Schauspieler bei der Foto-Probe am Maxim Gorki Theater: Emre Aksizoglu, Falilou Seck, in <<Berlin Oranienplatz>> von Hakan Savas Mican. Premiere: Freitag, 28. August 2020. (Quelle: imago images/M. Popow)
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Theaterkritik | "Berlin Oranienplatz" - "Ich wollte Tschüss sagen"

Can verbringt einen letzten Tag in Berlin, bevor er ins Gefängnis muss - oder nach Istanbul flieht. Am Maxim-Gorki-Theater hat am Freitag Hakan Savaş Micans "Berlin Oranienplatz" Premiere gefeiert - mit etwas zu wohlig geratener Melancholie. Von Fabian Wallmeier

Der Oranienplatz ist das Zentrum von Cans Welt. Auf einer Videowand sehen wir ihn in seinem ganzen Stolz, seinem grünen Auto, am "Kuchen Kaiser" vorbeifahren. Zum melancholischen Swing, den das Jazz-Quartett auf der ansonsten leergeräumten Bühne des Gorki spielt, läuft er in Zeitlupe durch Kreuzberg, liegt er rauchend auf der Straße, schaut er mit ernstem Blick den Menschen nach, die vorbeigehen.

Hakan Savaş Micans "Berlin Oranienplatz" erzählt von einem bevorstehenden Abschied. Can (Taner Şahintürk), der sich selbst, in Anlehnung an Versace, Gianni nennt, hat seine Karriere als Modedesigner an die Wand gefahren. Er hat 300.000 Euro Steuerschulden angehäuft und muss eigentlich am nächsten Tag in den Knast. Stattdessen plant er die Flucht: Nach Istanbul will er fliegen. Obwohl er weiß, dass er dann nicht zurückkehren könnte. Obwohl er wenig vom wahren Leben in Istanbul weiß. Und obwohl er kaum mehr als die paar Wörter Türkisch spricht, die er aus den Liedern seiner Mutter behalten hat.

"Warum bist du gekommen?"

Das Stück folgt Can an diesem letzten Tag und der letzten Nacht durch sein Berlin. Es ist nicht das erste Mal, dass er verschwindet und damit alle vor den Kopf stößt: seine Eltern, seine Freunde, seine ehemalige Band (die es nie über "Killing Me Softly" auf Türkisch für Hochzeitsgesellschaften herausgebracht hat). Dementsprechend verhalten fallen einige der Abschiede nun aus - zumal Can meist nicht den wahren Grund seines Abschieds nennt. "Warum bist du gekommen", fragt ihn sein Vater (Falilou Seck). "Ich wollte Tschüss sagen", antwortet Can. "Tschüss", sagt der Vater - und viel mehr haben die beiden sich nicht mehr zu sagen.

Die Mutter (Sema Poyraz) dagegen hat immer zu ihrem Jungen gehalten. Dass er in Schwierigkeiten steckt, will sie aber nicht wissen. Einen Burn-Out fantasiert sie herbei, Cans eigenes Verschulden schließt sie kategorisch aus. Eine Ausgabe der "Zitty" (noch so ein Abschied: Das Stadtmagazin wurde in der Corona-Krise von einem Tag auf den anderen eingestellt) mit einem Artikel über seine einstigen Erfolge trägt sie immer bei sich. "Egal, was passiert: Wir sind stolz auf dich", lässt sie ihn wissen.

Can trifft auf seiner Abschiedstour noch auf alte Freunde, eine alte Liebe (Sesede Terziyan), eine mögliche neue (Anastasia Gubareva) und geht auch kurz in seiner alten Moschee vorbei. Die kommt hier im Gewand eines Jazz-Clubs daher - und den Imam gibt Falilou Seck als Dieter-Thomas-Heck-Verschnitt mit Glitzermikro.

Schauspieler Taner Sahintürk (m.), in der Fotoprobe zu <<Berlin Oranienplatz>> von Hakan Savas Mican im Maxim Gorki Theater. Premiere: Freitag, 28. August 2020. (Quelle: imago images/M. Popow)

Corona-bedingt ohne Umarmung

Dass die Schauspieler und Schauspielerinnen auf der Bühne wegen Corona einander nicht nahekommen dürfen, wirkt keineswegs aufgesetzt. Zweimal wehrt Can eine drohende Umarmung ab - und das ist folgerichtig. Denn dieser Can ist vor Nähe immer davongelaufen, ein vermeintlich besseres Leben im Blick, das er sich und seinen Nächsten schuldig zu sein glaubte.

Umso herzlicher dagegen die obligatorischen Worte der Intendantin Shermin Langhoff nach dem Schlussapplaus. Wie immer tritt sie von rechts bis vor den Bühnenaufgang - normalerweise um zur Premierenfeier einzuladen, doch dieses Mal geht das nicht, der notgedrungen nur spärlich besetzte Saal muss sich in aller Ruhe wieder leeren - und die Zuschauer und Zuschauerinnen im gebotenen Mindestabstand nach Hause gehen. Dass Langhoff das von Herzen leid tut, glaubt man ihr sofort. Doch besser so als gar kein Theater im Gorki.

Taner Sahintürk bei der Fotoprobe von <<Berlin Oranienplatz>> von Hakan Savas Mican im Maxim Gorki Theater. Premiere: Freitag, 28. August 2020. (Quelle: imago images/M. Popow)

"Berlin Oranienplatz" als einen Gegenentwurf zu "Berlin Alexanderplatz" zu lesen, liegt auf der Hand: In Döblins Roman kehrt einer aus dem Knast zurück, will ein guter Mensch werden und scheitert - bei Mican dagegen muss einer in den Knast und will sich aus der Verantwortung stehlen. Auch stecken in beiden Werken Stadtportrait-Miniaturen und Milieustudien.

Wohlig-warme Melancholie

Doch natürlich ist "Berlin Oranienplatz" ein paar Nummern kleiner geraten - und das nicht nur wegen der kompakten Länge von rund 100 Minuten. Letztlich ist der Abend vor allem harmloser, heimeliger - denn Cans Verwerfungen und Unzulänglichkeiten, seine geplatzten Träume und aufkeimenden Hoffnungen packt Mican in eine wohlig-warme Melancholie, umspielt vom geschmeidig gespielten Kuschel-Jazz. Der Abend tut niemals weh, geht aber eben auch niemals richtig zu Herzen.

Wie entscheidet sich Can nun: Gefängnis oder Istanbul? Das lässt der Abend offen. Cans Auto aus den Video-Aufnahmen, sein letztes zentrales Besitztum, nachdem er Geschäft und Wohnung abgewickelt hat, gibt es noch ein zweites Mal: Als Spielzeug-Auto steht es den gesamten Abend über an der Rampe. Ganz am Ende, als auf der Videoleinwand das große Auto aus dem Bild fährt, holt Şahintürk die Fernbedienung und steuert es langsam nach hinten. Nicht nach rechts fährt es, nicht nach links, sondern es landet mit einem Rumms an der Hinterwand.

Sendung: Kulturradio, 29.08.2020, 6 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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