Rio Reiser (Ralph Christian Möbius) in Peters Pop Show im November 1986. Quelle: imago/teutopress
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50 Jahre "Ton Steine Scherben" - Am Anfang war das Feuer

Vor 50 Jahren begann bei einem Festival auf Fehmarn die Geschichte der legendären Berliner Gruppe "Ton Steine Scherben". Gleich zu Beginn wurde die Kasse geklaut und die Bühne angezündet. MC Lücke analysiert, wie die Scherben Deutschlands einflussreichste Band wurden.

Bei der legendären Kreuzberger Band "Ton Steine Scherben" ist so gut wie alles legendär, und folgerichtig somit auch ihr erster Gig, den die kurz Scherben benannte Band an der Seite des größten Gitarristen der Musikgeschichte bestreiten durfte.

Oder besser gesagt voller Wut nach ihm absolvierten, denn parallel zum Auftritt von Jimi Hendrix auf Fehmarn beim "Love-And-Peace-Festival" am 6. September 1970 hatten sich die Veranstalter mit der Tageskasse vom Acker gemacht.

Und dann brannte die Bühne

Rio Reiser, damals ein zorniger, blutjunger Heißsporn und erst viel später der musikalische König von Deutschland, forderte das Publikum auf, die Veranstalter "ungespitzt in den Boden zu rammen" und die Fans folgten dem charismatischen Sänger schon damals; wie im Laufe der Karriere der Scherben im Grunde genommen immer, wenn es nach einem ihrer Gigs irgendetwas zu besetzten galt und Rio dazu aufgefordert hatte.

Der deutsche Sänger Rio Reiser, ehemaliges Mitglied der Musikgruppe "Ton, Steine, Scherben", sitzt barfuß in der Stadthalle auf der Bühne. (Quelle: dpa/Thomas Muncke)
Rio ReiserBild: dpa/Thomas Muncke

Auf Fehmarn wurde schon beim dritten Song der Scherben ("Macht kaputt, was Euch kaputt macht") das Organisationsbüro auf dem Gelände in Brand gesteckt. Zwei Songs weiter brannte dann die Bühne.

Die etwas andere Feuertaufe einer Band, die nachfolgend die deutsche Jugend der frühen 70er-Jahre "anstecken" würde, die den Verfassungsschutz beschäftigen sollte, in deren Kreuzberger WG spätere Terroristinnen und Terroristen ein und aus gingen, die gleichsam aber die Demokratisierung der Bundesrepublik sowie die Rechte von Schwulen und Lesben vorantreiben konnte.

Keine Macht für Niemand

"Ton Steine Scherben" wurden vor 50 Jahren gegründet und bleiben für immer einmalig in der (Musik-) Geschichte Deutschlands. Ihr politisches Wirken ist dabei mindestens ebenso wichtig wie ihr musikalisches.

Nikel Pallat, Mit-Musiker und damaliger Manager der Scherben, sorgte schon ein Jahr nach Fehmarn für die nächsten fetten Schlagzeilen, als er im Dezember 1971 im Rahmen einer WDR-Talkshow versuchte, mit einem Beil den Studio-Tisch zu zerhacken, um gleichzeitig zu erklären, warum das Fernsehen ein Unterdrückungsinstrument sei.

"Maschinen laufen, Menschen schuften. Für wen?"

"Ton Steine Scherben" galten zu dieser Zeit bereits als Sprachrohr der Jugend, als das der aufmüpfigen Studenten, der 68er-Generation; vor allem aber fühlte sich die Band den Lehrlingen und Arbeitern verbunden, der Klasse also, der die Bandmitglieder selbst entsprungen waren.

Texter Rio Reiser arbeitete aufgrund seiner persönlichen Grundlage überaus plakativ. Er wollte, dass ihn und seine Botschaft jede Frau und jeder Mann verstehen kann, jede und jeder Jugendliche, und somit wurden sehr oft bei Scherben-Songs deren Refrains zu Slogans - Slogans, die rund 50 Jahre später immer noch zur Grundausrüstung einer jeder links-gerichteten Demo gehören.

