Das Belriner Renaissance Theater am 11.06.2020 (Bild: imago images/Stefan Zeitz)
Audio: Inforadio | 19.09.2020 | Henrike Möller | Bild: imago images/Stefan Zeitz

"Vodka-Gespräche" im Renaissance-Theater - Eine ganz besondere Beziehung

In "Die Vodkagespräche" zeigen die beiden Schauspielerinnen Karoline Eichhorn und Catrin Striebeck mit viel Witz und schonungsloser Ehrlichkeit, dass keine Beziehung so ist wie die zwischen Geschwistern. Von Henrike Möller

Nach der Beerdigung ihres Vaters reflektieren die Schwestern Edda und Freya über ihre Kindheit, das Älterwerden und die Liebe. Je mehr Vodka fließt, umso ehrlicher und offener sprechen sie miteinander. So weit, so erwartbar.

Langweilig sind "Die Vodkagespräche" des dänischen Autors Arne Nielsens trotzdem nicht. Und das liegt vor allem an der herausragenden Chemie zwischen den beiden Schauspielerinnen Karoline Eichhorn (Netflix-Serie: Dark) und Catrin Striebeck (Film: You Are Wanted). Je länger die szenische Lesung im Renaissance Theater dauert, umso mehr Lacher kassieren sie.

Gleich zu Beginn zeigt sich, wie unterschiedlich die beiden Schwestern sind: Edda, gespielt von Karoline Eichhorn, ist die Jüngere von beiden. Sie wirkt naiv, unschuldig, fast ein bisschen dümmlich. Freya hingegen, gespielt von Catrin Striebeck, ist impulsiv, leidenschaftlich und aufbrausend.

"Ich mag meinen Sohn nicht"

So unterschiedlich die beiden Schwestern sind, in einem sind sich einig: Sie verstehen nicht, wie ihr Vater sein ganzes Vermögen einer AfD-nahen Stiftung vermachen konnte. Im Laufe des zweistündigen Stücks driftet die Unterhaltung zwischen Edda und Freya immer wieder in Richtung gesellschaftlicher Diskurs. Es geht um Muslime, autoritäre Systeme, Globalisierung. Diese politischen Schlenker wirken jedoch manchmal etwas konstruiert und erzwungen. Gebraucht hätte es sie eigentlich nicht.

Viel spannender und nahbarer sind die Gespräche, die sich um die Schwestern selbst drehen. Sie sitzen in ihren schwarzen Beerdigungskostümen an einem Tisch. Hinter ihnen auf einer Leinwand das Haus ihres Vaters in Schwarzweiß und Dia-Optik.

Nach mehreren Vodkas gibt Edda zu, dass in ihrer Ehe doch nicht alles so rosig ist, wie sie anfangs behauptet hat. Ihr Mann Robert hat sie betrogen mit einer "hässlichen, dicken Frau". Und dann wäre da ja noch die Sache mit ihrem Sohn: "Robert weiß davon nichts, aber ich mag meinen Sohn nicht. Boah. Ich sollte mich schämen, sowas zu sagen."

Freya wiederum gesteht, dass sie von ihrem Beruf - der Schauspielerei - nicht leben kann und sich manchmal wochenlang nur von Reis ernährt. Ihren aktuellen Liebhaber Roman ist sie auch schon wieder los.

Kommunikation wie nur Geschwister sie haben

Die schonungslose Ehrlichkeit, mit der Edda und Freya miteinander reden, tut beim Zuschauen richtig gut. Und es wird einem bewusst, dass es diese Art der Kommunikation vielleicht nur unter Geschwistern gibt. Dieses "alles sagen können, was man will und, wie man will, ohne Angst haben zu müssen, den anderen zu verärgern oder zu verlieren". Denn auch wenn die zwei Schwestern sich immer wieder necken und manchmal recht grob zueinander sind, schwebt über allem am Ende trotzdem ihre Liebe zueinander.

"Die Vodkagespräche" ist deshalb vor allem eines: ein Stück über eine ganz besondere Art der Beziehung - die Beziehung zwischen Geschwistern.

Sendung: Inforadio, 19.09.2020, 08:50 Uhr

Beitrag von Henrike Möller

2 Kommentare

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  1. 1.

    Irgendwie passt das Audio über Katherine Mehrling über ihr Judy Garland-Programm nicht zum Text! ;)

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