Archivbild: Tänzerin des Staatsballet Berlin bei einem Luftsprung. (Quelle: dpa/Hoensch/Eventpress)
Audio: rbbKultur | 27.08.2020 | Gespräch mit Vera Block | Bild: dpa/Hoensch/Eventpress

Staatsballett Berlin startet in neue Saison - Kein "Schwanensee" in Sicht

Das Staatsballett Berlin ist aus den Sommerferien zurück. Zwar gibt es noch keine neue Leitung, aber umso mehr Courage, Corona zu trotzen. Die neue Saison eröffnet mit neuen Ideen und drei Gala-Vorstellungen an der Deutschen Oper. Von Vera Block

Beine seitlich in die Luft schwingen, hochspringen, sich auf der Fußspitze drehen – das übliche Tanztraining ist in vollem Gang. Nur der Übungssaal ist nicht so voll wie vor einem Jahr.

Alle Tänzerinnen stehen in großem Abstand zueinander, die Dachfenster sind gekippt, die Tür steht auf. Das sorgt für Luftzug. Und noch etwas soll das Infektionsrisiko bei den Proben minimieren: ein spezielles Gerät, das den CO2-Gehalt der Luft misst. "Das ist im Grunde genommen ein kleiner Feuermelder, der auf Gesichtshöhe angebracht ist, und zwar dort, wo es nicht so gut belüftet ist. Sodass sozusagen der schlechteste Punkt gemessen wird", erklärt die kommissarische Intendantin des Staatsballetts, Christiane Theobald. "Bei 700 parts per million (ppm) ist die Luftqualität wie draußen im Freien und wir alle wissen ja, draußen ist es am sichersten. Wenn sich Menschen angestrengt bewegen, dann verändert sich dieser Wert natürlich und dann muss man eben je nachdem handeln." Bedeutet: Probe unterbrechen, Raum lüften.

"Sechs Meter Abstand auf der Bühne"

Im Arbeitszimmer von Christiane Theobald hängt wie eine Art Schlachtplan eine weiße, eng beschriebene Tafel. "Sechs Meter Abstand auf der Bühne", steht da ganz oben.

Darunter sind Zahlen notiert, mit Hinweisen, ab wann die Maske getragen werden muss. Das gilt für Proben und für Aufführungen - und stellt das Staatsballett vor kaum lösbare Aufgaben. Denn im Repertoire des Staatsballetts gibt es gar nicht so viele Choreografien, die mit den Corona-Hygieneregeln kompatibel wären, solche also, wo wenige Menschen im großen Abstand zueinander tanzen, sagt Christiane Theobald: "Wir haben hier nun eigentlich die großen Titel wie 'Schwanensee', 'Giselle', 'Die Bajadere', mit ganz, ganz vielen Menschen auf der Bühne - und das können wir jetzt im Moment genau nicht zeigen."

In Isolation und doch zusammen tanzen

Noch nicht, denn zusammen mit dem Choreografen Patrice Bart, dessen Ballettfassungen zum Repertoire der Kompanie gehören, würden Massenszenen zurzeit quasi dekonstruiert und so an die neuen Hygiene-Anforderungen angepasst. Die Ergebnisse werden vom 18. bis 20. September unter dem Titel "From Berlin with Love II" an der Staatsoper Unter den Linden gezeigt.

Davor, zur Saisoneröffnung, ab dem 27. August wartet das Staatsballett an drei Abenden an der Deutschen Oper mit einer Gala auf, die aus Soli und Paartänzen zusammengestellt wurde. Beide Abende greifen, so die Idee, eine Initiative der Ersten Solotänzerin Ksenia Ovsyanick auf. Sie hat zu Beginn des Lockdowns ein Video-Projekt initiiert, in dem die Ensemblemitglieder, jeder in Isolation, dennoch zusammen tanzen konnten. Das ergreifende Video ging viral.

Von Isolation werden dann Anfang September drei Abende an der Komischen Oper erzählen. Unter dem Titel "Lab_Works_COVID_19" wollen Tänzerinnen und Tänzer Choreografien zeigen, die sie während des Lockdowns selbst entwickelt haben.

Pärchenbildung nur für Haushaltspartner

Das Staatsballett ist also wieder da, aber seine Herausforderungen sind enorm. Denn miteinander tanzen können momentan nur die, die auch zusammen leben. Für das Ehepaar Marjan Walter und Iana Salenko – beide erste Solisten – kein Problem. Für die Prima-Ballerina Elisa Carillo Cabrera wird es eins werden, denn ihr Mann und Tanzpartner, Mikhail Kaniskin, verlässt nach 13 Jahren die Kompanie. Vor dem Ausbruch der Pandemie sei sie auch mit anderen Solo-Tänzern aufgetreten, jetzt ist es erst einmal nicht möglich. "Es wird nicht einfach. In dieser Corona-Situation muss man vielleicht allein etwas finden, Solo-Projekte machen."

Obwohl viele Kompaniemitglieder untereinander liiert sind, können viele nicht ohne Weiteres zusammen auftreten, weil sie zu unterschiedlichen Tänzergruppen gehören, etwa zu Solisten oder dem Corps de ballet und dadurch ein unterschiedliches Repertoire haben. Das wiederum kann auch etwas Gutes haben: "Dadurch, dass wir jetzt Haushalte zusammengestellt haben, bekommen auch Gruppentänzer die Gelegenheit, solistisch sichtbar zu werden," sagt Christiane Theobald. Für die Zukunft überlegt das Staatsballett, das Modell der professionellen Standartdänzer zu prüfen, wo nur feste Paare miteinander tanzen.

Abschied mal anders

Der kommissarischen Intendantin, die in den vergangenen Monaten für den Zusammenhalt im Ensemble sorgte, ist es übrigens zu verdanken, dass der erste Solotänzer Mikhail Kaniskin trotz der Corona-Krise einen gebührenden Abschied bekommt.

"Das war so geplant mit der Direktion, dass ich zum Ende meiner Karriere am Staatsballett eine Abschiedsvorstellung tanzen soll. Wir waren genau in dieser Entscheidungsphase, ob das 'Diamanten' von Balanchine oder 'Onegin' als Titelrolle wären und genau in dieser Zeit ist Corona gekommen", erinnert sich der Tänzer, der mit seinem anmutig-galanten Auftreten viele Hauptpartien im Repertoire des Staatsballetts geprägt hat.

Weil momentan kein abendfüllendes klassisches Ballett gezeigt werden kann, entschied man sich, den Galaabend am 29. August zu Kaniskins Abschiedsparty zu machen. Er hat dazu viele seiner Wegbegleiter eingeladen, Weltstars wie Lucia Lacarra, Marcelo Gomes oder Jason Reilly. Es werde ein emotionaler Abend, befürchtet Kaniskin, verlegen lächelnd. "Ich weiß nicht, ob ich weinen werde. Ich bin eine emotionale Person. Bei meiner Abschiedsvorstellung in Stuttgart damals vor 13 Jahren habe ich geweint."

Von 1.800 Plätzen werden nur etwa 455 belegt

Allerdings werden gar nicht so viele Ballettfans Mikhail Kaniskins Abschied und andere Galas miterleben können. Von 1.800 Zuschauerplätzen etwa an der Deutschen Oper werden Corona-bedingt pro Vorstellung nur 455 belegt.

Beitrag von Vera Block

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