbetrieb

Ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung betrug 2018 knapp hundert Milliarden Euro und lag vor der chemischen Industrie, den Energieversorgern oder den Finanzdienstleistern, so die offiziellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Und dennoch: Beim gerade zu Ende gehenden Musikfestival Young Euro Classic in Berlin schien das Konzerthaus am Gendarmenmarkt fast leer: 350 Gäste statt 1.600 duften zuhören.

Die Komische Oper in Berlin hat einen Corona-Spielplan bis Jahresende vorgestellt. Intendant Barrie Kosky glaubt nicht an schnelle Änderungen. Dabei bilden weder die Künstlerinnen noch die Besucher tanzende, feiernde, vielleicht alkoholisierte Gruppen. Sie wären diszipliniert und interessiert daran, alle Hygieneregeln einzuhalten, um den Betrieb nicht zu gefährden. Einen Betrieb, der weitgehend brach liegt, und an dessen Existenz hunderttausende Biografien hängen.

Eine Milliarde Euro Strukturhilfe

Die Anstrengungen der Kulturstaatsministerin – sie hat immerhin eine Milliarde Euro Strukturhilfe für die Kultur durch den Bundestag gebracht – sind außergewöhnlich. In keinem Land weltweit wird die Kultur in Corona Zeiten so üppig unterstützt. Nur kann die Oratoriensängerin, der freie Geiger, die Autorin, die von Lesungen lebt, oder der Bühnenbildner davon keine Miete zahlen. Die Milliarde soll die Institutionen in Zukunft stützen, wenn die Kassen der Kommunen und Länder leer sind.

Maskenpflicht bei Veranstaltungen wäre eine Lösung

Künstler können nur sehr selten Rücklagen bilden. Freie Musiker beispielsweise verdienen im Schnitt 13.000 Euro im Jahr brutto. Den Gang zum Jobcenter finden viele unwürdig, weil sie ja arbeiten wollen und den Staat nicht um Hilfe bitten möchten. Daher ist es dringend notwendig zu klären, wann Konzertsäle, Theater und Opernhäuser ihre Plätze im Zuschauerraum soweit besetzen können, dass die Aufführungen kein Verlustgeschäft werden und die Künstler ihre Gage erhalten. Auch die Kinos und die Filmwirtschaft würden davon profitieren.

Große föderale Unterschiede nach dem Motto 'Brandenburg erlaubt was Berlin verbietet', steigern nur das Unverständnis im Umgang mit der Kultur in Corona-Zeiten.

Die Maskenpflicht für alle Besucher während der Aufführungen, Konzerte oder Lesungen wäre eine gute Lösung. Darauf müssten sich die Veranstalter, die Künstler und die Politiker einigen – bevor die Ferien enden, und die Saison im Herbst beginnt.

Sendung:

Beitrag von Maria Ossowski

28 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 28.

    "Bitte mal den Link zur Quelle dazu setzen, Danke. "

    Eckdaten zur "Kultur- und Kreativwirtschaft" vom Bundeswirtschaftsministeriem:
    https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Branchenfokus/Wirtschaft/branchenfokus-kultur-und-kreativwirtschaft.html
    (Umsatz, Bruttowertschöpfung, Anteil am BIP, Anzahl Unternehmen, Anzahl Beschäftige, Selbstständigenquote, alles für 2018

  2. 27.

    Ja! Saufen ist despektierlich, aber nach Malle reisen hat ja Tradition?
    Und: Ich bin keine Freundin der Prostitution, aber wenn der Staat sie so großartig als Sex-Arbeit gleichsetzen möchte, verstehe ich nicht, warum sie jetzt wieder völlig egal ist und einfach verboten bleibt...
    Die derzeitigen Fördersystem fördern, was gut Fördermittel beantragen kann...

  3. 26.

    Bitte den Artikel lesen!
    Das ungleiche Maß (und das Ignorieren wissenschaftlicher Studien zu Singen und Blasinstrumentenspiel) beenden:
    Tourismus und Gastronomie haben z.T. wesentlich weniger strenge Hygieneauflagen, Konzerte sind trotz kreativer Hygienkonzepte von Betreibern weiterhin de facto verboten.

  4. 25.

