Bärenquell Brauerei, Ruine der ehemaligen Brauerei Borussia in Niederschöneweide (Quelle: dpa/Christian Behring)
Audio: Inforadio | 25.09.2020 | Jakob Bauer | Bild: dpa/Christian Behring

Umzug nach Schöneweide - So wird in der neuen Grießmühle während Corona gefeiert

Der legendäre Technoclub Grießmühle ist unter neuen Namen nun in Schöneweide zu finden. Jakob Bauer hat mit Betreiber David Ciura über Corona-Problematiken gesprochen und wie es ist, während einer Pandemie einen neuen Club aufzumachen.

David Ciura sitzt im Baergarten, dem neuen, clubeigenen Biergarten und ist angespannt – das Telefon klingelt, dauernd will jemand etwas von ihm. Wie es ihm geht? "Gestresst". Die großen Baustellen? "Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Der nahende Winter, die aktuellen Pressestimmen zu weiteren Corona-Beschränkungen, Nachbarn, die meinen 'Oh Gott, was passiert hier?'" Es ist schon eine waghalsige Idee, während einer Pandemie einen neuen Club aufzumachen.

Aber David Ciura konnte die Zeit des Lockdowns nutzen, um das davor doch sehr heruntergekommene Areal der Bärenquell-Brauerei zu einem Outdoor-Club umzubauen. Der legendäre Technoclub Grießmühle heißt jetzt Revier Südost und ist von der Neuköllner Sonnenallee nach Schöneweide gezogen, nachdem der Investor den Betreibern Anfang des Jahres gekündigt hatte.

Zehn Minuten zu Fuß vom S-Bahnhof Schöneweide liegt das verfallene Fabrikgelände, ein Techno-Traum wie er im Buche steht. Von den Wänden bröckelt der Putz, hinter der Open-Air-Tanzfläche – drinnen ist natürlich noch nichts möglich – türmen sich alte Fabrikhallen, Förderbänder und Stahlkonstruktionen. Rohrleitungen schlängeln sich über die Besucher, Graffiti zieren die Wände. Der Biergarten, das zweite Außenareal, versprüht den gleichen Charme. Pflanzen in Stahlkübeln, Bänke und Tische aus Holz, rostende Baucontainer als Bar. Alles selbst gebaut.

Rudimentär, chaotisch, postapokalyptisch

Ciura reizt dieser "ruinöse Charakter" wie er es nennt. "Es erinnert an Clubs der 90er und 00er Jahre wie ich sie kenne und ich sie mag. Also nicht in schicken Büroetagen oder Hochhäusern, wo eine Etage ausgebaut wurde, um einen Club einziehen zu lassen, sondern eher dieses chaotische, rudimentäre, postapokalyptische." Dass das Areal außerhalb des Rings liegt, ist für ihn kein Problem. "Mehrere Freunde aus Mitte haben mir letzte Woche gesagt, dass sie schneller hier sind als in der alten Grießmühle."

Im Blick hatte Ciura das Areal schon lange: Als er auf der Suche nach einem neuen Standort war, hat er Kontakt mit dem neuen Investor des Areals aufgenommen. Und passenderweise war der auf der Suche nach einem Club. HCM 365, so heißt der Investor, will das Gelände langfristig ausbauen, mit Kultur- und Kunststätten, mit Gewerbe und Gastronomie. Auch das Revier Südost wird auf dem Areal wohl nochmal umziehen müssen – deswegen ist alles noch eher rudimentär gebaut. Aber das ist kein Problem für Ciura, der auf dem neuen Gelände viel vorhat. Nicht nur ein Technoclub soll das hier werden, sondern auch ein Standort für Performances und Kleinkunst, für Kinoabende, Ausstellungen und Streetart. "Was wir in der Grießmühle hatten, das wollen wir hier nochmal ausbauen. Das ist auch dadurch möglich, dass wir hier gleichzeitig mehrere Konzepte fahren können. Nicht alle Räume sind partytauglich, das heißt wir können und wollen diesen Platz dann auch anders nutzen."

Wir übernehmen Verantwortung, indem wir coronakonform das Feiern ermöglichen, vor allem auch mit einer lückenlosen Gästenachverfolgung

David Ciura, Clubbetreiber

Ein Dancefloor voller Maskenträger

Im Moment allerdings fährt das Team noch so klein, wie es coronabedingt eben notwendig ist. Wer auf das Gelände will, muss sich vorher online anmelden und seine Daten abgeben. Wer herumläuft, muss Mundschutz tragen. Der Dancefloor ist an diesem Tag voller tanzender Maskenträger. Jeder auf dem Gelände hält sich an die Regeln und wenn nicht, werden die Besucher vom Personal umgehend dazu aufgefordert.

Und wenn der Winter kommt? Macht Ciura trotzdem weiter. Er hat schonmal Partys bei Minus 27 Grad veranstaltet. Damals, in der Grießmühle, auf dem Neuköllner Schifffahrtskanal. Man plant von Wochenende zu Wochenende, aber so zwei bis drei Open Air Veranstaltungen pro Monat kann sich Ciura auch im Winter vorstellen.

