'Friedrich der Große in seinen Erholungsstunden' (Der König mit Flöte und seinen Hofmusikern). - Radierung, 1786, von Peter Haas. (Quelle: dpa/akg-images)
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Audio: Inforadio | 10.09.2020 | Maria Ossowski | Bild: dpa/akg-images

450 Jahre Staatskapelle Berlin - Schon Friedrich der Große flötete mit diesem Orchester

Sie ist eines der ältesten Orchester der Welt: Die Staatskapelle Berlin wird 450 Jahre alt. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sie mit vielen berühmten Musikern zu tun und entwickelte dabei einen ganz eigenen Klang. Der hat sich bis heute gehalten. Von Maria Ossowski

Dieses Berliner Orchester hat eine ganz besondere Patina und einiges durchgemacht. Die ehemalige königliche Hofkapelle hat den Soldatenkönig überlebt, der nur Militärmusik mochte, Napoleon, unter dessen Herrschaft sie sich auflösen musste, zwei Weltkriege und Fusionsdrohungen nach der Wende.

Alter, so sein Maestro Daniel Barenboim, sei sowieso nicht das Wesentliche: "Es sind nicht nur 450 Jahre, es sind 450 Jahre, in denen das Orchester mit den berühmtesten Musikern zu tun hatte. Mendelssohn, Schumann, Weber, Richard Strauss war Generalmusikdirektor. Das ist doch das Erstaunliche."

Friedrich der Große brachte Schwung in die Kapelle

Nach trostlosen Jahren unter dem unkultivierten Soldatenkönig hat dessen Sohn der Hofkapelle wieder zur Blüte verholfen: Friedrich der Große. Die Musiker begleiteten ihn beim Flötenkonzert in Sanssouci. Seither hat die Staatskapelle über die Jahrhunderte einen ganz besonderen Klang entwickelt: Dunkel, weich, die Töne lange haltend, im Legato verbindend.

Barenboim hat sich 1990 in diesen Klang verliebt, er kannte ihn aus den Emigrantenorchestern in Buenos Aires und Israel. "Die Staatskapelle ist eines der wenigen Orchester, das wirklich denkt, in und mit der Musik", sagt er.

Susanne Schergaut ist bei den ersten Geigen seit fast 40 Jahren dabei, sie berichtet von der Riesenaufregung bei ihrer ersten Aufführung: "Das war unter dem damalige Chef, Otmar Suitner, der eine besondere Aura besaß. Mein Bogen hat so gezittert, ich hab mich kaum eingekriegt."

Matthias Glander spielt die Soloklarinette, ihn fasziniert der Klang immer wieder. "Ich glaube es geht vor allem auch darum, dass wir den Ton lange halten können. Wir kommen aus der Klangtradition von Erich Kleiber, Wilhelm Furtwängler, dem jungen Karajan, jenen Dirigenten, die bei uns gewirkt haben."

Ausstellung im Apollosaal

Eine kluge Ausstellung im Apollosaal zeigt: Herbert von Karajans Karriere begann nicht, wie die meisten denken, mit den Berliner Philharmonikern. Nein, die Staatskapelle hat ihn seit 1938 mit Tristan oder den Beethoven-Sinfonien zum Wunder Karajan werden lassen. Jung, dunkelhaarig, energetisch wirkt er auf den Fotos.

Detlef Giese ist der Chefdramaturg des Hauses, er hat die Ausstellung mit konzipiert und ins Zentrum der Ausstellung eine Vitrine mit vier Dirigentenstäben gestellt. Der breite, schwarze, den heute so niemand mehr benutzen würde, gehörte Felix Mendelssohn. Ein weiterer Richard Strauss, der seine letzten Kapellkonzerte mit diesem Stab dirigiert hat, daneben ein Stab von Franz Konwitschny und der weiße Stab mit Gravur: Daniel Barenboim.

Statussymbol der Herrschenden

In einer weiteren Vitrine glänzt ein goldener Minipanzer mit einer Widmung für die Staatskapelle, daneben liegt ein Orden: Die Staatskapelle hatte auch eine Partnerschaft mit der Nationalen Volksarmee und den Karl-Marx-Orden verliehen bekommen - die höchste Auszeichnung der DDR.

Noten, Fotos und Reden führen durch die wechselvolle Geschichte dieses Ausnahmeorchesters. Rolf Reuter hat es am 5. November 1989 in der Gethsemanekirche dirigiert, beim Konzert gegen Gewalt, und spontan eine Rede gehalten mit der Forderung: "Es muss diese Mauer weg, gewaltlos weg."

Die Staatskapelle war bis dahin, eben als Hof- und dann Staatskapelle, auch ein Statussymbol der Herrschenden: Der Könige, der Politiker in der Weimarer Republik, der Nazis und der DDR-Nomenklatura.

Fast wäre die Staatskapelle abgewickelt worden

Die Wende brachte Freiheit, aber sie war für die Staatskapelle auch ein enormer Einschnitt. Die Geigerin Susanne Schergaut berichtet, dass sie plötzlich im Verdienst und Ranking der Orchester auf einen hinteren Platz gefallen seien, der so gar nicht ihrem Selbstverständnis entsprach.

Nach der Wende drohte die Abwicklung, konnte aber abgewendet werden. – unter anderem setzte sich Altbundespräsident Richard von Weizsäcker für ihren Erhalt ein. Von Weizsäcker durfte deshalb Zeit seines Lebens als einziger Nichtmusiker im Orchestergraben Platz nehmen. Das hat er nicht oft gemacht und den einzigartigen Klang lieber aus der Loge genossen.

Ein Drittel Frauen in der Staatskapelle

Daniel Barenboim mit seinem Nimbus, seinem Charisma, seiner Weltberühmtheit war ein Glücksfall für dieses Orchester. Er hat es 1990 übernommen und konsequent weitergeführt - als Opernorchester und Konzertorchester gleichermaßen.

Die Staatskapelle hat heute 131 Mitglieder, ein Drittel davon sind Frauen. Die Ausstellung, aufgebaut wie die Sitzordnung eines Orchesters, erzählt Geschichten rund um die Staatskapelle, und, immer wieder wundervoll, an einzelnen Stationen ist ihr einzigartiger Klang zu hören.

Beitrag von Maria Ossowski

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ganz herzlichen Dank für diesen profunden Einblick. Dieser Einblick scheint mir in der heutigen, recht abgehetzten Zeit, deren rückblickender Zeithorizont ein halbes Jahrhundert kaum überschreitet, um so wichtiger zu sein. Nie und nimmer ginge es um Nostalgie, sondern um aufschlussreiche Geschichte. Anklang war schon immer mehr als ein Wort. Nicht nur der recht schillernde Friedrich II. hat das so empfunden.

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