Szene aus: Melissa kriegt alles von René Pollesch (Quelle: Arno Declair/Deutsches Theater)
Audio: Inforadio | 30.08.2020 | Ute Büsing | Bild: Arno Declair/Deutsches Theater

Premierenkritik | Uraufführung am DT - Um Leben und Tod: René Pollesch und das Theater der Trance

Nach Volksbühne und Gorki ist auch das Deutsche Theater Berlin in die neue Spielzeit gestartet. Mit der Uraufführung von "Melissa kriegt alles" präsentiert das Haus die vierte DT-Regiearbeit des zukünftigen Volksbühnenintendanten René Pollesch. Von Ute Büsing

Wer Melissa ist, und warum sie alles kriegt - wie der Stücktitel verspricht - bleibt bei diesen gar nicht so flotten 90 Minuten Diskurstheater im Unklaren - wie manch anderes auch im Sammelsurium bekannter Pollesch-Motive neu gesampelt.

Wieder schauen wir, das Publikum, wie zuletzt so oft, den Schauspielern im Deutschen Theater Berlin beim Fabrizieren einer Geschichte zu. Die sogenannte "Vierte Wand" ist längst gefallen in René Polleschs Autorentheater. Hier fallen jetzt auch sinnbildlich die mit Hammer und Sichel bespannten Wände der Kommunalka, einer typisch russischen Mehrparteien-Bude (Bühne: Nina von Mechow).

Die Russland-Assoziation wird verstärkt durch die Kledage der Schauspieler: Pelzhüte und Mäntel, Kampfstiefel und rote Kampfklamotten (Kostüme: Tabea Braun). Aha: Revolutionäre schwadronieren über die Jahre des Kriegskommunismus und dessen "Zärtlichkeit", während ihr Anführer, Martin Wuttke mit Marx-Bart in Holzpantinen und mit kyrillischer Schrift bedrucktem Nachthemd, eine Pollesch-Figur reinsten Wassers, den Plan hegt, eine Bank zu überfallen. Wuttke stammelt sich gekonnt mit dem bekannten Furor durch die Widerhaken der Wortkaskaden. Ein sanfter Desperado, spät im Stück auch mit Knarre.

Slapstickreiches Motiv-Gewimmel

Dominant im slapstickreichen Motiv-Gewimmel, gerne mal an der Pole-Stange, ist die Auseinandersetzung mit dem Theater: Wie es heute gespielt wird und damals in den Arenen der alten Griechen, als es noch um Leben und Tod ging. Um eine grundlegende Unentschiedenheit.

Im Kapitalismus ginge es nur noch ums Leben und vielleicht um noch ein Leben, säuselt Kathrin Angerer. Schauspieler aber müssten "paradoxialen Anweisungen" folgen, sich auch ins Ritual des Todes verwickeln können. In der Bretterbudenwohnküche nehmen die sechs Diskutanten Theaterprinzipalin Helene Weigel und ihre Rolle in "Die Mutter" auseinander und setzen sie neu zusammen. Kämpferin und mütterliches Getue - geht das zusammen? Hat sie nicht die Mutter-Rolle als Theaterprinzipalin am BE mit anderen Mitteln fortgesetzt?

Kathrin Angerer möchte die Wunde zeigen, die sie sich im Kampf um Warschau zugezogen hat, punktet aber bei den Genossen eher mit "toll aussehen" in schulterfreiem roten Hängerchen mit Gold- Stilettos. Dialektik oder Paradoxie? Neben den langjährigen Pollesch-Stammspielern Angerer, Wuttke und Franz Beil, als Gäste am DT, finden auch Jeremy Mockridge, Bernd Moss und Katrin Wichmann aus dem DT-Cast bei der vierten Zusammenarbeit ihren ganz eigenen Pollesch-Kaskaden-Ton, besonders in den mit persönlichen Erfahrungen angereicherten Episoden dieses Autorentheaters.

Theater gegen die Repräsentationsroutine des Lebens

Ausufernd wird einem "Theater der Trance" das Wort geredet. Was genau das ist oder sein soll, bleibt im Dunkeln, etwa so: etwas darstellen und gleichzeitig dessen Gegenteil. Dann wieder geht es um verständlichere Motive wie darum, sich im Internet und Instagram-Zeitalter ein Bild von etwas zu machen, um E-Casting und um das, was an der Schauspielschule gelernt wird, um arrogante britische Schauspieler, die ihr Publikum verachten.

Wider die - so steht es im Text - "Repräsentationsroutine des Lebens" hat Renée Pollesch mit seinen Darstellern für das Deutsche Theater eine kleine bezugsreiche Zeitreise entwickelt. Intellektuell anspruchsvoll und doch zu insiderisch, um das pure Vergnügen zu sein. Massen passen ja gerade ohnehin nicht ins Theater – jede zweiten Sitzreihe ist ausgebaut, nur ein Viertel der Plätze gefüllt. In dieser Inszenierung belebt großes Publikum als Filmkulisse den Hintergrund und tut das so sehr, dass Bernd Moss einmal anmerkt, man müsse doch in die andere Richtung spielen. Insgesamt beherrscht das Ensemble die Fallstricke und die Fallhöhen des Textes mit beneidenswerter Souveränität. Und dafür gab es dann auch den bisher größten Schlussapplaus der noch jungen Saison.

Sendung: Inforadio, 30. 8. 2020, 11 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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