Anwohnerbeschwerden und Corona-Vorwürfe

Zumindest wenn alles gut läuft. Die ersten Beschwerden gibt es schon, von Anwohnerseite. Obwohl das neue Areal umgeben von Gewerbe ist, strahlt die Musik trotzdem weiter. Ciura will auf die Anwohner zugehen und er bewegt sich lautstärketechnisch im gesetzlichen Rahmen. Er steht im engen Kontakt mit dem Umweltamt und mit einem Ingenieurbüro, das seine Soundanalage so einpegelt hat, dass sie sich unter den vorgeschriebenen Grenzwerten bewegt. Nach den Beschwerden plant er jetzt erneut zu messen, ob es nicht doch zu irgendwelchen Fehlern gekommen ist.

Und dann gibt es da noch ein Problem: Die Vorwürfe aus der Berliner Politik, Clubs trügen an dem erhöhten Infektionsgeschehen eine gehörige Mitschuld. Sieht sich David Ciura da in der Verantwortung? "Ich glaube, dass wir da Verantwortung übernehmen, indem wir coronakonform das Feiern ermöglichen, vor allem auch mit einer lückenlosen Gästenachverfolgung." Die Betreiber wissen, welche Gäste wie lange bei ihnen waren und können so eventuelle Infektionsketten lückenlos zurückverfolgen. Und wer sich nicht an die Regeln hält, der kommt auch nicht rein.

Ein viel größeres Problem sieht der Betreiber vom Revier Südost bei den illegalen Feiern: "Wenn ich wieder letztes Wochenende gelesen habe, dass zweimal hintereinander 600 Teenager in einem Park in Mitte zusammenkommen, wo es absolut gar keine Regeln gibt, dann ist das deutlich problematischer", meint Ciura. Er sieht sich mit seinem Club als eine Art "Safe Space". "Wir geben den Leuten zumindest ein bisschen das, was sie brauchen. Die Leute werden so oder so feiern. Ob wir jetzt da sind oder nicht. Und wenn wir nicht da sind, wird es noch ein bisschen chaotischer."

Sendung: Inforadio, 25.09.2020, 15:55 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

22 Kommentare

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  1. 22.

    BITTE bei Ordnungsamt Online eine Beschwerde wegen Lärm erstatten - umso mehr , umso besser.
    Name und vor allem auch Adresse angeben.
    Man bekommt tatsächlich eine Antwort .

  2. 21.

    Ganz meiner Meinung.
    Es ist unerträglich und nicht mehr möglich das Fenster zu öffnen.
    Wie kann es sein, dass ein Club mit ein paar Gästen den ganzen Tag ein ganzes Wohngebiet und die dahinter liegende Wuhlheide beschallt?!
    Respektlosigkeit hoch zehn.

  3. 20.

    Sorry, aber die Argumentation bzgl. einer eingepegelten Anlage ist fadenscheinig und ne Ausrede.
    Bei entsprechendem Wind (so wie heute aus Westen kommend) wird ganz Schöneweide beschallt. Man hört die Bässe sogar bis weit in die Wuhlheide hinein.
    Aber sorry, ich vergaß. Da ist ja weit und breit kein Wohngebiet und man kann machen was man will.
    Ich habe für solche Ignoranz kein Verständnis.
    Lautstärketechnisch wird man sich sicher im gesetzlichen Rahmen bewegen, zumindest für die anwesenden Gäste. Was sagt denn aber das Umweltamt bzw. das Immissionsschutzgesetz oder die TA Lärm dazu. Sollte man mal prüfen.

  4. 19.

    Stimmt, hier ist werktags Verkehr, und der ist auch nicht ganz leise. Aber gerade wochenends, also eben dann, wenn man seine Zeit zuhause verbringen möchte, vielleicht sogar auf dem Balkon, war es bisher sehr ruhig.
    Und mir ist dabei eigentlich egal, wie laut die Musik im Club vor Ort ist, ich will sie nur nicht auch das ganze Wochenende mithören müssen, trotz geschlossener Fenster.

  5. 18.

    "Im gesetzlichen Rahmen" und "Eingepegelt" ?
    Läßt der gesetzliche Rahmen tatsächlich zu, dass ANWOHNER tagelang von diesem Lärm terrorisiert werden?
    Eingepegelt? Schwer vorstellbar. Während des Tages wechselt die Lautstärke willkürlich.
    Dazu kommen Lautsprecherdurchsagen.
    Lärm macht krank!
    Das soll wirklich jedes Wochenende erlaubt sein?
    Unvorstellbar!

  6. 17.

    Ich habe mit Herrn Igel telefoniert.
    Leider haben viele Leute nur anonym Beschwerde eingereicht.
    Ohne Adresse / Standortangabe hilft das wenig....

  7. 16.

    Hier der Link zu den Sprechstunden - einfach mal durchrufen und Sachverhalt erklären:

    https://www.berlin.de/ba-treptow-koepenick/politik-und-verwaltung/bezirksamt/artikel.4962.php

  8. 14.

