Gewinner*innen: Realisierungswettbewerb für das künftige Exilmuseum Berlin | Dorte Mandrup Arkitekter A/S, Kopenhagen © Dorte Mandrup
Video: Abendschau | 14.08.2020 | P. Gute | Bild: Dorte Mandrup

Entscheidung der Jury - Dänische Architekten sollen Berliner Exilmuseum bauen

Unter zehn Entwürfen für das künftige Exilmuseum hat ein Kopenhagener Architekturbüro das Rennen gemacht. Der Entwurf der preisgekrönten Architektin Dorte Mandrup greift den Zustand der Heimatlosigkeit auf. Die Finanzierung ist allerdings noch offen. Von Maria Ossowski

Warum erst jetzt? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Thematik Exilmuseum. 500.000 Menschen mussten vor den Nazis fliehen, berühmte wie Thomas Mann, Mascha Kaléko, Einstein oder Bertolt Brecht. Unbekannte wie die Ärztin Hertha Nathorff, die in den USA Haushaltshilfe und Köchin und für manche Arbeitgeber ein “dirty refugee“ war, ein "dreckiger Flüchtling".

Für sie alle soll im Halbrund um das Ruinen-Portal des Anhalter Bahnhofs ein kühnes Gebäude entstehen. Aus Beton und gelbem Ziegel, mit halbrunden Fensterfronten hin zum Bahnhofseingang oder -ausgang.

Nobelpreisträgerin Hertha Müller gab den Anstoß

Die Idee zu solch einem, längst fälligen, Museum hatte die Nobelpreisträgerin Hertha Müller. Vor zehn Jahren schrieb sie der Bundeskanzlerin dazu einen Brief. Der Ort ist für die Dichterin genau der passende: "Früher gingen durch das Portal täglich Tausende Reisende in eine riesige Bahnhofshalle. Aber ab 1933 glich auch das Monumentale des Anhalterbahnhofs mit seinen Verzierungen der Angst im Hals. Angst vor der Flucht, deren Ende ungewiss war. Tausende fuhren verzweifelt in eine Leere hinein und ließen eine Leere in Deutschland zurück.“ Eine geistige Leere, eine menschliche Leere.

Pressefoto/Fotomontage zum Realisierungswettbewerb für das künftige Exilmuseum Berlin am Anhalter Bahnhof 1. Preis Dorte Mandrup Arkitekter A/S, Kopenhagenfoto: Exilmuseum Berlin
| Bild: Exilmuseum Berlin

Geschichten der Flucht

Der Entwurf der preisgekrönten Kopenhagener Architektin Dorte Mandrup greift diese Zustände der Heimatlosigkeit und des Ungewissen innen und außen auf. Das Gebäude ist ein symmetrischer, rechteckiger, aber gebogener Riegel, im Zentrum vor dem Neubau steht die Ruine des Bahnhofs. Innen werden zum Beispiel gewölbte Böden die Unsicherheit der Flüchtlinge symbolisieren. Ein Museum mit Exponaten wird es nicht sein. Es soll auf 3.500 Quadratmetern Nutzfläche vor allem medial Geschichten der Flucht erzählen. Denn, so Schirmherr Joachim Gauck, allein ein Museum hilft noch nicht beim Nachdenken und Mitfühlen: "Mahnmale, Gedenkorte und Tafeln oder auch Museen allein bewahren uns nicht davor, im Hier und Heute gleichgültig zu werden.“

"Dieser Umgang mit der Ruine ist gelungen"

Zehn Entwürfe kamen in die letzte Runde. Aus Berlin waren die Büros Bruno Fioretti Marquez und Staab Architekten dabei. Die isländische Fachpreisrichterin Jórunn Ragnarsdóttir war die Vorsitzende der Jury. Überzeugt hat sie und die Kolleg*innen, dass die Bahnhofsruine unangetastet bleibt und dennoch Teil des Ganzen ist: "Dieser Umgang mit der Ruine ist so sehr gelungen, dass man sich wirklich in den Köpfen vorstellen kann, wie es Freude wird, sich an diesem Ort aufzuhalten, wenn es denn soweit ist."

Finanzierung steht noch nicht

Mit dem ersten Preis für die dänische Architektin Dorte Mandrup beginnt auch der große Spendenaufruf für das Museum, das bislang allein bürgerschaftlich getragen wird. Der Bund hat sich noch nicht beteiligt.

Das Gelände gehört dem Bezirk Kreuzberg, der es zur Verfügung stellt. Bernd Schulz vom Kunst- und Auktionshaus Grisebach hat sechs Millionen Euro Kapital gegeben, 27 soll das Museum kosten. 2025 soll es fertig werden. Und es soll, so Joachim Gauck, obgleich bezogen auf die Verfolgung im Nationalsozialismus, immer auch an das Heute erinnern: "Manche Fragen an die eigene Geschichte, werden auch erst dann gestellt, wenn sie einen aktuellen Bezug zum aktuellen Geschehen haben. Wenn der Blick zurück, die Reflektion über das Vergangene es vermag, Impulse und Antworten für die Gegenwart und Zukunft zu geben."

Beitrag von Maria Ossowski

10 Kommentare

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  1. 10.

    Eine Rekonstruktion der ursprünglichen Struktur (mit Museum, Ausstellungen, Cafés, Restaurants) wäre viel angenehmer für die Augen als diese unoriginelle und langweilige Schuhkiste. Solcher Entwurf kann man auf gar keinen Fall "Architektur" nennen.