    „Ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung betrug 2018 knapp hundert Milliarden Euro und lag vor der chemischen Industrie, den Energieversorgern oder den Finanzdienstleistern, so die offiziellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums“

    Bitte mal den Link zur Quelle dazu setzen, Danke.

  5. 24.

    Die Kultureinrichtungen werden unterstützt. Ebenso wie andere Bereiche. Also, was soll nun noch geschehen?

  6. 23.

    Danke für die Info! Ich habe mir Ihre Seite angesehen und finde die Idee super!

  7. 22.

    Die Kulturbranche ist mit 3 % am Bruttoinlandsprodukt nach der Automobilindustrie der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor in Deutschland, trägt also auch durch Steuern zum Wohlstand aller in diesem Land bei. Förderung für coronabedingte Einbußen gibt es für ohnehin staatlich subventionierte Häuser und für Kulturschaffende, die Betriebskosten nachweisen können. Dies ist im allgemeinen bei freischaffenden Künstlern nicht relevant, so dass diese ca. 1,2 Millionen Personen darauf angewiesen sind, Hartz IV zu beantragen (ebenfalls aus Steuermitteln finanziert). Rücklagen können die meisten wegen des geringen Einkommens nicht bilden. Ja, ich finde schon, dass die Allgemeinheit zur Rettung der Kulturszene genauso beitragen muss wie sie es für andere Branchen bereits getan hat

  8. 21.

    Aha, und in den bösen Unternehmen arbeitet niemand? Sie wollen Geld? Persönlich? Die Kulturbetriebe bekommen Geld.

  9. 20.

    In der Hauptstadt der Schweiz gilt was anderes als im übrigen Land?

  10. 19.

    ich fliege dann mit dem Flugzeug in die Schweiz - da sind Großveranstaltungen ab Oktober unter Auflage genehmigt aber in der Hauptstadt ist es nicht möglich Lösungen zu finden

  11. 18.

    Der zweite Halbsatz ist m. E. nur ein Vorwand. Deshalb bleibe ich selbstverständlich beim Begriff der Kulturdesinteressierten. Denn um Inhalte geht es, nicht um eine abstrakte Höhe steuerlicher Abführung. Wer viel Steuern bezahlt, hat auch ansonsten genug, anders herum ginge es garnicht.

  12. 17.

    Für den Lebensunterhalt gibt es doch die Grundsicherung, also Geld vom Staat, das man nicht zurückzahlen muss. Das ist es doch, was Sie wollen, oder?

  13. 16.

    "Auffassungen zwischen Kulturinteressierten und Kulturdesinteressierten". FALSCH. Eher zw. Kulturschaffenden und Mesnchen, die schon genug Steuern zahlen.

  14. 15.

    Warum sollen denn bitte Börsen notierte Unternehmen Hilfe ohne Ende bekommen und dann auch noch Leute entlassen und den Reichen die Dividenden zahlen? Von der Kultur leben Musiker, Bühnenbauer, Aufbaupersonal, Tonmischer, Lichtmischer, für Tourneen spezialisierte Transport- und Busunternehmen, Security, Caterer, Garderobenfrau, Agenturen, Veranstalter, Fotografen, Journalisten, Filmer u.v.m., die seit Mitte März de facto NULL Einkommen haben. Die Soforthilfen dürfen nicht für den Lebensunterhalt verwendet werden, nur für Betriebskosten, die aber meist nicht entstehen, wenn man keine Aufträge hat. Erzählen Sie diesen Menschen (rund 2,2 Millionen), die Solo selbständig sind, dass sie unwichtig sind und für ihr quasi durch den Staat erlassendes Berufsverbot keine Entschädigung bekommen sollen.

  15. 14.

    Mag sein, dass die Kultur, die nur für einige wenige Reiche gedacht ist, ausreichend gefördert wird, aber was ist mit den anderen Bereichen? Von der Kultur leben Musiker, Bühnenbauer, Aufbaupersonal, Tonmischer, Lichtmischer, für Tourneen spezialisierte Transport- und Busunternehmen, Security, Caterer, Garderobenfrau, Agenturen, Veranstalter, Fotografen, Journalisten, Filmer u.v.m., die seit Mitte März de facto NULL Einkommen haben. Die Soforthilfen dürfen nicht für den Lebensunterhalt verwendet werden, nur für Betriebskosten, die aber meist nicht entstehen, wenn man keine Aufträge hat. Erzählen Sie diesen Menschen (rund 2,2 Millionen), die Solo selbständig sind, dass in ihre Richtung mit null Euro genug gefördert wurde.

