Der Regisseur Christian Petzold steht vor dem Delphi Filmpalast, in dem die Preview seines Films "Undine" anlässlich der Wiedereröffnung der Berliner Kinos gezeigt wird ()Bild: picture alliance/dpa
Audio: Inforadio | 14.09.2020 | Alexander Soyez | Bild: picture alliance/dpa

Christian Petzold wird 60 - "Heutzutage wird viel zu viel erklärt im Kino"

Sperrig seien die Filme von Christian Petzold, heißt es von Kritikern. Anlässlich seines 60. Geburtstags hat der Berliner Regiesseur mit Alexander Soyez darüber gesprochen, warum er seine Geschichten dagegen für "unkompliziert" hält.

2020 ist Christian Petzolds Jahr – nicht nur weil er an diesem Montag 60. Geburtstag feiert: Es gab gleich mehrfache Jubiläen. 20 Jahre nach seinem Kinodebüt "Die innere Sicherheit" feierte er im Februar mit seinem neusten Film "Undine" schon zum fünften Mal eine Weltpremiere im Berlinale Wettbewerb. Kurz darauf musste zwar erstmal der Kinostart wegen Corona verschoben werden - und er selbst eine Corona-Erkrankung überstehen. Aber dann setzte er mit seinem neuesten Film über eine moderne Meerjungfrau im Juli endlich ein erstes großes Zeichen für die Wiedereröffnung der Kinos – und in den letzten anderthalb Wochen ein weiteres als Jury-Mitglied beim Filmfest in Venedig.

"Undine" von Christian Petzold mit Paula Beer und Franz Rogowski
"Undine" von Christian Petzold mit Paula Beer und Franz Rogowski | Bild: imago images / Prod.DB

Petzold selbst wird oftmals als etwas sperriger, intellektueller Filmemacher interpretiert. "Ich kann ja nicht leugnen, dass ich ein paar Bücher gelesen habe. Aber das ist nicht das Wichtige. Das Wichtige ist, dass die Geschichten, die ich erzähle, einfach im selben Moment unkompliziert sind", sagt er selbst.

Ganz so einfach ist das allerdings nicht immer zu entdecken bei Petzold. Denn dieses "Erzählen im Jetzt", die "Leichtigkeit" und das "Fließen" seiner Geschichten versteckt sich in seinen Filmen, anders als wenn man ihm persönlich begegnet, hinter einer gewissen Bedeutsamkeit, hinter schwermütiger Nachdenklichkeit und komplexen Themen - und natürlich hinter dem Überbegriff seiner "Berliner Schule"-Vergangenheit.

"Eine nicht immer passende Schublade"

"Missverstanden fühle ich mich nicht", sagt Petzold. "Daran wäre ich dann ja selbst schuld. Wenn man missverstanden wird, kann man ja darauf reagieren. Ich fand es am Anfang allerdings manchmal nicht so einfach, als der Begriff 'Berliner Schule' aufkam. Der stammte ja nicht von uns, sondern wurde uns auferlegt [von der Filmkritik, Anm.d.Red.] und gleichzeitig wurde gesagt: Ihr macht sperrige Filme und habt wenige Zuschauer. In dem Moment, wo sich Frankreich und andere Länder für dieses Kino interessierten, wurden wir in Deutschland fertig gemacht. Das war eine nicht immer passende Schublade."

Bei aller Ernsthaftigkeit seiner Filme sollte man nicht die spielerische Begeisterung Petzolds vergessen, die ebenfalls Teil seines Schaffensprozesses ist. "Im Kino ist das genauso wie in den 'Simpsons', der Lieblingsserie meiner Familie. Die Kinder konnten das schon mit sechs Jahren gucken, und wir als 50- oder 40-jährige können uns auch davon begeistern und anregen lassen. So oder so ähnlich sollten auch Filme im besten Fall sein."

Alle Filme erzählen auch von Gespenstern

Und sie sollten etwas von Gespenstern erzählen, denn das ist sicherlich - neben der Schauspielerin Nina Hoss, die häufig bei ihm mitwirkt - der größte gemeinsame Nenner aller Filme von Christian Petzold. Seit Petzolds erstem Kinofilm vor 20 Jahren "Die Innere Sicherheit" über ein ehemals terroristisches Paar, dass im Untergrund lebt, erzählte er im Grunde immer wieder von geisterhaften Menschen. Ob nun in "Wolfsburg", "Yella" oder "Transit", seinem erfolgreichsten Film "Barbara" oder in seinem neusten "Undine" über ein in die Moderne geholtes Fabelwesen der deutschen Romantik - es sind Personen, die in einer Zwischenwelt leben und handeln. Warum? "Ich habe darüber natürlich auch oft nachgedacht", sagt Petzold. "Das ist bei mir sicherlich sehr deutlich, aber letztlich glaube ich, dass fast alle Figuren im Kino Gespenster sind, selbst Figuren, die nicht in den üblichen Gespensterfilmen auftauchen."

Schwäche für das Gruselkino

Natürlich sind es eher vergeistigte "Gespenster-Filme", die er macht. Aber auch für das klassische Gruselkino habe er eine große Schwäche, sagt Petzold. "Ich habe mich immer gern gruseln lassen. Das Kino, wie ich es entdeckt habe, war ja nicht das 'Literatur-Kino der 70er-Jahre' sondern eher Trash in einigen Fällen. Die Bahnhofskinos in Düsseldorf und Wuppertal habe ich geliebt und Filme wie 'Frankensteins Todesrennen' von Roger Corman. Leider ist diese Art Kino aber leider verschwunden, weil heutzutage viel zu viel erklärt wird im Kino.“

Nicht verschwunden aber ist Christian Petzolds Liebe zum Kino. Die ist immer noch so groß wie in seiner Jugend im kleinen Haan zwischen Düsseldorf und Wuppertal, das er vor fast vier Jahrzehnten für seine neue Heimat Berlin hinter sich ließ: "Das Wunderbare am Kino", so Petzold, "ist doch, dass wir durch die Dämmerung zu Fuß in ein Kino gehen, uns in eine anonyme Masse setzen und trotzdem etwas gemeinsames Erleben. Das Licht ist aus, wir sind da und wir sind gleichzeitig nicht da, sondern in dieser Leinwandgeschichte – wir sind unterwegs und gleichzeitig sind wir Träumer. Das ist für mich das Wunderbare am Kino."

Der Regisseur Christian Petzold wird 60

Beitrag von Alexander Soyez

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