11.04.2020, Berlin, Die Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche am Breitscheidplatz / Kurfürstendamm in Berlin Charlottenburg (Bild: dpa/Marc Vorwerk)
Video: Abendschau | 01.09.2020 | Ulli Zelle | Bild: dpa/Marc Vorwerk

125 Jahre Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche - Umstritten, zerstört, auferstanden, geliebt

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche steht wie kaum ein anderer Ort für die Umbrüche der Berliner Geschichte: Prunkbau für einen weltlichen Herrscher, Trümmerhaufen, Kriegsmahnmal; ein Ort der Tragik und Versöhnung, voller Geheimnisse. Von Sigrid Hoff

Verkehrsumströmt und überragt von neuen Turmhochhäusern trotzt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin den Stürmen der Zeit. Seit 1963 prägt das Ensemble aus kriegszerstörter Turmruine und modernen Kirchenbauten den Breitscheidtplatz – die Neubauten wurden 1963 nach den Plänen Ego Eiermanns auf einem Podest zwischen Zoo und Tauentzienstraße errichtet.

Schutz gegen den Verkehrslärm

Wochentags öffnet die Kirche bereits um 9 Uhr ihre Pforten. Im Innenraum des Gotteshauses dringt das Außenlicht nur gedämpft ein, geheimnisvoll leuchten die blauen Glasfenster. Pfarrer Martin Germer führt mich auf die Orgelempore und über eine schmale Metallleiter weiter nach oben. Durch eine Tür an der Seite betreten wir einen Umgang, der Besuchern normalerweise verschlossen bleibt: "Wir stehen hier im Geheimgang der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche", verrät Martin Germer. Ein zwei Meter breiter Gang, mit Kies belegt, umgibt den oktogonalen Kirchenraum. Die Außenhaut des Baus besteht aus zwei Wänden mit einem Zwischenraum, der den Verkehrslärm abhalten soll.

Die Waben am Gebäude der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedaechtniskirche (Bild: imago images/Rolf Zoellner)
Die charakteristischen Betonwaben an der Kirchenfassade. | Bild: imago images/Rolf Zoellner

Außen wie innen sind die 20 Meter hohen Wände von einem Netz aus Betonwaben überzogen- hier kann man die Glasfenster des französischen Glaskünstlers Gabriel Loire aus der Nähe erleben. Die Elemente der Außenwand leuchten in dunklem Blau mit farbigen Einsprengseln, die Waben der Innenwand in einem helleren Blauton. "Das ist die Wand, die man sieht, wenn man in der Kirche drin ist. Bei Sonnenschein dringt das Licht durch beide Flächen vor, intensiv rot, gelb, grün, das bildet sich innen so verschwommen ab." erklärt der Pfarrer.

Führung durch den Geheimgang

Dieser Geheimgang ist ein Erlebnis, das die Kirche ab September in einer 30-minütigen Führung anbietet. Aber es ist nicht der einzige verborgene Ort der von Egon Eiermann gestalteten Architekturikone. Ein weiterer, der Öffentlichkeit normalerweise verborgener Gang zieht sich rund um die Kapelle, dem flachen Gebäude zwischen dem neuen Turm und dem Europa-Center. Die Kapelle ist von der Außenwelt durch eine Mauer aus Betonwaben und Glas wie ein Kloster abgeschirmt. Zwischen der äußeren Wand und dem Gebäude im Inneren befindet sich ein begrünter Umgang. Hier wachsen Rosen und rankt Wein. In der Kapelle geben wandhohe klare Glasfenster den Blick auf ein Stück Natur inmitten in der Stadt frei.

Ein Geheimgang am Ensemble der Gedächtniskirche (Bild: Sigrid Hoff)
Blaues Licht strahlt in den Geheimgang der Kirche. | Bild: Sigrid Hoff

Nur der Turm blieb übrig

Die 70 Meter hohe Turmruine daneben ist das Einzige, was nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von dem historischen Kirchengebäude übriggeblieben ist, das vor 125 Jahren nach den Plänen von Franz Schwechten errichtet wurde. Sie war die Eingangshalle zum alten Kirchenraum und erzählt von der Zeit, wo am 1. September 1895 alles begann.

Die Deckengewölbe sind mit byzantinisch anmutenden Mosaiken verziert, sie erzählen die Geschichte des Herrschergeschlechts der Hohenzollern. Reliefs geben Szenen aus dem Leben des Namensgebers, Kaiser Wilhelm I., wieder.

Die Uhr am Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Bild: imago images/Schoening)
Der Blick auf die Turmuhr an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. | Bild: imago images/Schoening

Benannt nach einem weltlichen Herrscher

Es ist schon ungewöhnlich, dass ein Gotteshaus nicht den Namen eines Heiligen oder Luthers trägt, sondern den eines Machthabers. Die Gleichsetzung religiöser und weltlicher Macht, die darin zum Ausdruck kommt, sieht die Gemeinde, so Pfarrer Martin Germer, heute kritisch. "Wir verstehen die Kirche heute nicht mehr zum Gedächtnis von Kaiser Wilhelm, das ist Geschichte." Ein Nagelkreuz in der Turmruine erinnert an die heutige Bedeutung des Turms als Mahnmal gegen Krieg und für Versöhnung.