  2. 9.

    Der Entwurf transportiert nur eine Neuaulage uninspirierter 50er Jahre Architektur, modern ist das leider nicht. Bitte nochmal von vorne beginnen !

  3. 8.

    Sehr beeindruckend dieser Entwurf der dänischen Architekten und vielseitig nutzbar, wenn dann nicht genügend Exponate
    Fürs neue Museeum zur Verfügung stehen oder die Finanzierung stockt kann der Betonpalast ja von Dänisches Bettenhaus und Kaufland genutzt werden, da das Betonmonster sich architektonisch in die Tradition der zahlreichen Berliner Malls einreiht.


  4. 7.

    Wer braucht für dieses Thema ein Museum? Das wichtige Thema kann anders als in der nächsten Betonkiste vermittelt werden. Durch Ausstellungen, Literatur und Reisen ist es viel anschaulicher und eindrücklicher zu vermitteln.

  5. 6.

    Die autobahnähnlichen Straßenverkehrsflächen sind ja - und jede/r wer sich damit beschäftigen will, weiß das auch - letztlich ein Ergebnis der Nazizeit. Der Große Stern ist von der Fahrbahnfläche nahezu auf die doppelte Breite gebracht worden, die so bezeichnete Siegessäule, wurde sichtbar erhöht, weil NS-seitig an die militärischen Erfolge angeknüpft werden sollte.

    Die NS-Vergangenheit ist dann einfach durch die Straßenneubenennung "Straße des 17. Juni" überlagert worden. Damit war das Thema Rückbau vom Tisch. Denn jede/r, wer einen Fahrbahnrückbau ins Gespräch gebracht hätte, hätte sich dem Verdacht der Schmälerung der Aufstandes ausgesetzt.

    Es wird Zeit, diese martialische Zäsur im Tiergarten endlich zu beenden. Ein Rückbau auf das vorherige, anfängliche Maß wäre darum auch geschichtlich eine gut begründbare Perspektive.

  6. 5.

    Finde diesen Entwurf bei erster Betrachtung für recht gelungen. Stimme aber mit Ihnen überein. Ich hätte da auch eine Idee zu Ihren Anmerkungen. Unter dem ehemaligen Postamt 11, was nun ein Hotel ist, befinden sich immernoch all die unterirdischen Gänge, die damals zum Anhalter Bahnhof führten. Es ist ein beeindruckendes Gänge-Labyrinth. Angeblich soll der Kaiser zu Lebzeiten nie von oben den Anhalter Bahnhof betreten haben. Ob’s stimmt weiß ich nicht. Wurde mir nur damals von Postmitarbeitern erzählt. Ich war einmal da unten während ich Pause hatte. Sehr beeindruckend und beklemmend die vielen Gänge.

  7. 4.

    Schade, jetzt bekommen die Deutschen endlich Design. mE. "Perlen vor die Säue".

  8. 3.

    Und wo werden Kühe gemolken und wo wird Tofu hergestellt? Neubauten müssen entstehen, weil wie Sie nach Berlin ziehen und deswegen Grünflächen zugebaut werden.
    Dies hier ist 'Nichts' zum einstigen 'Anhalter Bahnhof'. Fassaden und Metallkonstruktion/Dach waren vor der Sprengung fast unbeschädigt vorhanden. Nicht auszudenken, was 'Der Anhalter' bei Nicht-Sprengung heute für eine 'Berliner Größe/Event' wäre.

  9. 2.

    Eine gute Idee, ein guter Ort, ein schöner Entwurf. - Vielleicht aber viel ZU schön? Ich würde sicherlich "Freude empfinden", durch die Portalruine in diesen hoch ästhetischen Bau hinein zu gehen. Ich weiss nur nicht, ob es dann möglich sein wird, wirklichen Schrecken auch nur im Ansatz nachzufühlen. Auch durchsichtige und gewölbte Böden geben wohl eher einen spaßigen Kick, wie man ihn von 'Skywalks' kennt. Und wie soll in dieser künstlichen Hülle ein besonderer Bezug zur Situation heutiger Verfolgter entstehen? Geplante 27, real dann wohl 50 Millionen EUR mit besten Absichten - die aber wohl weitgehend am Ziel vorbei gehen. Eine offene, unangenehm labyrinthische Gedenkstätte ähnlich dem Shoah-Mahnmal fände ich besser: Wo man Einsamkeit nachfühlen kann - und wo man die medialen Geschichten damaliger und heutiger Geflüchter z.B. mit Virtual-Reality-Brillen erzählt bekommt. Weitgehend auf sich allein gestellt - wie wohl viele Geflüchtete es erleben.

  10. 1.

    Ich begrüße das Museum und der Ort scheint auch passend. Bleibt die Frage, wo in Kreuzberg oder in der Nähe die Ersatzgrünflächen geschaffen werden??? Immer mehr Neubauten zunehmend in Grünanlagen. Ersatz-Schwimmhalle auf der Wiese im Prinzenbad, Ersatzschulgebäude in der Grünanlage neben dem Bethanien, asphaltierte Radwege bzw. in den Waldeckpark versetzte Gehwege ... wie wärs z.B. die autobahnähnlichen Straßenflächen im Tiergarten zum Teil in Grünflächen umzuwandeln ;)
    PS: Wird zumindest das Dach begrünt? Wie wird die Fassade gekühlt?

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