    Ich bin nach wie vor dafür, in Schönefeld / Waßmansdorf ein riesiges Clubareal hochzuziehen.
    Incl. Hotels.
    Da können 10 Diskotheken nebeneinamderstehen.
    Dann ist der Lärm aus der Stadt raus.

  9. 13.

    Wo wohnen Sie denn? Nieder- oder Oberschöneweide? Evtl. Tabbertstraße? Oder haben Sie einen Garten in der KGA?

  10. 12.

    Ja es ist schwierig, auch weil Lärm zwar messbar aber je nach Lärmquelle vom Menschen anders störend wahrgenommen wird. Was ich jedoch nicht mag, ist eine grundsätzliche Anti-Position zu bekleiden. Nicht auf Sie bezogen, bitte nicht falsch verstehen.

    Wichtig wäre zu erfahren: Ist es wirklich zu laut gemäß Richtlinien? Falls ja, wann ist es zu laut? Wie lange ist es zu laut? Die gesamte Gegend hat eine Nutzungsmischung aus Handel, Dienstleistung, Gewerbe und Freizeit. Direkt Anwohner gibt es nicht. Im Umkreis von mind. 300 Metern gibt es keine Wohnbebebauung. Und darüber hinaus wohnen die Menschen unmittelbar oder in der Nähe der verkehrsgeplagten Straßen: Schnellerstraße, Siemensstraße, Wilhelminenhofstraße und Edisonstraße. Will heißen: dort ist es und war es nie ruhig. Verkehrslärm (dort verursacht durch Autos, Straßenbahn, S-Bahn, Regionalbahn) wird vielleicht anders wahrgenommen.

  11. 11.

    Wie kommst du drauf, dass es neu Berliner sind, die sich gegen den Lärm beschweren? Ich wohne seit über 20 Jahren in Oberschöneweide. Viele meiner Nachbarn, die unter dem Lärm leiden wohnen ungefähr genauso lange hier.

    Die Neu-Berliner tragen ihre Choker und von Mami und Papi bezahlte schwarze Markenoutfits in der Griessmühle zu schau. Und das für 20-30 Euro Eintritt.

  12. 10.

    Ich habe mein ganzes Leben in dieser schönen Stadt verbracht.
    Mich stört nicht die Großstadt, aber egoistische Verhaltensweisen.
    Kannst gerne 13 Stunden täglich Techno bei mir im Garten, gerne auch im Wohnzimmer, ( Schlafzimmer werde ich mal nicht anbieten) genießen!

  13. 9.

    Die neu möchte gern Berliner, die vom Land kommen und in Berlin Ruhe haben möchten und gegen alles Klagen was lauter als eine Fliege ist. Diese Menschen vergessen immer, das sie in eine Großstadt ziehen, wo nie Ruhe ist.

  14. 8.

    Manche scheinen vergessen zu haben, dass sie auch mal jung waren..
    Es ist wichtig, gerade zu Coronazeiten, den jungen Leuten Raum zu geben um zu feiern, damit es eben nicht zu immer mehr illegalen Veranstaltungen oder Ansammlungen kommt. Und da auch das der Berliner Senat den ganzen Sommer lang nicht hinbekommen hat, obwohl es reichlich freie Flächen hierfür gegeben hätte, den Jugendlichen Ausweichmöglichkeiten zum Outdoorfeiern zu geben...Daumen hoch für all die Clubbesitzer, die sich was einfallen lassen! Berlin braucht die Clubs sonst ist Berlin nicht Berlin.

  15. 7.

    Falsch.
    Anwohner meint NICHT nur "unmittelbar daneben".
    Stichwort: Schallausbreitung

  16. 6.

    Wer lesen kann ist klar im Vorteil: "Obwohl das neue Areal umgeben von Gewerbe ist, strahlt die Musik trotzdem weiter."

  17. 5.

    Frage mich, wie auf dem Gelände überhaupt irgendwas genehmigt wurde. Sieht ja aus als wäre alles komplett vorm Zusammenbruch.

  18. 4.

    @Norman:
    "Im Umkreis" ist ein dehnbarer Begriff. Und Musik kann schon recht weit tragen, auch je nach Windrichtung. Ich habe jahrelang "im Umkreis" vom Berghain gewohnt und war überrascht, wie laut die Musik offensichtlich gemäß der offiziellen Grenzwerte sein darf. Wollte man seine Ruhe haben, musste man eben die Fenster schließen.

    Es ist schwierig bis unmöglich, die Interessen von Clubbetreibern und Gästen einerseits sowie der Anwohner andererseits unter einen Hut zu bekommen. Noch dazu, wenn es sich wie in Schöneweide um Open Air-Veranstaltungen handelt.

  19. 3.

    Wo gibt es denn dort Anwohner? In meiner Erinnerung ist im Umkreis der ehem. Bärenquell-Brauerei nur Gewerbe angesiedelt.

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