  16. 13.

    Kultur und Musik an sich werden nicht sterben. Auch in den letzten Jahrhunderten haben sie Kriege und Krisen überlegt. Aber damit es auch in einem Jahr noch Musiker*innen gibt, die diese ausüben und bis dahin vor allem freie Musiker*innen nicht aufgeben mussten, haben wir die Plattform www.couponconcerts.com gegründet. Eine pro-Bono Initiative von und für Musiker*innen und ihr Publikum. Das Publikum vermisst Konzerte und Musiker*innen brauchen Perspektive und Verdienstmöglichkeiten. Der durchschnittliche Bürger und leider auch viele Politiker sind sich nicht bewusst, was diese Berufsgruppe für die Wirtschaftsleistung Deutschlands bedeutet. Initiativen wie www.couponconcerts.com tragen maßgeblich zum Überleben dieser Berufsgruppe bei, die ja nach Corona noch vorhanden sein soll, damit sie dann eben auch wieder so viel zur Wirtschaftskraft in Deutschland beitragen kann.

  17. 12.

    "Es gibt schon ausreichend staatliche Zuschüsse für den Kulturbereich."

    Da fallen offenbar die Auffassungen zwischen Kulturinteressierten und Kulturdesinteressierten sehr stark auseinander. Es ist nicht vordergründige Aufgabe von Kultur, "sich zu rechnen" und sich zur Unterabteilung gängiger Wirtschaftlichkeit zu machen.

  18. 11.

    Mit Verlaub: Kultur ist vom Ausdruck her frei oder sie ist nicht.
    Jede AUFERLEGTE Gesichtsverhüllung und -verdeckung ist und wäre ihr fremd. Also sollte der Abstand so (groß) bemessen sein, dass es eine Verdeckung nicht braucht.

    So halte ich es.
    Alles andere wäre für mich eine Scheinkultur, eine Kultur, die auf Plakaten und in Statistiken steht.

  19. 10.

    Sie wollen also Geld vom Steuerzahler, oder was meinen Sie mit Zahlungen der Länder? Ich finde dieses Rufen nach Geld unverschämt. Es gibt schon ausreichend staatliche Zuschüsse für den Kulturbereich.

  20. 9.

    Sie plädieren also dafür, dass Nah- und Fernverkehr eingestellt werden, verstehe ich das richtig? Umstritten ist nach meinem Eindruck das sog. 'Sicherheitskonzept' der Bahn. Aber die Belüftungssituation im Flugzeug genauso wenig wie im ICE.

  21. 8.

    Wichtig ist mir als Musiker vor allem, dass ich meine Tätigkeit fortsetzen kann, das heißt für Publikum spielen. Dasselbe dürfte auch für Veranstalter gelten. Auch sie wollen ihre Kulturveranstaltungen wieder aufnehmen, es lohnt sich aber wegen der Corona-Beschränkungen für viele nicht. Warum zahlen nicht alle Bundesländer anteilig nach Anzahl der hauptberuflich freischaffenden Künstler in einen Topf ein, aus dem der Bund dann den Veranstaltern den fehlenden Anteil zur Deckung der Gagen und der Nebenkosten wie GEMA zuschießen kann. Dann könnten Veranstaltungen zwar mit weniger Publikum, aber dennoch stattfinden, die Künstler könnten ihren Lebensunterhalt bestreiten, indem sie ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen und es gäbe für das interessierte Publikum wieder mehr Angebote. Es könnte alles so einfach sein, wenn die Verantwortlichen ein wenig an der Lösung der Probleme der Kulturbranche interessiert wären.

  22. 7.

    Auf jeden Fall gibt es keinen qualitativen Unterschied der Belüftung bei der Bahn und im Theater. In der Bahn dürfen die Leute mit Maske dicht an dicht nebeneinander sitzen. Im Theater und Konzertsaal nicht. Ob die Lüftungssysteme in Flugzeugen die Infektionsgefahr ausreichend reduzieren, ist weiterhin umstritten.

