Zwei Männer fahren mit Schwalben über einen Feldweg (Quelle: dpa/Ferdinand Ostrop)
Audio: Inforadio | 14.09.2020 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Ferdinand Ostrop

DDR-Vokabular in Buchform - Pionier, Plaste, Poliklinik – so sprach der Osten

Passend zum 30. Jahrestag der Einheit hat der Duden-Verlag ein Buch mit dem Titel "Mit der Schwalbe zur Datsche" herausgebracht, in dem typisches DDR-Vokabular erklärt wird. Brauchen wir das 30 Jahre nach dem Ende der DDR? Ja, meint Magdalena Bienert.

Ich selbst habe noch zehn Jahre in Ostberlin verbracht, bevor die Mauer fiel. Mit 14 wollte ich unbedingt noch Jugendweihe feiern und an der Ostsee sammle ich heute noch Hühnergötter. Diese Steine mit einem Loch sollen angeblich Glück bringen. Und ja, ich besaß auch mal eine Schwalbe und besuche am Wochenende Freunde in ihren Brandenburger Datschen. Die befreundete Familie, die aus Süddeutschland zugezogen ist, benutzt den Begriff für ihr Wochenendhäuschen ganz selbstverständlich.

Wenn meine Mutter einmal im Jahr in ihrer Kleingartenanlage zum gemeinsamen Arbeiten am Wochenende antreten muss, scherzt sie: "Puh, morgen ist wieder Subbotnik!" Viele Wörter aus dem ehemaligen Osten sind heute noch aktiv im Sprachgebrauch, nicht nur bei mir.

71 Wörter aus der DDR

Die Autorin Antje Baumann erklärt in ihrem Buch "Mit der Schwalbe zur Datsche" 71 Wörter aus der Deutschen Demokratischen Republik. Das ist auch - oder erst Recht - nach 30 Jahren Wiedervereinigung eine Bereicherung. Die kurzen aber informativen Erklärungen bringen durchaus neue Erkenntnisse. Dabei verbindet Baumann die kurzen Erläuterungen zur Herkunft, mit dem Gebrauch der jeweiligen Worte.

So lerne ich, dass der Name Hühnergott wohl auf einen slawischen Volksglauben zum Schutz des Hausgeflügels vor bösen Geistern zurückgeht. Übrigens ist das Ostsee-Souvenir im Jahr 2000 in den gesamtdeutschen Duden aufgenommen worden und hat längst den rein ostdeutschen Sprachgebrauch verlassen.

Dass bei Subbotnik der "große Bruder Sowjetunion" grüßt, ist klar, aber dass die genaue Übersetzung "kleiner Samstag" bedeutet, war mir neu. Ich war schließlich die erste Klasse, für die Russisch als erste Fremdsprache nur noch freiwillig war. Und die Manöver Schneeflocke sind glücklicherweise komplett an mir vorbeigegangen. Dabei handelte es sich um eine vormilitärische Veranstaltung für Kinder. "Neugier und Abenteuerlust der Kinder – denen die Manöver oft Spaß gemacht haben – wurden ausgenutzt, um sie spielerisch für Militärisches zu begeistern", erklärt Baumann dazu in ihrem Buch.

FKK ist klar - aber Komplexannahmestelle?

Kaufhalle, Pionier oder Freikörperkultur muss an dieser Stelle wahrscheinlich nicht vertieft werden. Aber wussten Sie, was es mit einer Komplexannahmestelle auf sich hatte? Dabei handelte es sich nämlich um Geschäfte, wo man fast alles zur Reparatur, Reinigung oder Verwertung abgeben konnte.

Auch das allererste Wort im DDR-Duden ist bemerkenswert: abkindern. Ein Wort, dass es schon in der NS-Zeit gab. Paare konnten eine Art Ehekredit aufnehmen und zur Familiengründung nutzen. Den Kredit galt es dann abzukindern. "Von den 5.000 beziehungsweise später 7.000 Mark wurden in der Laufzeit von acht Jahren beim ersten Kind 1.000 Mark erlassen, beim zweiten 1.500 und beim dritten war der Kredit getilgt", heißt es zur Erklärung.

Was sich so familienfreundlich anhörte, war aber eigentlich nur eine sozialpolitische Maßnahme, die propagandistisch genutzt wurde, um die Überlegenheit des Sozialismus zu signalisieren, ergänzt die Autorin Antje Baumann im Buch.

