Touristen fotografieren am 17.10.2019 in Berlin das Bruderkussgemaelde an der East Side Gallery. Foto: Robert Guenther
Video: rbb|24 | 28.09.2020 | Material: Abendschau | Bild: dpa-tmn/guenther

Eröffnung vor 30 Jahren - East Side Gallery - geliebt und "unsichtbar begraben"

30 Jahre gibt es die East Side Gallery. Der Strom der Menschen, die das bemalten Mauerstück anschauen wollen, reißt seitdem nicht ab. Doch nicht alles ist bei diesem Kunstprojekt eitel Sonnenschein, wie Zeitzeugen am Sonntag bei einem Podium schilderten.

"Es gab überhaupt keinen Auswahlprozess, es gab keine Bewertung, jeder durfte mitmachen", erzählt Christine MacLean. Die gebürtige Schottin war, wie sie selbst sagt, "Mädchen für alles" in der East Side Gallery. Sie hat in der ersten Hälfte des Jahres 1990 die Künstlerinnen und Künstler betreut, hat auch mal Farbe besorgt - oder zwei lange Leitern, die man sich bei der Arbeit an der fast vier Meter hohen Mauer geteilt hat.

Am 28. September 1990 wurde in Berlin zwischen der Oberbaumbrücke und dem Ostbahnhof die East Side Gallery eröffnet. Mehr als 100 Künstler aus aller Welt bemalten damals an der Spree in der Friedrichshainer Mühlenstraße rund 1.300 Meter der Berliner Mauer mit großen Wandbildern. Bei einem "Zeitzeugenpodium" schilderten am Sonntagabend Künstler und Organisatorinnen ihre Erinnerungen daran.

"Die Mauer ad absurdum führen"

Einer der Maler war damals Kiddy Citny, der 1977 aus Stuttgart nach West-Berlin umgezogen war. "Meine Intention war, die Mauer ad absurdum zu führen, Ost-Berlin mit Kunst einzuschließen und dadurch zu einem surrealen Museum zu machen", sagte er jetzt. Vor seiner Arbeit an der East Side Gallery hatte Kiddy Citny schon oft in Kreuzberg an der Mauer gemalt. Einige dieser Wandmalereien haben es später sogar in das New Yorker Museum of Modern Art geschafft.

Anders als Kiddy Citny hat der Popart-Künstler Jim Avignon sein erstes Mauerbild tatsächlich für die East Side Gallery gemalt. "Doing it cool for the East Side" hieß sein skeptisches Porträt der Wiedervereinigung. "Ich wollte darstellen, was da eigentlich gerade alles passiert: die Vertreter, die in den Osten gehen mit ihren Koffern, die Menschenketten, aber auch die Skinheads und der Stasi-Apparat."

Ärger über die Vermarkung ohne die Künstler

Aus Protest gegen die Vermarktung der East Side Gallery übermalte Jim Avignon sein großes Wandbild später mit dem Schriftzug "Money Machine". Denn die Künstler hatten mit ihrer Arbeit mitnichten eine Lizenz zum Gelddrucken erworben, waren nicht am Erlös aus dem Verkauf von Postkarten und T-Shirts beteiligt. Eine ursprünglich versprochene Versteigerung der bemalten Mauersegmente war auch nicht zustande gekommen.

Stattdessen wurde das Ensemble an der Spree unter Denkmalschutz gestellt und zur Touristenattraktion umfunktioniert - vier Millionen Menschen aus aller Welt wollen jedes Jahr diese Kunst im öffentlichen Raum sehen. Bei der großen Restaurierung der Mauergemälde im Jahr 2009 - als sämtliche Originalbilder auf frisch grundierten Flächen noch einmal neu gemalt werden sollten - machte Jim Avignon nicht mit. "Ich fand die Idee, 20 Jahre später dasselbe Bild nochmal zu malen, irgendwie bescheuert", sagte er. Und so hat der Künstler im Jahr 2013 sein Bild lieber noch ein drittes Mal übermalt, hat ein "Update" geschaffen, wie Avignon diesen rechtlich umstrittenen Vorgang nennt.

