Der Filmregisseur Wim Wenders steht anlässlich der Hamburg-Premiere des Films "Desperado" im Zeise Kino (Quelle: dpa/Scholz)
Video: zibb | 13.08.2020 | Christine Deggau | Bild: dpa/Scholz

Wim Wenders wird 75 - Zwischen Engeln und Herumtreibern

Wim Wenders ist der Bildpoet und elegante Melancholiker unter den Erneuerern des deutschen Films. Bei aller Neugier und Entdeckerlust ist Wenders jedoch immer seinem ganz eigenen Stil treu geblieben. Am Freitag wird er 75 Jahre alt. Von Ula Brunner

Er war ein stiller Avantgardist und ist es bis heute: Wim Wenders, Jahrgang 1945, gehörte wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Schroeter oder Rudolf Thome zu den Wegbereitern des Neuen Deutschen Films. Der Düsseldorfer Chirurgen-Sohn probierte allerdings einiges aus, bis er 1967 an der frisch gegründeten Münchner Filmhochschule angenommen wurde: Medizin und Philosophiestudium in München und Freiburg, dann Paris.

Täglich, erzählt Wenders später, habe er sich an der Cinémathèque française Filme angeschaut - bis er schließlich selber Filme drehen will. In den 1960er-Jahren gehört er zur neuen Generation von Regisseuren, die mit anderen Geschichten frischen Wind in die muffige heimische Kinolandschaft bringt. Anstelle von Heimat, Romantik und Rührseligkeit erzählen die kritischen Autorenfilmer von der NS-Vergangenheit, von Aussteigern, von Gewalt.

Regisseure wie Volker Schlöndorff, Werner Herzog oder Wim Wenders lernen ihr Handwerk nicht mehr brav von der Pike auf. Sie kommen von der Uni, der Filmtheorie oder den neuen Filmhochschulen in München und Berlin. Auch für Wenders, der neben seinem Studium Filmkritiken für die "Twen" oder den "Spiegel" schreibt, bilden das bewusste Sehen, das Nachdenken und Reden über Filme sowie das Ausprobieren neuer Ausdrucksmittel die Grundlagen seiner Arbeit.

Die Lust am Detail

Früh findet Wim Wenders seinen Stil. In seinem Abschlussfilm "Summer in the City" erzählt er von dem jungen Ex-Häftling Hans, der auf der Flucht vor seiner Bande ziellos durch München streift. Die Geschichte selbst ist nebensächlich, stattdessen richtet Kameramann Robby Müller, mit dem er auch später noch häufig zusammenarbeiten wird, seinen Blick auf die heruntergekommenen Straßen Münchens.

Lange Einstellungen von Jukeboxen und Flipperautomaten, endlose Autofahrten - schon hier wird das Hinschauen und Beobachten selbst zur Handlung des Films. Auch das typisch Wendersche Universum wird bereits skizziert: starre, lange Einstellungen, die Lust am Detail einerseits, weite Panoramen andererseits. Die Vorliebe für Städte und Landschaften, die melancholischen Helden, die Poesie seiner Bilder.

Die Musik darf nicht fehlen

Aussteiger und Heimatlose bevölkern gerade seine frühen Filme. Sie sind immer unterwegs, aber selten mit einem Ziel. Nicht umsonst hat Wim Wenders so viele Roadmovies gedreht. Und dann natürlich die Musik. Sie darf in einem Wenders-Film nicht fehlen. Im Soundtrack von "Summer in the City" sind The Kinks, Chuck Berry und Gustav Mahler zu hören. Lange vor seiner berühmtem Kuba-Musik-Doku "Buena Vista Social Club" aus dem Jahr 1999, die eine Oscar-Nominierung und den Europäischen Filmpreis erhält, ist die Musik eine treibende Kraft in seinem künstlerischen Schaffen.

"Wenn es nicht die Beatles, Van Morrison, die Kinks, die Troggs, die Pretty Things, die Stones und vor allem Bob Dylan gegeben hätte, ich hätte mich nie und nimmer getraut, das Studieren an den Nagel zu hängen und auf ein so unsicheres Terrain wie auf die eigene Kreativität zu setzen", sagte Wenders einmal 2008 in der "Zeit".

Über den Atlantik und wieder zurück

Ein Krimi bringt Wenders nach Amerika

Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Um ihre Filme selbst zu produzieren und auf die Leinwand zu bringen, gründet Wenders 1971 mit zwölf anderen Regisseuren – darunter Hans W. Geissendörfer, später stößt auch R.W. Fassbinder dazu – den Filmverlag der Autoren. Er adaptiert literarische Vorlagen wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" nach dem Roman seines Freundes Peter Handke, setzt jedoch auch weiterhin eigene Sujets um. Das Roadmovie "Alice in den Städten" bringt 1973 den künstlerischen Durchbruch. Und sein Krimi "Der amerikanische Freund" nach einer Vorlage von Patricia Highsmith trägt seinen Ruf über den Pazifik.

