Archivbild: Die Autorin Olga Grjasnowa <<Gott ist nicht schüchtern>>, (Aufbau Verlag) steht auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). (Quelle: dpa/J. Woitas)
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Interview | Olga Grjasnowa über Flucht und Vertreibung - "Wir reden viel zu wenig über Flucht"

"Gott ist nicht schüchtern" von Olga Grjasnowa eröffnet am Freitag die neue Spielzeit am Berliner Ensemble unter Corona-Bedingungen. Eine Geschichte über Flucht und Vertreibung aus Syrien. Ein Thema, über das viel mehr geredet werden muss, sagt die Autorin.

rbb: Frau Grjasnowa, am Freitagabend feiert Ihr Stück "Gott ist nicht schüchtern" Premiere am Berliner Ensemble. Wie sehr fiebern Sie dem entgegen?

Olga Grjasnowa: Ehrlich gesagt, sehr. Ich habe das Stück schon auf den Proben gesehen und es gefällt mir sehr gut bisher. Es war vor allem ein sehr langer Weg, von der ersten Textfassung bis zur Regiefindung überhaupt auf die Bühne. Die Proben wurden auch coronabedingt unterbrochen. Und jetzt hoffe ich, dass alles doch gut vonstattengehen wird.

Es ist die erste Aufführung am Berliner Ensemble nach dem Corona-Lockdown - jetzt mit Hygiene- und Abstandsregeln. Und Corona ist auch noch nicht überstanden. Viele Kulturschaffende wissen nicht, wie die nächsten Monate werden. Was überwiegt bei Ihnen angesichts dieser Umstände: eine große Euphorie oder eher eine gedämpfte Stimmung?

Je nachdem wie, aber ich glaube, dass das Hygienekonzept am Berliner Ensemble sehr gut und sehr ausgefeilt ist. Es gibt nur 200 Sitzplätze, die Sitzreihen sind sehr weit voneinander entfernt. Das Gute ist, man hat sehr viel Beinfreiheit. Man kommt mit einer Maske rein. Wenn man sitzt, kann man sie wieder abziehen. Man bekommt einen bestimmten Slot zugewiesen, wo man reingeht. Also ich glaube, das könnte schon klappen.

Und natürlich freue ich mich auch, dass es weitergeht. Es ist zum Beispiel bei ganz vielen Lesungen, die mir bevorstehen, überhaupt nicht klar, ob sie überhaupt stattfinden können. Für kleine Buchhandlungen ist das eine Katastrophe. Es ist gut, dass es jetzt weitergeht. Wir werden ja mit dem Virus noch eine ganze Weile lang weiterleben müssen. Und wir brauchen auch neue Konzepte, die wir dann jeweils ein Stückchen für Stückchen wieder anpassen können - an das Infektionsgeschehen, an das Publikum. Ich glaube, das wird sich auch noch mal von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat ändern.

Ihr Theaterstück am Berliner Ensemble lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf ein Thema, das in dieser Corona-Zeit ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: die Situation in Syrien und die Situation von Geflüchteten. "Gott ist nicht schüchtern" handelt von der gescheiterten Revolution in Syrien und der Flucht nach Berlin. Reden wir denn eigentlich viel zu viel über Corona und viel zu wenig über Syrien?

Ich glaube, man kann es nicht abstellen, dass man so viel über Corona redet, weil es doch unseren Alltag so verändert hat. Aber auf jeden Fall reden wir viel zu wenig über Flucht und wir reden auch viel zu wenig über die neuen restriktiven Gesetze, die in der Zwischenzeit erlassen wurden. Man kann heutzutage einfach viel mehr sagen. Auf der einen Seite kommen diese Märchen von der Lügenpresse und auf der anderen Seite "Man wird es ja wohl noch sagen dürfen". Ich bin in einem Staat aufgewachsen [Anm. d. Red.: Aserbaidschan in der damaligen Sowjetunion], wo man nicht viel sagen durfte. Wenn man das weiß, wird man sich auch nicht vor eine Kamera stellen und das groß verkünden, sondern man ist schon längst weg.

Als Sie "Gott ist nicht schüchtern" geschrieben haben, war das Thema gerade überall präsent. Ihr Roman erschienen 2017. Haben Sie dem Stück neue Aspekte hinzugefügt beziehungsweise es aktualisiert?

Das Buch beschränkt sich vor allem auf die syrische Revolution. Eigentlich das, was vor 2015 passiert ist. Einfach um noch mal die Strukturen aufzuzeigen und nochmal daran zu erinnern, dass es einen Grund dafür gibt, dass Leute flüchten. Als ich das Buch geschrieben habe, war das Thema allgegenwärtig, ich war 2015 schon fast fertig. Ich habe zwischen 2013 und 2014 angefangen, das Buch zu schreiben, weil ich mich in meinem vorherigen Buch mit dem Kaukasus beschäftigt habe. Mir war klar, dass es dort nicht zu einem "Arabischen Frühling" kommen würde wie in Ägypten oder in Tunesien.

Deswegen habe ich angefangen, mich mit Syrien auseinanderzusetzen und auch natürlich meiner eigenen Familiengeschichte wegen. Meine Großmutter ist damals vor der deutschen Wehrmacht in den Kaukasus nach Baku geflohen. Es hat fünf Jahre gedauert, bis sie dort ankam. Sie und ihr Bruder waren die einzigen Überlebenden einer einst riesigen Familie, und mich hat diese Geschichte immer wieder geprägt.

