Helge Schneider fährt am 06.09.2020 mit einem Fahrrad auf die Berliner Waldbühne. Am Schlagzeug sitzt seinen zehnjähriger Sohn, den er als Charlie the Flash vorstellte, auf dem Gepäckträger sitzt der Blues-Gitarristen Henrik Freischlader. (Bild: imago images/Carsten Thesing)
Audio: Inforadio | 07.09.2020 | Hendrik Schröder | Bild: imago images/Carsten Thesing

Konzertkritik | Helge Schneider - Wunderbar beknackt

Konzerte vor Autos oder Livestreams im Internet hatte Helge Schneider während des Lockdowns ausgeschlossen. Kaum sind Shows mit begrenzter Kapazität wieder möglich, eilte Helge in die Berliner Waldbühne, um seine neue Platte vorzustellen. Von Hendrik Schröder

Der eigentlich Star des Sonntagabends ist nicht Helge Schneider, sondern sein Sohn Charles. Künstlername: Charly the Flash. Schlagzeuger. Und: Erst zehn Jahre alt. Lange braune Haare wackeln unter seinem Schlapphut. Schüchterner Blick, rote Turnschuhe, so begleitet er seinen berühmten Vater das gesamte Konzert in der Waldbühne über an den Drums. Spielt zackig, jazzig, oft schön ungestüm. Ob bei der spontanen Jamversion von Smoke on the Water, den Klassikern "Meisenmann" und "Texas" oder den neuen Songs "Mama" und "Ich setz mein Herz bei Ebay rein" - der Junge ist einfach der Hammer. Und noch mal: Er ist erst zehn.

Elvis im Heidelberger Dom

Helge ist gut drauf an diesem Abend. Er kommt auf einem roten Klapprad auf die Bühne gefahren, die obligatorische Perücke auf dem Kopf, kariertes Sakko. Er spielt erst mal Songs vom neuen Album "Mama".

Zwischendurch erzählt er dieses herrliche Helge-Zeug, was bei keinem anderen lustig wäre und wo man nie so genau weiß: Ist das einfach Quatsch oder steckt da nicht doch ein bisschen Tiefsinn dahinter? Wie er als 14-jähriger Elvis Presley im Dom in Heidelberg getroffen hat und Elvis ihm vor dem Dom auf einem Klappplattenspieler seine neueste Single vorgespielt hat. Er imitiert eine Bundestagsdebatte ausschließlich mit Politikflosklen. Er tanzt wunderbar beknackt über die Bühne. Er macht diese unschlagbaren Lindenberg-Parodien. Er wechselt vom Klavier zur Orgel zur Gitarre zur Trompete zu einem kleinen Pling-Pling-Instrument, auf dem er eine fernöstliche Melodie spielt und etwas von Ayurveda zwischen Bielefeld und Paderborn erzählt. Virtuos, leichthändig, voller Freude. Helge, wie man ihn lieben muss.

Meisenmann und Sicherheitsabstand

Und trotzdem will dieser Abend keiner der explodierenden Lachflashveranstaltungen werden, die man manchmal mit ihm erlebt. Dafür ist die Szenerie in der Waldbühne einfach zu corona-bestimmt. Ein paar Tausend verteilen sich unter strengem Abstand auf eine Fläche, wo sonst 22.000 dicht an dicht sitzen und stehen. Im Publikum sind Junge, Alte, Kinder, mit Sitzkissen, in Funktionsjacken. Lächeln auf den Lippen. Aber es ist einfach anders als sonst.

Auch auf der Bühne ist weniger los: Eine ganz kleine Lichtanlage, zu Helge und seinem Sohn noch ein Gitarrist. Kein Serjeg Gleitmann, der im Ganzkörperstretchanzug rumhampelt, kein Teekoch Bodo, der sich von Helge zur Schecke machen lässt, kein Kontrabassist.

Aber was soll's. Es ist ein Anfang. Und Helge Schneider live zu sehen, ist immer schön. Und immerhin, ein Geheimnis hat er verraten an diesem Abend. Der Meisenmann, der legendäre, der mittlerweile mit Mund-Nasen-Schutz fliegt: Das war all die Jahre Helge selbst!

Sendung: Inforadio, 7.9.2020, 7 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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