Der deutsche Regisseur Wim Wenders (r) erhält bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises am 26.11.1988 im Theater des Westens in Berlin von der italienischen Regie-Legende Bernardo Bertolucci (l) den Preis für die "Beste Regie" für seinen Film "Der Himmel über Berlin" überreicht (Bild: dpa/Roland Holschneider)
Wim Wenders erhält in Italien den Preis für "Beste Regie" für "Der Himmel über Berlin". Bild: dpa

1977 holt ihn Kult-Regisseur Francis Ford Coppola nach Hollywood. Ein Lebenstraum geht für den USA-Fan Wenders in Erfüllung. Hier soll der Deutsche "Hammett" drehen, einen Krimi über das Leben des gleichnamigen Schriftstellers. Doch die Zusammenarbeit läuft schwierig, Drehbuchänderungen sind an der Tagesordnung, die Filmcrew wird immer wieder ausgetauscht, am Ende muss fast der komplette Film neu gedreht werden. 1982, nach vier Jahren und unzähligen Auseinandersetzungen ist "Hammett" endlich fertig. Coppola verreißt ihn: "Das ist der schlechteste Film, den ich je gesehen habe". Wenders selbst verarbeitet seine traumatischen Erfahrungen mit den Einspruchsrechten eines Produzenten in "Der Stand der Dinge" (1983). Er arbeitet weiter in den USA, wo ihm mit "Paris, Texas" einer seiner größten Erfolge gelingt.

"Mensch, wie haben wir das bloß gemacht?"

Die Kritik überschlägt sich vor Begeisterung. Der Film erhält 1984 den Hauptpreis in Cannes, die Goldene Palme. Die Geschichte eines Mannes, der in der texanischen Provinz seine Familie sucht, mit Sam Shepard und Nastassja Kinski, hat auch an den Kinokassen Erfolg.

Robby Müller – Master of Light: Nastassja Kinski in PARIS, TEXAS (F/FRG, 1984), Regie: Wim Wenders; © Wim Wenders Stiftung
Nastassja Kinski in "Paris, Texas"Bild: Wim Wenders Stiftung

Und noch ein Spielfilm ist bis heute im Gedächtnis geblieben: "Der Himmel über Berlin" von 1987, Wenders erste Produktion nach seiner Rückkehr aus den USA. Der Streifzug eines Liebe suchenden Engels durch die Brachen der Mauerstadt, mit Curt Bois, Otto Sander, Bruno Ganz und der Musik der Einstürzenden Neubauten, ist heute ein Kultfilm. "Mensch, wie haben wir das bloß gemacht", wunderte sich Wenders 2007 in einem Interview mit der "Welt". "Das würde ich nie wieder so hinkriegen."

Der deutsche Regisseur Wim Wenders steht bei Dreharbeiten zu «Pina» vor Tänzern des Ensembles von «Sacre du Printemps» (Bild: dpa/NFP/Neue Road Movies GmbH/Donata Wenders)
Wim Wenders bei den Dreharbeiten zu "Pina". Bild: dpa/NFP/Neue Road Movies GmbH/Donata Wenders

Unermüdlicher Kreativer

Wenn Wenders am Freitag seinen 75. Geburtstag feiert, kann er auf ein opulentes Lebenswerk zurückschauen. Über 60 Filme hat er gedreht, in denen er immer wieder neues Terrain erkundete: Roadmovies, Krimis, Musikvideos, Literaturverfilmungen, die Oscar-nominierten-Dokus "Pina" und "Das Salz der Erde", den 3D-Spielfilm "Every Thing Will Be Fine". Mit Preisen wurde er überschüttet, unter anderem 2015 mit dem Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk. Natürlich blieb die Kritik nicht aus: Zu handlungsarm und selbstbezogen seien gerade seinen späten Werke. 2018 überraschte Wenders, der sich selbst als gläubigen Menschen bezeichnet, mit der persönlichen Doku "Franziskus – Ein Mann seines Wortes". "Reiner Kitsch", schrieb Spiegel Online. Und für den rbb hat er während des Corona-Lockdowns den Kurzfilm "Veränderung" gedreht.

Nun steht er ausnahmsweise selbst im Zentrum eines Films: Zum Geburtstag haben ihm "Tote Hosen"-Frontmann Campino und der Regisseur Eric Friedler das Porträt "Desperado" gewidmet.

Wim Wenders ist ein unermüdlich Kreativer: Autor, Produzent, Fotograf, Professor an der Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Mitbegründer und Präsident der Europäischen Filmakademie - und natürlich Regisseur. "Ich werde auf jeden Fall wieder einmal in Berlin drehen", hatte der Künstler, der mit seiner dritten Ehefrau Donata in Berlin und den USA lebt, einmal angekündigt. Die Engel, ergänzte er, würde er allerdings nicht noch einmal bemühen.

Beitrag von Ula Brunner

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