Die Kirche selbst während ihres Bestehens von vielen historischen Ereignissen geprägt: In der Nazi-Zeit von der Auseinandersetzung zwischen Deutschen Christen und Vertretern der Bekennenden Kirche, nach 1945 war sie ein Ort der Debatten und nicht zuletzt auch Konzertkirche, in der von traditioneller Kirchenmusik bis zum Jazz alles geboten wird. Und schließlich erinnert ein Messingband, ergänzt um eine Tafel mit Namen auf den Stufen vor der Kirche an die Opfer des Terroranschlags am 16. Dezember 2016. Pfarrer Martin Germer betont: "Das gehört zum Gedächtnis dieser Kirche, also ist sie gewissermaßen Gedächtnis dieser Stadt." Daran will die Gemeinde in ihrer Festwoche zur 125-jährigen Weihe erinnern.

Seit Corona nur ein Zehntel der Besucherzahl

Die Folgen der Pandemie haben die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche finanziell hart getroffen. Die tägliche Besucherzahl ist auf ein Zehntel geschrumpft. Die nur 2.600 Mitglieder zählende Gemeinde ist auf Spenden angewiesen, die Steuereinnahmen können weder die Personalkosten noch die bauliche Unterhaltung decken. Nach fast 60 Jahren sind die Bauten von Egon Eiermann mit den typischen Betonwaben der Außenhaut sanierungsbedürftig. Pfarrer Martin Germer hofft auf Unterstützung durch private und öffentliche Geldgeber. 36 MillionenEuro sind nötig, damit die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auch visuell das Gedächtnis Berlins bleibt.

Archivbild: Eine Gedenkversanstaltung in der Berliner-Kaiser-Wilhelm-Gedaechtniskirche am zweiten Jahrestag des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz (Bild: imago images/Christian Ditsch)Eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Terroranschlages im Innenraum der Kirche.

Beitrag von Sigrid Hoff

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8 Kommentare

  1. 8.

    Guten Tag, Herr Nachnamensvetter,

    Sie meinen Neoromanik wahrscheinlich. Als Neuauflage des romanischen Baustils, vorhergehend zum gotischen.

  2. 7.

    Ich höre Herrn Zelle tatsächlich 2 Mal „neoromant(!)ischer“ Stil sagen :) Das gabs nur in der Literatur. In der Architektur hat dies nichts mit der Romantik, sondern mit der Romantik zu tun.

  3. 6.

    Sie war für am 10.11.1989; 0.20 Uhr ein ganz besonders Zeichen, es das Zeichen zum ersten Mal im Westen zu sein und das Wahrzeichen Berlin(West) davor zu stehen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.....

  4. 5.

    Die heutige Gedächtniskirche lebt vor allem von der aufstrebenden Christusfigur, die damit das Leid des Gekreuzigten überwunden hat. Und ästhetisch lebt sie von den wunderbaren blauen Fenstern.

    Der heutige Neubau war zu Bauzeiten keineswegs unumstritten, von "Egon Eierkopp" war die Rede ob der Außenwirkung der recht groben kubischen Formen, die von außen zu sehen waren. Nicht umstritten war seinerzeit die Straßenverkehrslösung. Sie entsprach dem Geist der Zeit: Alle Entwürfe, die für einen Neubau eingereicht wurden, so unterschiedlich sie auch waren, sahen im Osten des Geländes eine sechsspurige Straßenverbindung vor. Das war mithin das eigentliche Anliegen der Umgestaltung, das Bauliche war nur Beiwerk.

    Nun ist das Beiwerk zur Hauptsache und die ursprüngl. "Hauptsache" ist seit Jz. ein Fußgängerbereich geworden. Wilhelm II ist zu erkennbarem Einbruch, nicht zur vollständigen Vernichtung gekommen.

    Da ist an Wandlungen außerordentlich viel drin. Nutzen wir es.

  5. 4.

    Schöner Beitrag. Schönes Schlussbild! Weiter So.

  6. 3.

    Unglaublich, dass der Eine-Welt-Laden, der so viel Gutes getan hat, nun aus dem Gelände rausgeschmissen wurde!

  7. 2.

    Ein Mahnmal gegen den Krieg wie die Kapelle in Coventry. Vielleicht darf man ergänzend noch erwähnen, dass dieser Kaiser bevor er Kaiser wurde als preußischer Militär die deutschen Revolutionäre in Baden schlug. Er war gegen Demonstrationen, einer der Hauptforderungen der Revolutionäre. Also ihr Demonstrationsgegner, huldigt den Kaiser und pilgert zu seiner Kirche.

  8. 1.

    Herzlichen Glückwunsch, "Hohler Zahn" - Ohne Dich wäre der Kudamm nur halb so schön! Trotz aller Vernachlässigung in den letzten Jahren ist der Kudamm noch immer schön!

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