Lexikon mit viel "ach Ja" und "au weia"

Von Eingabe, über Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), Palast der Republik, bis hin zu Vitamin B, Westpaket sowie den Warschauer Vertrag - immer wieder stellen sich "Ach ja"-Momente ein oder: "Nur gut, dass diese Zeit vorbei ist!"

"Mit der Schwalbe zur Datsche" ist eine kurzweilige Lektüre, angereichert mit alten Foto-Aufnahmen. Und da veraltete Wörter, genau wie Zeitzeugen, immer mehr verschwinden, sei dem Duden gedankt, dass er sich nun dem Ost-Vokabular angenommen hat.

Sendung: Inforadio, 14.09.2020, 15:55 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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29 Kommentare

  1. 29.

    ... auch in den Fahrtzielen und -richtungen. Wer am Berliner Hauptbahnhof steht und nach "Frankfurt" fragt, der kann ostdeutsch das in gut einer knappen Stunde nahegelegene Frankfurt (Oder) meinen oder aber westdeutsch das gut drei bis vier Stunden entfernte Frankfurt am Main.

    Bei mir ist "Frankfurt" nie ohne.

  2. 28.

    Icke weis, Identifizierung findet über die Sprache statt! Wenn mich Jemand fragt wo denn die nächste Kaufhalle ist, weeees icke wo der Mensch aufgewachsen ist! Gerade hier in Berlin zeichnen sich die Unterschiede im Sprachgebrauch ab!

  3. 27.

    Gab es sie denn nun, die DDR-Bürger, oder waren sie nur faktisch nicht existierende "DDR"-Bürger, irgendwo ein nicht zu bezeichnender Zwischenzustand, der nicht anders gefasst werden konnte, als durch die besagten Gänsefüßchen?

    Ein bezeichnender Umstand: Anfang der 1970er Jahre führte die Deutsche Bundesbahn in Großstädten anstelle der bisherigen Schalter Kundenzentren ein. Die umfassten sowohl Inlandsschalter als auch Auslandsschalter. Damit waren die komplizierten Fälle von den unkomplizierten Fällen geschieden und jeder wusste das auch. Nur gab es da ein Problem, was die, Verzeihung, ganze politische Schizophrenie im Umgang mit der DDR verdeutlichte: Fahrkarten für die DDR-Reichsbahn wurden bahnseitig selbstverständlich am Auslands-, nicht aber am Inlandsschalter geführt. - Warum auch?

    So hielten es übrigens sehr viele Dienstleister. Später wurde dann kleinlaut das Schild "Ausland" nachgebessert: DDR und Ausland. DDR ohne Anführungszeichen selbstverständlich.

  4. 26.

    Das ist wahr.

    Während der Adenauerzeit waren zwar die vorherigen Bundesdeutschen tendenziell prüder als ihre ostdeutschen Artgenossen, die die Freikörperkultur schon aus dem Verständnis der Arbeiterbewegung kannten, dennoch gab es diesen Begriff auch im so verstandenen Westen. Vitamin B könnte sogar im Westen entstanden sein und dann in östliche Richtung geschwappt sein.

    Was es in der DDR gab, nicht aber im vorherigen Bundesgebiet, war der Begriff des "Wohnraumbeschaffers". Damit waren sozusagen halbironisch Kinder gemeint, die das Anrecht auf eine Wohnung deutlich steigerten.



  5. 25.

    Doch, den Begriff abkindern gab es, aber eher scherzhaft-ironisch. So in der Art, wie man auch Gebäuden Spitznamen gab - St. Walter für den Fernsehturm (wegen des Kreuzes, das die Sonne auf der Kugel verursachte)...

  6. 24.

    Der Begriff Subbotnik stammt von russisch subbota = Samstag, subbota wiederum vom jüdischen Sabbat. Freiwillig-unfreiwillige aka ehrenamtliche Arbeitseinsätze gibt es wohl heute nicht mehr?

  7. 23.

    Was besseres als sich über sprachliche Fehler lustig zu machen, fällt Ihnen wohl nicht ein? Der Herr Stoll ist einer der höflichsten Kommentatoren hier. Auf Ihre vermeintlich bessere Bildung brauchen Sie sich nichts einzubilden, Herzensbildung fehlt wie es scheint.

  8. 22.

    Es geht in dem Buch um Vokabeln, die in der DDR erfunden und geprägt wurden. Daran ist weder etwas verherrlichendes, noch stellt es das geschehene Unrecht in Frage. Für Leute wie Sie, hat man übrigens nach 1990 auch eine Vokabel erfunden. Diese lautet: Besserwessi.