Die Erfindung Kreuzbergs

Laut der "Tageszeitung" ist die Erfindung Kreuzbergs die historische Großtat von "Ton Steine Scherben". Da ist was dran: Der ehemalige Postzustellbereich SO36, Hinterhof West-Berlins, ist in den 70er-Jahren an drei Seiten von der Mauer umschlossen und somit der perfekte Lebensraum für Utopien.

Und ebenso bestens geeignet als "Battleground" der Band und ihrer Anhängerinnen und Anhänger für den Kampf um ein alternatives, teilweise anarchistisches Leben inmitten einer kapitalistischen Gesellschaft.

Zur gleichen Zeit, als Pallat mit einem Beil ins Fernsehstudio kam, exakt am 7. Dezember 1971, besetzten die Scherben im Anschluss an ein Konzert in der TU Berlin einen ungenutzten Teil des Bethanien-Krankenhauses. Den ehemaligen "Schwestern-Flügel" des Bethanien benannten die Besetzerinnen und Besetzer in "Georg-von-Rauch-Haus" um - nach dem gleichnamigen Anarchisten, der vier Tage zuvor nach einem Schusswechsel mit der Polizei verstorben war.

Bommi Baumann, Mitglied der terroristischen Gruppe "Bewegung 2. Juni", war regelmäßig im Rauch-Haus. Rio hatte vorsichtshalber seinen Personalausweis stets neben seinem Bett liegen, denn wie sich Scherben-Gitarrist Lanrue auch 50 Jahre später noch mit Schaudern erinnert, "haben uns die Bullen nachts mit entsicherter MP aus dem Bett geholt."

Irgendwann hatten die Scherben von diesem Leben die Schnauze voll, denn laut Gitarrist R.P.S. Lanrue hatten die Bandmitglieder überhaupt keine Privatsphäre mehr. Das schicke Lebensgefühl der frühen 70er im Kreuzberger Biotop war dahin und zum Klischee verkommen: "Es war ein einziges Kommen und Gehen", erzählte Lanrue dem Historiker und Autor Michael Sontheimer auf launige Art und Weise. "Unsere Adresse stand ja auf unseren Platten und es kursierte das Gerücht in der Szene, dass man bei uns pennen könne. Irgendwann stand dann eine ganze Schulklasse aus Düsseldorf vor der Tür ..."

1975 verabschiedeten sich die Scherben vom aufwühlenden West-Berlin in das erneut selbstbestimmte Leben und Arbeiten, diesmal auf einem Bauernhof in Nordfriesland.

Druck und Vereinnahmung

Pallats Nachfolgerin, die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth, versuchte als letzte Managerin der Scherben vergeblich, die Band in den 80ern kommerziell zu retten. Doch die hatte sich in ihren Überzeugungen und Idealen verfangen. Auf ihrer letzten großen Tour 1984 musste die Band für ihren Heldenstatus bluten, und hatte am Ende einen Fehlbetrag von 200.000 DM zu beklagen.

Lanrue erzählte mir 2017, als die Tribute-Alben "Radio für Millionen" und "Ton Steine Scherben: In Dub" erschienen, dass man in den 80er- Jahren keine Tournee kostendeckend fahren konnte, weil der Druck der Szene die Band dazu gebrachte hatte, viel zu niedrige Eintrittspreise zu erheben. Claudia Roth erinnerte sich 2015 in einem Interview mit dem "Donaukurier" an das Ende der Band 1985: "Es ist ja nicht so gewesen, dass keine Leute mehr kamen. Aber während man für BAP-Konzerte klaglos 50 Mark hinlegte, gab es Proteste, wenn die Scherben 15 Mark für eine Karte wollten. Da hieß es gleich: Ihr seid jetzt auch schon Ausbeuter."

Der Stress mit der linken Szene hatte nach Lanrues Erinnerungen seit den 70ern stetig zugenommen. Es wurde einfach nicht akzeptiert, wenn die Scherben mal irgendwann und irgendwo in Deutschland keine Lust hatten, nach einem Gig die nächste leerstehende Kita zu besetzen.

