Ulrich Gumpert und Silke Eberhard während eines Konzerts (Quelle: imago-images)
Audio: Inforadio | 10.08.2020 | Laf Überland | Bild: imago-images

Jazzwoche Berlin #2 - Wenn der Berliner Jazz aus seiner Nische herauskommt

Berlin ist eine Jazzstadt, nur weiß das außer der eingefleischten Szene anscheinend kaum jemand. Ab Montag könnten es ein paar mehr Leute merken: Dann ist eine Woche lang Jazz in allen Stilrichtungen zu hören - auch in den kleinsten Clubs der Hauptstadt. Von Laf Überland

Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch: Diesen Satz setzte der Rock-und-so-weiter-Innovationsheilige Frank Zappa 1974 in die Welt, und seither ist er ein Lieblingsversatzstück der Jazzberichterstattung, mit einem Bart so lang wie der des Jazzinnovators Pharoah Sanders. Das Seltsame ist, dass man diesen Satz anscheinend immer und immer wiederholen muss, denn warum sonst sollten in steter Wiederholung Jazzfestivitäten angekündigt werden, als gelte es, eine neue Musikform zu entdecken?

Ein Streifzug durch das Jazz-Musikotop

Sieben Tage lang von Montag bis Sonntag präsentiert sich jetzt also geballt der Jazz in Berlin: drinnen, draußen und digital. Mindestens 55 Auftritte sind angekündigt - in Ateliers, kleinen oder größeren Clubs, Bars und Kleinstspielstätten, an über 30 Spielorten jedenfalls, ob in eingeführten Publikumsläden wie dem A-Trane, dem b-flat, der Kulturfabrik Schlot oder in eher nur der Szene bekannten Läden wie Au Topsi Pohl, der Glühlampe, oder dem klitzekleinen Donau115, das trotz seiner winzigen Größe vom britischen Guardian vor vier Jahren zu einem der zehn besten Jazzclubs in Europa gewählt worden war.

Die Initiatoren legen Wert darauf, dass die Jazzwoche Berlin kein kuratiertes Festival ist, sondern eine Woche, wo Musiker, die sich irgendwie dem Jazz-Musikotop zugehörig fühlen, irgendwo auftreten - ob die nun den immer wieder neu abzuschreitenden Spielraum des klassischen Jazz-Trios durchforschen, auskomponierte Kunstmusik für kleine und große Besetzungen aufführen oder in freien Ausbrüchen durch die Musik schwirren oder versuchen, elektronische Maschinen zum Swingen zu bringen.

Den Jazzpreis gibt es dieses Mal im A-Trane

Berühmte Musiker treten in der diesjährigen Jazzwoche Berlin auf wie der amerikanische Vibraphonist David Friedman, der seit Jahrzehnten in Berlin lebt, und die japanische Pianistin Aki Takase und vor allem aber eher noch weniger bekannte Instrumentalisten wie der Saxophonist Oliver Hafke Ahmad oder der Pianist Andreas Schmidt.

Mitte der Woche wird dann am Donnerstag vom Berliner Senat und dem rbb der mit 15.000 Euro dotierte Jazzpreis Berlin zum vierten Mal verliehen – an die Saxophonistin und Kontrabassklarinettistin Silke Eberhard, und diesmal nicht im Haus des Rundfunks, sondern im A-trane. Das Konzert ist nicht-öffentlich, aber kann ab 20 Uhr auf rbbkultur.de live im Videostream verfolgt werden.

Auch im Jazz wird über Geschlechterrollen diskutiert

Weil die Initiatoren der Jazzwoche Berlin, also die IG Jazz Berlin, sich als die politische Vertretung von Akteuren aus den Bereichen Jazz- und Improvisierte Musik versteht, und auch weil Sponsoren aus den kulturellen Behörden beteiligt sind, gibt es neben der Unterhaltung auch die Theorie in Form von Podiumsdiskussion, die sie bei der Jazzwoche Berlin ganz schlau "Diskurse" nennen. Und auch in diesem Jahr findet dabei, genau wie im letzten, der wunderliche Dauerbrenner aller jazzbezogenen Diskussionsthemen statt: nämlich die Geschlechterverhältnisse im Jazz – anscheinend sind die Geschlechterrollen im Jazz nach wie vor auf ziemlich reaktionärer Machobasis aufgeteilt.

Aber natürlich wird auch über die kulturpolitischen Folgen der Krise diskutiert, über Sinn und Unsinn von großen Festivals und tatsächlich auch über Hierarchien, Konkurrenzverhältnisse und Machtpositionen im musikalischen Miteinander. Alle Diskursveranstaltungen sind kostenlos digital zugänglich.

Hygieneregeln und weltweite Streams

Die jetzige Jazzwoche Berlin ist die zweite Ausgabe, und die hat natürlich das Pech, mitten in das Corona-Lockerungs-Durcheinander zu fallen. Zum Beispiel im A-Trane: Da wird die Sitzkapazität auf 30 bis 40 Prozent reduziert – über den Daumen heißt das: 35 Plätze. Stehplätze gibt es keine, auch an der Bar darf niemand sitzen, auf die Toilette darf man nur allein – genau wie zum Rauchen nach draußen, in Absprache mit dem Personal.

Weil es in den Spielstätten derzeit also mindestens ebenso um Hygienekonzepte und Abstandsregeln geht wie um Musik und sowieso ja nur wenig Publikum in die Spielstätten reindarf, sind auf der Homepage der Jazzwoche Berlin viele der stattfindenden Konzerte für ein weltweites Publikum erlebbar. Und weil es wichtig ist, gerade in so einem Rahmen den Wert von Musik auch im digitalen Raum zu würdigen, sind die Livestreams natürlich gegen eine, allerdings niedrige, Gebühr zu sehen.

Die Jazzwoche Berlin #2 des Jahrgangs 2020 beschert den Jazzfreunden noch nicht die Wiederkehr der Jazzkonzerte, wie man sie kennt und sich wünscht. Aber immerhin gibt es überhaupt wieder Jazzkonzerte. Und da kann man dann ja mal schnuppern, ob die komisch riechen.

Sendung: Inforadio, 10.08.2020, 06:55 Uhr

Beitrag von Laf Überland

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