  23. 6.

    Ob es die Kultur betrifft oder andere Bereiche ..... der Senat hat bisher eher planlos gehandelt.
    Chöre dürfen Proben aber auch der Bühne ist das verboten.
    Die ursprünglich gesetzte Regeln .... kann man keinen Abstand halten muss man eine Maske tragen ist vollkommen über Bord geworfen worden.
    Die Freiheit der Religionsausübung.... da wurde ganz schnell für gesorgt....da ist es ok wenn einer vor Publikum spricht...und wohl die wenigsten Kirchen verfügen über eine Klimaanlage oder werden regelmäßig durchgelüftet.
    Und dann sagte gestern im heute Journal die Bildungsministerin für Schleswig Holstein ...wir haben bei uns nur 8 neuinfektionen und darum können Schüler und Lehrer ohne Masle und Abstand in die Schule. Es fehlte nur der Nachsatz ...wegen der 2. Welle können wir in anderen Bereichen nicht auf MNS verzichten und Theater usw. können auch nicht öffnen.

  24. 5.

    Schön dass der Gang zum jobcenter immer so als Allheilmittel propagiert wird, na klar noch mehr die dem Staat und damit dem steuerzahler auf den Taschen liegen, ist ja kein Problem wird auch noch bezahlt.
    Und dann noch der Quatsch mit den Masken, als ob ich mir so eine Veranstaltung drei vier Stunden lang mit Maske antun würde.
    Die brauchen nur ein ordentliches Belüftungssystem installieren und schon wären alle Probleme gelöst.

  25. 4.

    Flugzeug/Kulturveranstaltung: Ergibt sich der Unterschied nicht schon allein durch die (nicht) vorhandenen Lüftungs- und Klimaanlagen?

  26. 3.

    Ich finde den Vergleich so was von unpassend. Der Tourismus leidet dermaßen unter den Corona Maßnahmen. Die Hotels, Restaurants, Kneipen haben Einbußen zwischen 60 und 90%. Busreisen finden kaum statt wegen der Abstandsregeln. Ein Flugzeug ist voller Touristen, aber 99 starten erst gar nicht. Hat die Autorin dieses Artikels die letzten 5 Monate nicht mitbekommen? Das die Kulturszene dieses Bild zeigt zeugt von keinem guten Geschmack. Beide Branchen Kultur und Tourismus werden ihrer Existenzgrundlage beraubt und dürfen sich auf Hartz IV Niveau einlassen.

  27. 2.

    Ich finde den Vergleich zwischen vollem Massenverkehrsmittel wie Flugzeug und leerer Auftritts—Bühne in der Stadt des Flughafens so passend. Wenn die Heimat mit neuen Aufführungen nicht mehr aufwarten kann, was soll ich dann nach X fahren, wenn dort auch weniger neue Kultergenüsse mehr geschehen oder erschaffen werden. Gleiches Recht f. Verreisen-Förderung und Kultur-Förderung.

  28. 1.

    Erstmals: alles war in diesem Kommentar steht ist richtig!
    Zeitens: Schade aber, das Sie mit "Kultur" lt. Text nur die fälschlicherweise als "Hochkultur" bezeichneten Teile des kutlurellen Lebens benennen. Es darf diese Unterscheidung aber nicht geben - betroffen und genauso wichtig sind Komödie, Clubkultur, Musikszene, Kleinkunst u.s.w. - eben nicht nur die Oper und das Theater.

    Was ich von der Politik endlich einfordere: Eine hochkarätige Expertendiskussion über sinnvolle und sinnlose Regularien - das sollte nach 6 Monaten Corona mal möglich sein. Außerdem: Keine "Wertung" der Aktivitäten, die erlaubt / verboten sind. Wie schon im Kommentar erwähnt: Entweder ich kann Leute eine zeitlang zusammen sein lassen - das muss es egal sein, ob dies im Flugzeug oder im Theater, im Sexklub oder in der Galerie stattfindet. Corona darf nicht als "Wertssystem" missbraucht werden

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren