Anja Caspary, Musikchefin von Radioeins (Quelle: dpa / Kai-Uwe Heinrich)
Audio: Radioeins | 10.09.2020 | Interview Anja Caspary | Bild: dpa / Kai-Uwe Heinrich

Interview | Anja Caspary über ihr Buch - "Ich habe einfach weitergemacht"

Schwer krank werden und einen geliebten Menschen verlieren: Anja Caspary ist beides in nur einem Jahr passiert. Darüber hat sie jetzt ein sehr persönliches Buch geschrieben - und dazu ein genauso persönliches Interview gegeben.

Die größte Angst für die meisten Menschen ist es wahrscheinlich, schwer krank zu werden oder einen geliebten Menschen zu verlieren. Der Musikchefin von Radioeins, Anja Caspary, ist beides in nur einem Jahr passiert. 2016 bekommt sie die Diagnose Brustkrebs. Ihr Mann Hagen Liebing erkrankt an einem Hirntumor und stirbt kurze Zeit später. Darüber hat Anja Caspary jetzt ein sehr persönliches Buch geschrieben: "In meinem Herzen steckt ein Speer - Das Jahr, das alles veränderte".

rbb: Anja, wie schaffst du es, jeden Tag in der Redaktion von Radioeins das blühende Leben zu sein?

Anja Caspary: Naja, das Leben muss weitergehen, und man kann es auch irgendwie trennen. Das Schönste für jemanden, der was Schlimmes erlebt hat, ist, wenn irgendwo im Leben noch ein bisschen Alltag möglich ist. Für meine Kinder war es damals, weiter in die Schule und in die Uni zu gehen, und für mich, zu Radioeins arbeiten zu gehen. Die Trauer kann man nie vergessen, die ist wie so ein Beat unter der Oberfläche. Aber man kann sich durch Alltag ablenken und das ist total schön, wenn man da man mal lachen kann.

Ich habe nach dem blühenden Leben auch gefragt, weil das eine Formulierung ist, die du im Buch benutzt. "Vor 20 Minuten war ich noch das blühende Leben. Und jetzt bin ich todkrank?" Du hast die Brustkrebsdiagnose an dem Tag bekommen, an dem du deinen Vertrag als Musikchefin unterschrieben hat. Warum hast du das erstmal keinem gesagt?

Morgens hatte ich den Termin im Mammografie-Screening-Zentrum, dazu wird jede Frau ab 50 in Deutschland eingeladen. Ich kann auch nur jeder empfehlen, da auch wirklich hinzugehen. Und da kam die Diagnose, dass ich in beiden Brüsten Brustkrebs habe. Ich habe die Krankheit auf dem Monitor gesehen, aber nicht in meinem Körper gefühlt. Ich fühlte mich wie das blühende Leben, hatte nie Schmerzen. Meine Frauenärztin hat nichts getastet, ich hatte nichts, im Blutbild kannst du auch nicht sehen, dass du Krebs hast.
Jeden Tag in Deutschland bekommen 200 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Und am Anfang merkst du nichts, bis der Krebs gestreut hat und andere Organe betroffen sind. Da war ich wie vor den Kopf geschlagen. Das Erste, was ich gedacht habe, war: na ja, jetzt mache ich erst einmal weiter. Ich habe einen Termin in der Personalabteilung, da gehe ich jetzt mal hin - was denn sonst? Das ist eine ganz absurde Situation: eine Diagnose zu bekommen, von der du als Laie denkst, jetzt bin ich quasi tot, und fühlst dich trotzdem total fit.

Der Krebs war da und Du hast erst einmal um Dein Leben gekämpft. Dann wurden bei Deinem Mann Hagen Liebing mehrere Hirntumore festgestellt. Fünf Monate später war er tot. Du warst selbst todkrank und musstest Deiner großen Liebe beim Sterben zuschauen. Wie hast Du das alles ausgehalten?

Es geht einfach nicht anders. Mir hat es geholfen, Kinder zu haben, für die es schlimm ist, einen Elternteil zu verlieren. Ich musste mich also zusammenreißen. Wenn ich auch noch zusammengebrochen wäre, dann hätten sie ja niemandem gehabt. Es hat mir auch geholfen, Vergleiche zu ziehen. Ich dachte dann immer: Die Frauen damals im Krieg hatten auch ihre Männer verloren. Die hatten kein Dach über dem Kopf, nichts zu essen, wurden womöglich vergewaltigt. Denen ging es noch viel schlimmer und trotzdem haben sie einfach weitergemacht. Sie haben ihren Alltag geschafft und wussten, sie leben einfach weiter.

Es ist so eine Art Durchlässigkeit. Ich habe einfach nicht gedacht, es war wie so eine Art Zen-Meditation. Ich habe einfach jeden Tag genommen, wie er kam und weitergemacht. Mehr kann dazu nicht sagen, du musst es einfach aushalten. Ich denke mir, es gibt noch viel Schlimmeres. Wenn du als Eltern dein Kind verlierst zum Beispiel. Es gibt so viele schlimme Sachen. Man darf nicht denken, man ist der einzige Mensch auf der Welt, dem was Schlimmes passiert. Da gibt es einfach keine Lösung außer: Augen zu und durch.

2016 war ein wahnsinniges Jahr in deinem Leben: Du hattest Brustkrebs und dann ist dein Mann an einem Hirntumor gestorben, Dein Mann Hagen Liebing war Musikjournalist und früher Bassist bei den Ärzten. Bela B. hat nach seinem Tod geschrieben, er sei ein unglaublich wichtiger Teil der Berliner Musikkultur gewesen. Wie war das, den Tod deines Mannes mit so vielen Menschen öffentlich zu teilen?

Hagen Liebing © Christine Heise
Hagen Liebing © Christine Heise

Das war nicht schwer. Es war schön zu sehen, wieviele Menschen ihn mochten. Mein Buch ist ja auch eine Liebesgeschichte. Ich erzähle, wie wir uns kennengelernt haben. Ich erzähle unseren Anfang und sein Ende, sein Sterben. Nach seinem Tod habe ich auf unserem gemeinsamen Computern eine Datei gefunden, die überschrieben war mit "Soundtrack of my Death". Angelehnt an die schwedische Band "The Soundtrack of my Life", die wir beide mochten. Da hatte er 14 Alben gelistet, krude beschriftet, weil er durch den Hirntumor gar nicht mehr richtig schreiben konnte. Diese 14 Platten hat er zwischen der Diagnose Mai 2016 bis zu seinem Tod September 2016 zu Hause gehört, während ich arbeiten war. Deswegen sind die Kapitel in meinem Buch, in dem es um Hagen geht, mit diesen Songs überschrieben.

Dein Buch ist extrem persönlich. Ich hatte beim Lesen ein bisschen Hemmungen, so tief in Dein Leben und Deine Seele einzutauchen, beispielsweise wie Du dann entschieden hast, beide Brüste abnehmen zu lassen. Warum willst Du das mit der ganzen Welt teilen?

Ich könnte mir vorstellen, dass das vielen Frauen hilft, weil in Deutschland generell immer brusterhaltend operiert wird. Die Knoten werden rausoperiert, das Gewebe drumherum, das auch befallen sein könnte, wird bestrahlt. Ich will - ganz ehrlich - einen gesunden Körper haben. Ich hatte Krebs in beiden Brüsten, da war die Entscheidung vielleicht leichter. Wenn man beide Brüste abnimmt, dann ist die Drüse weg. Da ist dann kein Gewebe mehr, was ein Rezidiv, einen Rückfall, bekommen kann. Bei dem ominösen Wort Wiederaufbau habe ich gedacht, dann kriege ich wieder Brüste. Bis mir der Arzt erklärt hat, dass das Silikon-Titten sind. Ich habe dann gedacht, ich habe auch keine Brustwarzen mehr, sondern Hügel aus Plastik mit entstellenden Narben drüber. Warum soll ich das meinem Körper antun? Erst hatte ich Krebs und dann noch irgendwie Plastik drin. Das ging für mich gar nicht.

Ich habe gemerkt, dass bei uns eigentlich jeder denkt: Wenn eine Frau keine Brüste hat, dann ist sie keine Frau mehr. Dann muss sie ja zusammenbrechen, psychisch krank werden, so kann keine Frau leben. Aber so kann eine Frau leben. Ich kann damit sehr gut leben und damit auch anderen irgendwie ein Beispiel geben. Es ist wichtig, dass man sich selbst annimmt. Und wenn man das tut, dann tun es auch die anderen. Das ist schön zu erleben.

Das Interview imt Anja Caspary führten Julia Menger und Kerstin Hermes für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Variante des Gesprächs, das Sie oben im Beitrag als Audio hören können.

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ich finde es ja auch gut, dass Brustkrebs in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert wird. Was ich jedoch nicht gut finde, ist, dass der Brustaufbau nach Brustkrebs als "Plastik-Titten" und "Hügeln aus Plastik mit entstellenden Narben" bezeichnet wird. Das ist absolut nicht nötig und diskriminierend für Frauen mit einem Brustaufbau nach Krebs. Jede Frau hat bestimmt ihre Gründe, sich für eine Ablatio oder Mastektomie mit Brustaufbau zu entscheiden, und jede Frau sollte dafür respektiert werden.

  2. 8.

    Lieber Herr W., ich kann ihnen versichern, dass es bei 560.000 krebserkrankten Menschen (Stand 2019) in Deutschland - Tendenz steigend - einige starke Persönlichkeiten gibt. Das Problem ist nur, dass sich viele nicht zeigen, da sie stark stigmatisiert werden. Oft wird man - nach dem "Outing" - nur noch als Krebspatient wahrgenommen und bewertet.
    BG NR

  3. 7.

    Liebe Frau Caspary, ich danke Ihnen sehr für dieses Interview. Ich bewundere Sie sehr für Ihre Kraft durch diese schreckliche Zeit durchgekommen zu sein. Was Sie geleistet haben, ist unmenschlich, fast übermenschlich. Ich musste wirklich ein paar Mal tief Luft holen. Abgesehen von den Schicksalsschlägen selbst, über die jeder reden können sollte, finde Ich es extrem wichtig, dass gerade Prominente mit ihren persönlichen Geschichten an die Öffentlichkeit gehen. Ihnen hört man zu, mehr als uns "Normalos". Mir hat einmal eine Boutique-Verkäuferin gesagt - nach dem sie meinen Port bemerkt hatte - "Die Hannelore Elsner hat das schon sehr richtig gemacht. Die hat wenigstens niemanden mit ihrem Krebs belästigt." Ich fand das so heftig, dass ich den Laden ohne Einkauf verlassen - aber mit Spruch - habe und noch am selben Tag angefangen habe zu schreiben, meinen Blog Zellenkarussell ins Leben gerufen habe. Krebspatienten jeden Geschlechts müssen ihre Stimme erheben und sich zeigen dürfen! HG NR

  4. 6.

    Hallo Frau Caspary, ich habe 2 solche Hügel mit entstellenden Narben mit Plastik drin. Übrigens musste ich auch 6 Monate Chemo machen, was Ihnen ja offensichtlich erspart wurde.
    Danke, Frau Caspary, für das tolle Interview. Das hat mich echt aufgebaut.

  5. 5.

    Wieso, fand man sie früher denn öfter? (Mir fällt gerade eine Country-Ballade ein: "They Don't Make Jews Like Jesus Anymore".) Es gibt viele starke Persönlichkeiten, jetzt und glücklicherweise. Ich weiß es nicht, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Frau Caspary mit ihrem Buch dazu beiträgt, dass es mehr werden. Frau Caspary, alles Gute Ihnen!

  6. 4.

    Sehr toller Artikel, ich wünsche mir mehr von solchen starken Frauen! Alles Gute für sie und ihrer Familie.

  7. 3.

    Was der absurde Hinweis zum angeblichen Mainstream bedeuten soll, wissen wahrscheinlich nur Sie. Ansonsten haben Sie natürlich Recht:Eine herausragende Persönlichkeit!Alles Gute Ihnen, Fr.Caspari!

  8. 2.

    Solche starken Persönlichkeiten wie Anja Caspary findet man heute leider kaum, obwohl unsere Gesellschaft, die sich heute im Mainstream ergießt, sie so dringend braucht. Hut ab!

  9. 1.

    Frau Caspary: starke Persönlichkeit!

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