"Unsichtbar begraben"

Doch der Denkmalschutz, darin sind sich Künstler und Organisatoren der East Side Gallery am Ende des etwas spröden Abends einig, sollte statt solcher "künstlerischer Updates" lieber einen anderen Aspekt im Blick behalten: Die Stiftung Berliner Mauer, in deren Obhut die Wandmalereien seit zwei Jahren sind, müsse verhindern, dass die East Side Gallery zwischen lauter kommerziellen Bauten "unsichtbar begraben wird". Im Grunde, so Kiddy Citny, hätte zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke der "gesamte Kiez" geschützt werden müssen, nicht nur die bemalte Mauer an der Spree, sondern auch die wertvollen Grundstücke gegenüber.

Auf diese Weise hätte auch die "Ambivalenz der Mauer" weitaus besser vermittelt werden können - diesen Gedanken bringt der Fotograf Andreas Kämper in die Diskussion. Gemeint ist das unmenschliche Bauwerk, das durch künstlerisch-farbige Verwandlung zwar ein Symbol der Freude wird, zugleich aber auch den alten Schrecken für immer in sich trägt.

Die Gedanken von 1990, sagt Kiddy Citny, sollte man gerade jetzt in alle Welt exportieren. "Die East Side Gallery sollte auf Tournee gehen durch die Welt, in Länder exportiert werden, wo Autokraten herrschen. Um zu zeigen, dass mit Kunst auch die Welt veränderbar ist."

Jubiläum: 30 Jahre "East Side Gallery"

Beitrag von Hans Ackermann

5 Kommentare

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  1. 5.

    Mich wundert, dass dort die selbst ernannten Künstler namens Sprayer nicht aktiv sind! Sind U-Bahnzüge interessanter?

  2. 4.

    "Charly ist die Ausformulierung des dritten Buchstabens auf US-amerikanisch, nach Alpha (Helmstedt/Marienborn) und Bravo (Drewitz/Dreilinden), entlang der früheren Transitstrecke incl. des Inner-Berliner-Kontrollpunktes der Alliierten. "
    Das ist das Nato-Alphabet: Alpha, Bravo, Charly, Delta, Echo, Foxtrot usw.

  3. 3.

    So ist es wohl: Jedes Kunstwerk braucht sein Wirkungsfeld. - Das ist der Raum, der unverstellt bleiben muss, damit es zur Wirkung kommen kann. *

    In privaten Räumen wirkt es ansonsten rumpelig. Innerhalb von Stadträumen aber dürfte das Bodenspekulanten egal sein. Nicht egal sein dürfte es städtischen Planern, da aber sind offenbar die Finanzsenatoren vor. In Berlin: Heißen sie nun Fugmann-Hesing, Sarrazin oder Kollatz.
    ______________
    *Um es vglw. höher anzusetzen: Die Stadt Köln drohte auf die Liste des bedrohten Welterbes gesetzt zu werden, als am Köln-Deutzer Ufer eine ganze Batterie von Hochhäusern geplant war. Mithin wurde zurückgerudert. Auch ist die Prager Karlsbrücke und der Hradschin bis zum heutigen Tag unverstellt und so bleibt es auch. Nun ist die East Side Gallery kein Welterbe, aber doch immerhin ein Erbe aus Mauerfall-Zeiten.

  4. 2.

    Die East Side Gallery hat angesichts der vielen neuen Hotels, Eigentumswohnhäuser, Konsum- und Gastronomietempel an Wirkung verloren, degradiert zum bunten Gartenzaun für die oberen Zehntausend.

  5. 1.

    Im Grunde genommen droht der East Side Gallery etwas Ähnliches wie das, was ganz im Süden der inner-Berliner Mauer am Checkpoint Charly eingetreten ist: Man muss nicht gehässig sein um schlusszufolgern, dass die Mehrzahl der Touristen die Bezeichnung "Charly" mit allem anderen in Verbindung bringt, nur nicht mit dem, was Pate stand bei der Namensnennung. Analog bei der East Side Gallery dürfte ein Großteil glauben, die hätte schon vor 1990 genau so ausgesehen.

    Das alles fußt auf einem eklatanten Missverständnis, das es zu beheben gilt.

    Charly ist die Ausformulierung des dritten Buchstabens auf US-amerikanisch, nach Alpha (Helmstedt/Marienborn) und Bravo (Drewitz/Dreilinden), entlang der früheren Transitstrecke incl. des Inner-Berliner-Kontrollpunktes der Alliierten.

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