"Ton Steine Scherben" bei einem Liveauftritt in den 80er Jahren (Quelle: dpa/Hardy Schiffler)
Liveauftritt in den 80ern | Bild: dpa/Hardy Schiffler

Viertes Album floppte

Die Helden der Szene verloren ihren Status als Lichtgestalten. Ihre textliche Hinwendung zu persönlichen Themen und somit ihre Entfernung von primär politischen Songs, insbesondere auf ihrem vierten Studioalbum "IV" von 1981, wurde von ihren ehemaligen Fans, Genossen, Mit-Streitern, -Besetzern und -Aktivisten nicht mitgetragen und das Album floppte total.

Der finanzielle Druck wurde immer größer und führte zu Abenteuern, wie jenes, das Lanrue nie vergessen wird: "Alle Leute wollten uns politisch oder anderweitig vereinnahmen. Wir absolvierten strapaziöse Tourneen, aber hatten kein eigenes Auto. Einmal hatten wir einen VW-Bus von Dieter Kunzelmann geliehen, aber der wurde von den Bullen gesucht und sein Bus natürlich auch. Also standen wir mit unseren Sachen schnell neben dem beschlagnahmten Bulli auf der Straße."

Dass "Ton Steine Scherben" zwar immens wichtig für Deutschlands Musikgeschichte, hingegen aber kaum bekannt, oder gar kommerziell erfolgreich waren, blieb so bis zu der späten Genugtuung für die Band im Jahr 2015. Mit der Sammlung ihrer Vinyl-Alben als Box (Das Gesamtwerk - Die Studioalben) erreichten die Scherben erstmalig die deutschen Alben-Charts und stießen dabei bis auf Platz 29 vor.

Einfluss auf die Nachfolge-Generation

Im Übrigen ist der Einfluss der Scherben auf die nachfolgenden Jahrzehnte und ihre Protagonistinnen und Protagonisten nicht überzubewerten. Die Scherben hatten eine musikalische Vorbildfunktion für den deutschen Punk und die "Neue Deutsche Welle". Ihre Texte im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung sind heute ebenso aktuell wie in den 70ern, ihr gesellschaftliches Engagement hat die Friedensbewegung ebenso beeinflusst wie die LGBTQIA+Bestrebungen.

Weil sie die etablierte Musikindustrie damals ablehnte und ihre Musik nicht herausbringen wollte, gründeten "Ton Steine Scherben" 1971 mit "David Volksmund Produktion" eines der ersten Independent-Label Deutschlands und starten damit einen unabhängigen Verkaufszweig, der sich bis heute etabliert hat.

Erfolgreiche deutsche Bands wie die Toten Hosen, Wir sind Helden, Freundeskreis, Fettes Brot oder die Beatsteaks haben den Scherben ebenso gehuldigt, wie Marianne Rosenberg, Rocko Schamoni oder Clueso.

Den Inhalt ihres berühmten "Rauch-Haus-Songs" hat die Lichtenberger Band "KAFVKA" 2016 bei ihrer Adaption in einen aktuellen Kontext überführt und somit erneut die Relevanz auch der frühen Texte von Rio Reiser dokumentiert: "Und die Leute im sanierten Haus rufen: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist jetzt unser Haus, schmeißt doch endlich alle ohne Cash aus Kreuzberg raus!"

Die eigene Peinlichkeit

Ganz ohne Eitelkeiten waren unsere Kreuzberger Helden allerdings nicht. Wie sich erst später herausstellen sollte, stimmte die von Rio Reiser herangezogene Herleitung des Bandnamens nicht, die laut Rio auf einem Zitat des Troja- Entdeckers Heinrich Schliemann beruhen sollte. "Alles was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben." Tja, klingt echt gut, oder? De facto aber erklärten Bassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Wolfgang Seidel übereinstimmend, dass der Bandname einem Brainstorming entsprungen sei und selbiges ursprünglich den Namen "VEB Ton Steine Scherben" gebar.

Es hätte in diesem Jahr eine Menge Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum gegeben: Beim bereits ausverkauften Konzert im SO36, ursprünglich für den 12. September 2020 geplant, jetzt auf den 11. Juni 2021 terminiert, sollen neben Lanrue und Sichtermann und anderen auch Pallat, Angie Olbrich und Funky K. Götzner zum Jubiläum mitspielen - unterstützt von hochkarätigen Gästen, wie Christiane Rösinger, Dota, Lüül und Schauspieler Milan Peschel.

