Archiv - Der Pianist Igor Levit spiegelt sich im Deckel des Flügels. (Bild: dpa/Hendrik Schmidt)
Bild: dpa/Hendrik Schmidt

Konzertkritik | Igor Levit in der Berliner Philharmonie - Headbangen zu Beethoven beim Auftakt des Musikfestes Berlin

Igor Levit hat zum Auftakt des Musikfestes Berlin die ersten vier Sonaten aus seinem Beethoven-Zyklus gespielt. Unser Kritiker Jens Lehmann war aber nicht nur deswegen ganz aufgeregt. Er durfte endlich wieder in die Philharmonie.

Ich erinnere mich noch gut an dieses schreckliche Gefühl: Fassungslos habe ich auf die Bühne der Berliner Philharmonie gestarrt – und mich innerlich von diesem wundervollen Saal, meinem musikalischen Zuhause, verabschiedet. Wohl wissend, dass ich ihn lange nicht mehr wiedersehen würde. Exakt 168 Tage– mehr als fünf Monate ist das jetzt her. Im Klassikbetrieb eine halbe Ewigkeit. Jetzt endlich geht es wieder los, die Saison beginnt – und ich darf wieder in den Sharoun-Bau. Aber eben nur mit Maske und großem Abstand.

Mit Argus-Augen überwachen die Abenddienst-Mitarbeiter den Einlass. Man kommt nur in einem bestimmten Zeitfenster rein, auf der Karte sind Farbcodes aufgedruckt, denen man durch das Gebäude folgen soll. Meiner ist grün, wie die Hoffnung. Hoffnung auf ein versöhnliches Ende einer langen Leidenszeit. Wie haben mir Live-Konzerte gefehlt! Diese besondere Spannung im Saal, die Konzentration im Publikum – diese besondere Chemie, die eben bei virtuellen Konzerten fehlt.

Mit großen Abstand sitzen Zuhörer am 25.08.2020 in der Berliner Philharmonie, und warten auf das Auftaktkonzert zum Musikfest Berlin von Igor Levit. Auf der Bühne steht der Flügel. (Bild: rbb/Jens Lehmann)
Mit großem Abstand sitzt das Publikum in der Berliner Philharmonie und wartet auf das Konzert.Bild: rbb/Jens Lehmann

Auch Nerds müssen Abstand halten

Doch es ist auch ein trauriger Anblick, wenn man im großen Saal der Philharmonie so um sich guckt: Statt 2.200 Menschen sitzen da etwas mehr als 400, in weitem Abstand, zwei Reihen nach vorn und hinten – je zwei Plätze zu den Seiten. In den Blöcken E und F links, da wo sonst die Nerds sitzen, sich vorbeugen, um genauere Blicke auf die Klaviatur und auf die Hände des Solisten zu werfen, finden jeweils nur 16 Menschen Platz. Und es gibt keine Gnade: Selbst Eheleute, klassikverrückte Paare oder sonstige Hausgemeinschaften müssen getrennt sitzen. Dafür darf man die Maske absetzen.

Weil das hier aber der Auftakt zum Musikfest ist - oder dem, was durch Corona noch von einem der größten Klassikfestivals in Europa übriggeblieben ist - hat der Herr vor die Musik noch das Grußwort der Staatsministerin gestellt. Monika Grütters macht keinen Hehl daraus, wie schwer auch sie sich an den Anblick einer so spärlich besetzten Philharmonie gewöhnen kann. Umso unverhohlener macht sie im Folgenden Werbung für das Konjunkturprogramm der Bundesregierung und verspricht, dass sich der immense Hunger auf Kultur nach der Krise auch für die Künstler auszahlen werde. Dass viele Künstler gerade selbst am Hungertuch nagen und ihre Soforthilfen zurückzahlen müssen, weil sie sie für ihre Miete statt für „Betriebskosten“ ausgegeben haben, lässt sie dagegen unerwähnt. Bloß keine schlechte Stimmung aufkommen lassen.

