Ausstellung <<Living the City>> im Flughafen Tempelhof. (Quelle: S. Renou/schnepp-renou.com)
Audio: Inforadio | 24.09.2020 | Jakob Bauer | Bild: S. Renou/schnepp-renou.com

Ausstellung "Living The City" im Flughafen Tempelhof - Mit nur wenigen Schritten von Brüssel nach Bordeaux

Wie lernen, lieben und träumen wir in einer Stadt? Diese Frage will die Ausstellung "Living The City" im Flughafen Tempelhof beantworten. Sie zeigt eine Collage aus Themen, die ausgewählte - und möglicherweise auch andere - Städte bewegen. Von Jakob Bauer

Die Abflughalle des alten Flughafens Tempelhof, normalerweise verwaist, ist jetzt ein Ort voller Leben. Klänge wehen leise durch die alten Gepäckschalter zu den hohen Decken des Raumes, Klänge von Ampeln und S-Bahnen, von Menschen und Kirchturmglocken. In der Mitte der Halle erhebt sich ein Panorama aus meterhohen Fotografien und kleinen Tunneln, ein architektonisches Modell steht neben einer gigantischen gelben Gummiente. Verbunden ist das alles durch Gänge, die in kleine Nischen führen - stellvertretend für Städte und das Leben darin.

Seit über einem Jahr arbeiten ein Kuratorenteam und das Berliner Designstudio "The Green Eyl" an dieser Ausstellung mit dem Titel "Living The City". Die soll eine Collage aus vielen europäischen Ideen von Stadt zeigen. Anlass ist die EU-Ratspräsidentschaft von Deutschland.

Von Altenburg nach Istanbul in fünf Metern

"Wenn wir in die Ausstellung hineinwandern, sehen wir ein Projekt in Brüssel", beschreibt Lukas Feireiss, einer der Kuratoren den Aufbau der Ausstellung. "Wenn wir uns dann nach rechts wenden, dann landen wir in Altenburg, einer Kleinstadt in Thüringen. Mit Blick nach links landen wir Istanbul, schauen wir geradeaus, sind wir in Bordeaux. Dann haben wir die Option zu sagen, ob wir nach Liverpool laufen oder nach Riace im Süden von Italien."

Und das sind nur die ersten zehn Meter dieser Ausstellung, die in grob acht Themenfelder gegliedert ist: Es geht um Lieben und Leben, Schaffen und Teilnehmen, Lernen, Spielen, Bewegen und Träumen - also das, was das Dasein in der Stadt definiert und prägt. Kunst steht hier neben Stadtplanungskonzepten, Großes neben Kleinem. In über 400 Projekten haben die Macher nach spannenden Stadtgeschichten gesucht. Über 50 Beiträge von 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 20 Ländern haben sie in dieser Collage versammelt.

"Wir versuchen" so Lukas Feireiss, "die europäische Stadt durch eine Überlagerung von ganz vielen Geschichten zu erzählen. Die sind teilweise widersprüchlich, teilweise ganz persönlich, aber dadurch kommen einem die Projekte und die Städte näher."

Ganze Städte werden versetzt

In einem Videoraum beschreiben Bauarbeiter aus Polen ihre schwierigen Arbeitsbedingungen, daneben hängt eine Grafik, die zeigt, wie viele Arbeiter es braucht, um ein Gebäude zu bauen - und wie wenige Ingenieure.

Ein bisschen weiter hinten erzählt eine große Bilderwand die Geschichte der schwedischen Stadt Kiruna. Kiruna ist eine Bergbaustadt in Nordschweden, die innerhalb von 30 Jahren komplett versetzt wird. Der Grund dafür ist, dass das Abbaugebiet erweitert werden soll. Wie gehen eine Stadt und ihre Bevölkerung damit um, einfach mal um ein paar Kilometer umgesetzt zu werden, samt Kirche, Kind und Kegel?

In Brüssel hingegen tun sich Nachbarn zusammen, um aus einer Brachfläche einen gemeinsamen Garten zu machen. Ein großes buntes Tuch erzählt diese Geschichte aus der Sicht einer Biene. In Bienenperspektive gucken wir aus einer Blüte hinaus auf das Treiben der Menschen, die ein totes Stück Stadt wiederbeleben.

Und im Hintergrund von all dem dräut die große, gelbe Gummiente - ein Lieblingsobjekt von Kuratorin Tatjana Schneider. "Wir haben auch Artefakte von anderen Orten hierhergeschafft", erklärt sie. "Diese große aufblasbare Ente ist aus Belgrad zu uns gekommen." Sie sei ein als Zeichen gegen die Gentrifizierung der Belgrader Waterfront genutzt worden, "ein ganz ikonisches Bild".

Der Kotti anders erleben

Der Weg durch diese Collage ist nicht vorgegeben. Die Verbindungen muss man selbst ziehen. Trotzdem soll das Erlebnis niederschwellig sein, heißt es, das sei dem Kuratoren-Team wichtig. Denn Diskussionen über Stadt, Architektur und nachhaltiges gemeinsames Leben sind häufig schwer zugänglich.

Hier werden sie sinnlich erfahrbar, aber nicht weniger komplex - wie in der beeindruckenden Zeichnung vom Kottbusser Tor von der Künstlerin Larissa Fassler: Wie in einem Grundriss ist der Kotti von oben zu sehen, trotzdem ist überall in dieser Zeichnung Leben. Mehre Ebenen liegen übereinander, Gedanken und Beobachtungen der Künstlerin, wenn sie um den Kotti läuft wie "Woman Walking and Talking to Herself" oder "Cold Wind", daneben eine Aufkleber "Siempre Atifascista", ein Bild von Lady Gaga, ein "Fahrrad abstellen verboten!"-Schild.

Die Gasse, die nach Urin stinkt, wenn es nach Hundekot riecht, wenn sich ein Pärchen küsst - all das hat Larissa Fassler in dieser Zeichnung punktgenau notiert und übereinandergelegt. "Für mich ist das der Inbegriff von Stadt", sagt Tatjana Schneider, "weil diese Zeichnung so dicht und bunt ist und nichts vereinfacht. Stadt wird hier in all ihrer Vielfältigkeit gezeigt. Und das ist für mich auch die Herausforderung für die Stadt der Zukunft, diese Vielschichtigkeit abbilden zu können, auch als Planende."

"Living The City" will dabei nicht nur Stadt abbilden, sondern auch lebendiger Stadtraum sein. Hinten in der Halle ist ein Stadtcafé, daneben haben die Macher die "Agora" aufgebaut - nach griechischem Vorbild ein Versammlungsort, wo Politik, Kultur und Gesellschaft zusammenkommen. Hier findet das Begleit-Programm statt – Musik und Diskussionen und Workshops, die diese europäische Stadt bis zum Dezember dieses Jahres mit Leben füllen sollen.

Sendung: Inforadio, 24.09.2020, 13:00 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

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