  9. 21.

    Was ein Blödsinn, von wegen ewig gestrig. Abgesehen vom unmenschlichen im nicht mehr existenten "realexistierenden Sozialismus" wollen Sie den Menschen auch noch das letzte bißchen ihrer Identität rauben? Es geht um nicht darum etwas zu verklären, es geht darum, ein wenig aus dem Sprachgebrauch zu bewahren. Wenn Sie das politisch auffassen, dann sollten Sie sich dringend fachlich versierten Rat einholen, der Ihre Irrungen hilft, klarzustellen.
    Gruß aus dem Westen.

  10. 20.

    Die Begriffe "Vitamin B" und "Freikörperkultur" waren (und sind) auch im Westteil Deutschlands gang und gäbe.

  11. 19.

    Auch im Westen gab es dieses Wort. Man konnte in den 60er Jahren ein sog. Ehestandsdarlehn beantragen und dies Dan ähnlich "abkindern".

  12. 18.

    Durch nochmaliges Lesen, und dazu sind Sie ja durch die bessere Bildung in der ehemaligen DDR bestimmt fähig, meines Beitrages könnte Ihnen auffallen, dass nicht von "dem Schrebergarten" die Rede war, sondern von "der Kleingartenanlage".

  13. 17.

    Der Begriff "abzukindern" war mir bisher vollkommen unbekannt. Ich habe auch den Ehekredit(1974) genutzt, um, die Anschaffungskosten zur Einrichtung unserer Wohnung zu stemmen. Was jetzt hinein gedeutet wird, kann man machen. Zum damaligen Zeitpunkt hat das Keinem interessiert. Man sollte solchen Begriff wie (Ehekredit) immer im Kontext der damaligen Zeit sehen.

  14. 16.

    Ich halte das für ungemein wichtig. Gerade weil Menschen in beiden deutschen Staaten, die jetzt auf bezeichnende Weise ein Staat geworden sind, im Zweifelsfall Missverständnisse aus dem Wege gehen können.

    Dann gibt es auch Begriffe, die gleich waren, aber doch ausgesprochen Unterschiedliches meinten: Im vorherigen Bundesdeutschland wurde unter organisieren vor allem Selbstorganisation verstanden, im ostdeutschen Staat betraf der Begriff eher die Staatsebene, dass man organisiert wurde.

    Mehr als im vorherigen Bundesdeutschland fiel nach meinem Verständnis der Sprachgebrauch des Alltags und die politische Ebene in der DDR auseinander. Das bürokratische Wortungetüm "Entflechtungsmittelzweckbindungsverordnung" entstammt zwar Nordrhein-Westfalen, der Begriff "Störfreimachung" aber meinte das absolute Gegenteil von dem, was der Begriff zunächst nahelegen würde; er bedeutete die Sperrung von Schienenstrecken zwischen der DDR und dem vormaligen Westteil von Berlin.

  15. 15.

    Wenn sozialpolitische Maßnahmen im Sozialismus "propagandistisch" sind, was ist dann das Fehlen äquivalenter sozialpolitischer Maßnahmen im Kapitalismus?

  16. 13.

    u. a. weil viele DDR-bürger davon ausgingen, ihre sozialen errungenschaften/sicherheiten würden geldumtausch und systemwechsel überleben. und weil man oft hinterher klüger ist - z. b. dahingehend, daß auch im westen nicht alles gold ist, was glänzt.

  17. 11.

    interessant, wie man ihre aussagen direkt auf das heute beziehen kann:
    "Es verherrlicht eine Zeit der Bespitzelung Andersdenkender ..." - und ich denke sofort an Verfassungsschutz oder den "goßen bruder" mit seiner NSA.
    "... der Morde an Menschen, die im besseren Deutschland leben wollten ..." - und hier an die tausenden flüchtlinge, die im mittelmeer ihrem schicksal überlassen werden (wenn schon kein mord, dann wenigstens fahrlässige tötung/tötung durch unterlassung, wobei die "push backs" und das zurückschleppen z. b. in küstengewässer vor libyen auch als beihilfe gewertet werden könnten.) und an die mehr als 100 morde an migranten und anderen, die nicht ins rechte weltbild passen, durch deutsche neonazis seit 1990.
    "... und der Mangelwirtschaft." - wo gab es gleich noch mal zu beginn der pandemie keine schutzausrüstung für medizinisches und pflegepersonal? und was noch gleich mit klopapier und nudeln?
    danke für diesen (unfreiwilligen) denkanstoß!

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