Da kommt auch schon Igor Levit rein und legt los wie die "Mannheimer Rakete". Es stürmt, es drängt, schon die erste, dem großen Vorbild Joseph Haydn gewidmete Sonate macht klar: Beethoven war ein Revolutionär, der immer höher, schneller, weiter wollte – und Levit tut es ihm gleich. Die Tempi sind irrwitzig. Das Prestissimo der f-Moll-Sonate müsste eigentlich Prestississimo heißen – und der Pianist stampft und headbangt dazu. Und doch bleibt alles ganz klar und durchhörbar. Auf Verzögerungen oder Manierismen verzichtet Levit weitgehend. Seine Interpretation ist sparsam, folgt dem Notentext, der für ihn an allererster Stelle steht.

Konzert mit Deadline

Auch in der folgenden Sonate Nr. 12 erlaubt sich Levit kaum Eigensinnigkeiten. Dafür zeigt er im liedhaften Kopfsatz, wie schön er Variationen gestalten kann. Muss ja nicht immer Diabelli oder Rzewski sein… Weiter. Immer weiter! Hinein in diesen wütenden Trauermarsch, jenes Allegro, das auch schon wieder ein Presto sein könnte. Levit jagt durch die Stücke, als hätte er eine Deadline. Achja, hat er auch: Das Konzert in der Philharmonie darf wegen der Corona-Bestimmungen nicht länger als anderthalb Stunden dauern – und es kommen noch zwei Sonaten.

Die Sonate Nr. 25 in G-Dur gehört zu den unbekannteren. Und steht mit ihrem seltsamen "Presto alla tedesca" eher quer. Vielleicht weil man auch endlich die "Waldstein"-Sonate hören möchte, eines der Gipfelwerke von Beethoven. Levit hat den Beginn mal als "pure Energie, puren Strom, pure Erwartungshaltung" beschrieben. Er habe das Gefühl, ihm flögen Blitze um die Ohren. Und so ist das jetzt auch mit uns, seinem Publikum. Schließlich sind wir inzwischen ganz nah dran. Haben uns wieder eingehört. Trotz der 400 Menschen im Saal könnte man Stecknadeln fallen hören, die Klimaanlage rauscht vernehmlich (und irgendwie beruhigend) – und es stellt sich endlich wieder dieser schöne Fokus-Effekt ein, den das menschliche Ohr so wunderbar beherrscht: Man wird hineingesogen in die Musik, egal, wie weit man wegsitzt.

Zum Schluss fliegen die Aerosole

In dieser unglaublichen Sonate entlädt sich auch Levits Spielfreude: Die dynamischen Kontraste werden heftiger, er baut Verzögerungen ein, er interpretiert. Nach einem tief-tragischen Adagio wirkt der Übergang in das Rondo-Finale wie auf der Glasharfe gespielt, bis sich die Musik selbst aufschwingt und den Blick auf eine große, helle Seelenlandschaft freigibt. Das ist ganz groß, die Herren Levit und Beethoven.

Das spürt auch das ausgehungerte Publikum. Da fallen die Hemmungen, da wirbeln die Aerosole nur so bei all den Bravorufen. Und Levit macht das, was er am besten kann: Er bedankt sich freundlich, leise, unterläuft dann jegliche Erwartungshaltung und spielt, weil ihm "einfach danach ist", eine kleine, traumschöne Zugabe vom Jazz-Pianisten Fred Hersch: "Trees". Die Puristen mögen jaulen, ich lasse mich vom Wind in diesen Bäumen leicht aus der Philharmonie heraustragen. Ein großartiger Auftakt - ich komme wieder!

Sendung: Inforadio, 26.08.2020, 7 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Sharoun schreibt man Scharoun.

  2. 1.

    Reicht unsere schöne deutsche Sprache nicht mehr aus für eine Konzertkritik ? Benötigen wir auch hier die unsäglichen Anglizismen , wie "Deadline" etc. Das Spiel von Igor Levit ist einfach beglückend und berauschend.

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