Als ich nach Deutschland kam, gab es diesen Satz "Nie wieder". Oder "Das lassen wir nie wieder zu", "Nie wieder Holocaust", was auch immer. 2015 dachte ich plötzlich: Gilt der Satz eigentlich noch? Wie lange darf er gelten? Und für wen gilt er eigentlich? Wir haben hier die ganze deutsche Exilliteratur, in der die Szenen beschrieben werden, wie Europäer versuchten, aus Europa rauszukommen. Auf einmal haben wir dieselben medialen Bilder, nur dass die Fluchtrichtung eine andere ist. Und auf einmal galt das alles nicht mehr, also praktisch das ganze Fundament der deutschen Nachkriegskultur, mit dem ich aufgewachsen war. Trotzdem haben wir noch über unsere europäischen Werte geredet. Das hat mich zutiefst fasziniert, wenn nicht gar verstört.

Macht Sie das auch wütend?

Es ist noch nicht mal mehr wütend. Dafür dauert das zu lange. Ich glaube, ich war auch einfach naiv am Anfang. Aber das Ding ist, wenn ich nicht selber durch eine kleine biografische Zufälligkeit Glück gehabt hätte, wäre ich heute einer von diesen Menschen, die versucht haben, nach Europa zu kommen. Das Einzige, was mir die Migration nach Europa erlaubt hat, war die Tatsache, dass meine Familie damals von den Nazis ausgerottet wurde, mehr oder weniger. Und nur aufgrund dessen konnten wir damals als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einreisen.

Mein Mann ist hier nur zufällig hängengeblieben. Aber im Prinzip unterscheiden sich meine Kinder, die diesen syrischen Hintergrund haben, durch nichts außer diesen kleinen deutschen Pass, der aus Pappe und Papier besteht, von den Kindern, die gerade auf einem Boot sitzen.

Ihr Mann ist Syrer. Sie haben sich beide in Berlin kennengelernt, und am Anfang, glaube ich, konnten Sie gar nicht richtig miteinander kommunizieren, weil er weder Englisch noch Deutsch gesprochen hat. Wie ging das?

Das frage ich mich mittlerweile auch, ehrlich gesagt. Wir haben damals überwiegend mit Google Translate versucht zu kommunizieren. Aber Google Translate war damals auch echt viel schlechter als es heute ist. Wir haben sehr viel Emojicons verwendet und irgendwie ging das. Mein Mann hat sehr schnell Englisch gelernt. Wenn man sich wirklich verstehen will, ist es keine Sache der Sprache. Das ist merkwürdig, dass ich das sage, weil ich eigentlich nur von der Sprache lebe. Mein Lebensunterhalt ist nur auf Sprache basiert. Und trotzdem ist Sprache nicht das Wichtigste.

Inwieweit hat die Begegnung mit Ihrem Mann das Buchprojekt "Gott ist nicht schüchtern" vielleicht sogar angestoßen oder noch weiter beeinflusst?

Ich glaube, ohne diese Begegnung hätte ich das Buch nicht geschrieben. Dann hätte ich mir wahrscheinlich irgendein anderes Thema ausgesucht. Auch dadurch, dass ich am Anfang nicht mit meinem Mann kommunizieren konnte, habe ich angefangen, möglichst viel über den Konflikt zu lesen. Damals gab es nicht allzu viel, vor allem wenn man kein Französisch oder kein Arabisch beherrscht wie ich. Und deswegen war das ziemlich schnell erledigt. Ich habe angefangen, Interviews zu führen. Und ich war sehr lange in der Türkei, in Griechenland und im Libanon unterwegs. Deshalb war es eher eine journalistische Recherche.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Olga Grjasnowa hat Nadine Kreuzahler für Inforadio geführt.

Der Text ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung. Das vollständige Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 03.09.2020, 10:45 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Dass Sie bewusst ausblenden, wie verbreitet gegen Assad demonstriert wurde u. gleichzeitig die damals nach Selbstbestimmung Strebenden als Vorstufe o. direkt als "IS" bezeichnen, ist menschenverachtend. Die Proteste waren heterogen, aber ihre Zielsetzung nicht. Dass Assads Gewalt Radikalisierungen begünstigte bzw. Radikale anzog, ist ein Teil, aber nicht der Hauptteil des Dramas um Syrien. Sie ignorieren ebenso, dass der "IS" zunächst im Irak erstarkte, Mossul war dessen erste eingenommene Stadt; sein Entstehen durch US-Interventionen im Irak begünstigt.

    Der Hauptteil des Leids liegt nicht allein in der Gewalt Assads oder des "IS". Die Weltgemeinschaft hat versagt. Man hat weggeschaut und tut dies noch immer. Völkerrechtlich legitim ist eine militärische Intervention zur Wahrung humanitärer Mindeststandards. Diese war die EU noch nicht mal gewillt in ihren Hotspots für Geflüchtete einzuhalten. Interventionen gibt es heute nur ökonomisch statt menschenrechtlich intendiert.

  2. 2.

    "Gott ist nicht schüchtern" empfinde ich als eine ziemlich ´steile´ Aussage bzw. These.

    Durch die Erfahrung der Frau Grjasnowa tatsächlich abgedeckt erscheint mir eher folgende Aussage:
    Liebe - oder einfach nur echtes Interesse - vermindert das Sprachproblem.

  3. 1.

    "syrische Revolution" Es gab keine politisch nennenswerte Bewegung die man in Syrien als "Syrische Revolution" bezeichnen könnte. Daher gab es auch keine Programmatik in dieser Richtung. Was es gab, war ein gewisser arabischer Elan, die klassischen arabischen Diktaturen loszuwerden. In Syrien war die "Revolution" dann der IS, der einen islamistischen Gottesstaat errichten wollte.
    Leider fragt sich die Dame nicht, was denn nun angesichts der gegenwärtigen Situation in Syrien werden soll, wo die Kurden im Norden und Assad fast den Rest, mit Hilfe Putins natürlich, und die Türken im Norden sich Gebiete aneignen wollen.

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