Aber es hätte auch eine ganze Festival-Woche geben sollen, mit Lesungen und Podiumsgesprächen, Führungen und Filmen - und gleich drei Dampfer-Touren. Jetzt soll das gesamte Scherben-Festival in der Woche vom 7. bis 13. Juni 2021 stattfinden.

Vielleicht gibt es dann ja auch, "dank" des Covid-19-Aufschubs, ein zweites, großes Jubiläums-Konzert der aktuellen Ton Steine Scherben-Besetzung. Es würde der Bedeutung der Scherben als inhaltlich wichtigster, weil einflussreichster Band Deutschlands entsprechen.

Denn längst nicht jeder Fan, wie auch Sie jetzt gerade möglicherweise traurig feststellen müssen, hat eine Karte für das Scherben-Jubiläumskonzert am 11. Juni 2021 im SO36 - inklusive Ihres geschätzten Autors, einem ewigen Verehrer von "Ton Steine Scherben".

Beitrag von MC Lücke

11 Kommentare

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  1. 11.

    Was für ein guter Kommentar. Ich verneige mich vor Dir. Mein kleiner Beitrag zu Rio war wohl dem Schrubberdienst zu sentimental. Kam nicht durch.

  2. 10.

    Aber Fackt ist das jeder Revoluzer älter wird, dann feststellt das seine Mitstreiter aus der 2. Reihe bereits abgesprungen/etabliert, frühzeitig verstorbenen er selbst nur noch peinlich ist. Herr Reiser hat den Wandel leider nicht geschafft um das Leben eines erfolgreichen Künstlers genießen zu können.

  3. 9.

    Bemerkenswert, wie sich Nicht-Fans aufraffen, den ganzen Artikel zu lesen und dann auch noch schäbbig zu kommentieren :-) offenbar mangels anderer Hobbies.
    Ich gebe zu, ich mochte nur Rio Reiser. Ich gebe zu, ich war aufm BAP Konzert. Ich hatte auch alle BAP Platten und kann immer noch Kristallnaach schreien. "Do kanns zaubere", das hätte ich aber gerne dem Rio mal geflüstert. Jaja, wir Mädels mögen solche Jungs ;-) nur kein Neid. "Jede andre hätt jesaat, et ess zo spät, dä Typ ess fäädisch, nä, dä Typ, dä krisste mer wirklich ni' mieh hin" - ja, so war es wohl. Rio brannte lichterloh - lichterloh ab. Rettungslos, von Anfang an. Wir haben es alle gesehen, gespürt, und ihn nicht aufhalten können. Ein Genie ging verloren, viel zu früh.

    Wolfgang N. hats ja auch zerlegt, aber er lebt. Rio nicht mehr. Selbst mein Kind - 10 Jahre nach Rios Tod geboren - kennt und singt seine Lieder....

    Jaja, die anderen Scherben waren auch ok ;-)

  4. 5.

    Ihr Kommentar ist verkürzend, plakativ und unsachlich und disqualifiziert sich deshalb selbst.

  5. 4.

    Rio Reiser vom "VEB Ton Steine Scherben" war auch nur ein linker Chaot mit Hang zum randalieren.

  6. 3.

    Man kann nur hoffen, dass der braune Sumpf in West-Berlin, in Polizei und Senat, irgendwann man historisch-wissenschaftlich aufgearbeitet wird.

  7. 2.

    Schöner Bericht über eine für die deutsche Musik- und Gesellschaftsgeschichte unheimlich wichtige Band.

    Ich drücke dem Autor die Daumen, dass er doch noch ein Ticket für das Jubiläumsticket ergattern kann.

    Außerdem ist es mir ein Bedürfnis, die Ehre von Bap zu retten und möchte daher Claudia Roth widersprechen: Als ich Bap bei ihrer "Zwesche Salzjebäck un Bier"-Tour 1984/85 in Freiburg in der Stadthalle (damals der teuerste Veranstaltungsort in der Stadt) gesehen habe, habe ich für gute drei Stunden Rock´n´Roll nur 16 DM bezahlt.

  8. 1.

    Ja der Rio war cool ,aber Rest naja,
    Aber als die Claudia kam wurde allles gut(Ironie)
    Als Managerin hat genauso viel Talent gehabt wie als Politikerin.

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