Karim Daoud während der Fotoprobe zu Schwarzer Block im Maxim Gorki Theater in Berlin (Quelle: Imago Images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 07.09.2020 | Ute Büsing | Bild: Imago Images/Martin Müller

Theaterkritik | "Schwarzer Block" im Gorki - 100 Minuten Wumm

Die zweite Saison-Premiere des Berliner Gorki-Theaters sollte ein Zeichen gegen rechte Gewalt setzen - aus linker Aktivisten-Sicht. Doch "Schwarzer Block" ist eher ein undifferenziertes wütendes Traktat geworden. Von Ute Büsing

Kevin Rittbergers mäandernder Text "Schwarzer Block" setzt sich zäh und voller ermüdender Wiederholungen damit auseinander, welche Rolle militante Linke in der Bekämpfung von Nazis und Neonazis gespielt haben - und heute spielen könnten. Hausregisseur Sebastian Nübling macht aus der affirmativen, undifferenzierten Textfläche aus Aktivisten-Sicht 100 Minuten Wumm.

Das, coronabedingt spärlich im Parkett verteilte, Publikum sitzt im Gorki-Theater unter Kopfhörern. Aus Einflüsterungen von rechts und von links wächst ein gigantischer Soundschwall, gespickt mit Flugblatttexten, Täter- und Opferaussagen und platten Polit-Parolen. Anderthalb Jahre hat Autor Rittberger in der eigentlich verschlossenen militant linken Szene, aus der sich heute die sogenannte "Schwarzen Blöcke" rekrutieren, für das Konvolut recherchiert. Zunächst agiert das 14-köpfige multiethnische Ensemble des Gorki bei der Uraufführung am Samstag nur im Live-Film, aufgenommen im Foyer und im angrenzenden Container.

Der Schwarze Block bekommt Gesichter

Bei den weit in die Geschichte ausholenden Suchbewegungen nach dem "Schwarzen Block", nach anarchistischen Aufrührern in der Weimarer Republik, bleibt der Live-Film schwarzweiß. Warum gab es keine Einheitsfront von SPD und KPD gegen Hitler?, wird gefragt. Wer trägt die historische Schuld? Waren linke Gegenbewegungen nicht ebenso von toxischer Männlichkeit geprägt wie rechte Bündnisse?

Bei diesen Szene-internen Diskursen stehen etwa Rosa Luxemburg und Clara Zetkin gegen Ernst Thälmann. Das Gespenst des Schwarzen Blocks bekommt in der Inszenierung Gesichter, wenn auch oft mit Papierfetzen unkenntlich gemacht. Es spricht im "Ich" und will das "Wir". Ab 1980 wechselt das Krakelee - ein "Malewitsch illustrierendes Langgedicht" wie es im Programmheft heißt - zum Farbfilm und einzelne aus dem Ensemble treten auch live auf die Bühne.

Mit Von-Storch-Lookalike zum Klassik-Open-Air

Jetzt stehen Auseinandersetzungen um die Startbahn West und mit der NPD in Frankfurt am Main im Mittelpunkt. Vor allem ein Demonstrant aus dem Schwarzen Block, der von einem Wasserwerfer-Panzer überrollt und getötet wurde.

Kurz wechselt die Perspektive dabei zu einem unterbezahlten Polizisten. Als Individuum löst er (gespielt von Aram Tafreshian) sich aus dem Heer der Schlagstock bewehrten. Um doch nur eine völkische Fratze zu zeigen. "Staat! Nation! Kapital!" wird immer wieder skandiert. Text und Inszenierung sind von krassem Schwarz-Weiß-Denken geprägt, in Sachen historischer Korrektheit ist das wütende Konstrukt ein totaler Fehlschuss. Es sitzt ohne Zwischentöne und Stimmen aus der Zivilgesellschaft einer Ideologie auf.

Auch bei der berechtigten Kritik an der lückenhaften Aufklärung der NSU-Morde, obwohl in der vielstimmigen Textfläche auch einige der Opfer eine Stimme bekommen. Bengalos zünden, Wasserwerfer werden eingesetzt. Die Bühnen-Luft brennt. Eine Frau im Auto, die aussieht wie Beatrix von Storch von der AfD, drängt mit fremdenfeindlichen Parolen in den Vorhof der Festung Gorki – zeigt der Live-Film. Zum Schluss zieht der Schwarze Block bei der Uraufführung von dort Richtung Staatsoper, und verliert sich im Klassik-Open-Air. Eine Beballerung und Zumutung, ziemlich ermattend.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Die etwas andere Kritik und Kommentar zur Instrumentalisierung der Kunst
    Am Ende nur wieder eine Glorifizierung des "Schwarzen Blocks", der sich heute wenig von den schwarzen Truppen der SA unterscheidet. Wie sich die schwarze Uniformierungen gleichen. Natürlich steht heute der Feind rechts und nimmt den Großteil der Veranstaltung ein. Das Maxim-Gorki-Theater hat das gemacht, für was sie da sind: Theater.
    Letztlich aber nur eine Beballerung mit moralischen Keulen und eine Zumutung für die Zuschauer, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema "Schwarzer Block" erwartete.
    Ich hatte mich auf das Theaterstück gefreut, wurde aber ernüchtert in den Berliner Abend entlassen. Ziemlich ernüchtert.

  2. 1.

    Die Zeiten in denen ich gern ins Maxim- Gorki-Theater ging, sind lange vorbei.

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