August 1945, eine Gruppe Trümmerfrauen räumt den Schutt von den zerstörten Straßen (Bild: rbb/robert capa/international center of photography/Magnum Photos/Agentur Focus)
Audio: radioeins | 09.09.2020 | Nancy Fischer im Gespräch mit Chana Schütz | Bild: rbb/robert capa/international center of photography/Magnum Photos/Agentur Focus

Interview | Ausstellung im Centrum Judaicum - "Capa hat sich nie als Künstler gesehen"

Vor 75 Jahren ging ein Mann durch das zerstörte Nachkriegs-Berlin und fotografierte. Es war der berühmte Kriegsfotograf Robert Capa - und diese Fotos aus dem Sommer 1945 sind jetzt im Centrum Judaicum zu sehen. Ein Gespräch mit Kuratorin Chana Schütz.

 

rbb: Robert Capa wurde weltbekannt als Kriegsfotograf - und als solcher von US-Magazinen auch quer durch Europa geschickt. Welchen Auftrag hatte er denn im Sommer 1945 in Berlin?

Chana Schütz: Als der Krieg vorbei war, war Capa in Deutschland - von ihm gibt es hier das Foto des letzten gefallenen amerikanischen Soldaten in Leipzig, vom 18. April 1945. Kurz danach wurde die Stadt befreit, und dann ist er zurück nach Paris. Er war dabei, als die Stadt befreit wurde, und er war im Grunde genommen arbeitslos.

Er hatte nie ein Zuhause, er hatte Tausend Affären, eine bahnte sich damals an, und zwar mit Ingrid Bergman. Mit ihr zusammen ist er dann tatsächlich nach Berlin gefahren, weil er zwei Aufträge vom "Life Magazine" hatte. Das war sozusagen seine Stammzeitung, für die er hauptsächlich gearbeitet hatte. Über die Bilder im "Life Magazine" ist er weltbekannt geworden. Und dann musste er diese Aufträge annehmen, weil er ja auch weiterhin das Hotel zahlen musste, in dem er lebte. Dann ist er - vielleicht nicht sehr begeistert - nach Berlin gekommen, und zwar für zwei Aufträge: einmal für den Schwarzmarkt und dann für den ersten jüdischen Neujahrsgottesdienst.

Den Schwarzmarkt am Brandenburger Tor meinen Sie.

Ja, damals fing das an mit den Sektoren, und das hat er auch wunderbar fotografiert. Vom Brandenburger Tor aus sieht man also den sowjetischen Sektor mit riesigen Spruchbändern und Bildern von Stalin. Auf der anderen Seite im Westen ging es dann schon anders zu. Dort war nämlich ein unglaubliches Gewusel, und zwar die Soldaten aller vier Mächte und natürlich dazwischen die paar Berliner, die das verkauften, was sie noch irgendwie gerettet hatten und dafür Schokolade, Zigaretten und so etwas kaufen wollten. Das hat er also fotografiert - und es kam ihm vor allen Dingen darauf an, Amerikaner und sowjetische Soldaten zusammen zu fotografieren. Das ist das ganz Besondere daran: Diese Befreiung. Die Sowjets haben Berlin befreit. Und das war für ihn ganz wichtig zu zeigen.

600 Aufnahmen hat er in der Stadt insgesamt gemacht. 120 haben Sie ausgewählt, das stelle ich mir wahnsinnig schwer vor bei so einem Meisterfotografen. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben gesagt: Okay, wir haben zwei große Ereignisse - den Neujahrsgottesdienst und diese antifaschistische Demonstration in Neukölln am 9.. September. Das sind einzelne Events, und sonst fühlen wir uns wie Capa und gehen von Ost nach West, so ist die Ausstellung aufgebaut. Im Grunde genommen geht man im Slow Motion durch einen Film mit 120 Bildern.

Sie können sich vorstellen, dass diese Bilder sehr wertvoll sind, sie sind noch nie gezeigt worden. Und wir sind New York und dem Capa-Archiv wahnsinnig dankbar, dass sie eine Ausnahme gemacht haben und uns Serien gegeben haben. Insofern ist das Ganze auch, was die Capa-Ausstellungen an sich betrifft, eine Neuheit: zu sehen, dass Capa ein Bild-Journalist war, kein Fotograf. Er hat sich nie als Künstler gesehen, sondern immer als Journalist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nacy Fischer, Radioeins.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs. Das komplette Interview können Sie hören, wenn Sie auch das Audiosymbol im Titelfoto klicken.

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