An der Außenfassade des Berliner Clubs Berghain hängt ein Banner mit der Aufschrift "Morgen ist die Frage" von der Künstlerin Rirkrit Tiravanija (Quelle: Noshe)
Audio: Inforadio | 04.09.2020 | Interview mit Karen und Christian Boros | Bild: Noshe

Interview | Kunstsammlerpaar Christian und Karen Boros - "Es gibt kaum einen Künstler, der sich nicht danach sehnt, nach Berlin zu kommen"

Seit März sind die Berliner Clubs dicht. Das Berghain wird nun umgewandelt: Das Sammlerpaar Karen und Christian Boros zeigt dort ab Mittwoch aktuelle Berliner Kunst. Im Interview erklären sie, wie und warum das "Studio Berlin" entstanden ist.

rbb: Viele – auch alteingesessene - Galerien – mussten coronabedingt schließen oder sind abgewandert, unter ihnen auch die drei großen Kunstsammler Friedrich Christan Flick, Thomas Olbricht und Julia Stoschek. Doch jetzt soll es leuchtende Zeichen geben. Die Berlin Biennale und die Berlin Art Week eröffnen. Und das Kunstsammler-Ehepaar Christian und Karin Boros eröffnet das "Studio Berlin" im Berghain. Was verbirgt sich dahinter?

Christian Boros: Ich möchte Ihnen nicht widersprechen, aber es muss doch klargestellt werden: Wenn international geschrieben wird, dass es mit der Kunstszene in Berlin schlecht steht, dann ist das einfach falsch. In Berlin leben zwischen 5.000 und 6.000 Künstler. Das ist ein so enormer Produktionsort weltweit. Es gibt kaum einen Künstler, der seit März, ob er in Paris, New York oder London sitzt, sich nicht danach sehnt, nach Berlin zu kommen und hier zu arbeiten.

Insofern ja, es gibt vielleicht drei Sammler, die gehen, dafür kommen andere. Aber die Kunstmetropole Berlin ist nach wie vor unglaublich aktiv. Und es ist auch ungerecht gegenüber den Künstlern, die hier arbeiten, zu sagen, dass die Kunstmetropole erodiert. Und genau das ist Thema unserer Ausstellung "Studio Berlin" im Berghain. Wir zeigen mit der Boros Foundation diese hoch vitale Produktionsstätte des Studios in Berlin.

Welche Idee steckt hinter diesem Projekt?

Karen Boros: Die Idee ist, den Fokus auf das Studio beziehungsweise die Produktionsstätte zu werfen, wo Künstler nicht nur arbeiten und malen, sondern eben auch denken, sich zurückziehen. In einer Zeit der Pandemie waren sie sicherlich auch sehr stark darauf zurückgeworfen und haben diese Zeit genutzt, um nachzudenken, um sich zu besinnen. Denn es sind ja auch viele Reisen zu Ausstellungsorten und Galerieeröffnungen abgesagt worden.

Wie viele Ab- und Zusagen gab es von Seiten der Künstler?

Christian Boros: Es hat mit der Anfrage des Berghains begonnen: Was können wir gemeinsam tun? Das Berghain war einer der ersten Clubs, die geschlossen haben. Und wir, die mit unserer Sammlung natürlich sehr enge Kontakte zu Künstlern haben, wussten, dass diese Tausenden von Künstler, die in Berlin leben, die sonst 80 Prozent ihrer Zeit im Flugzeug verbringen, weil sie entweder zu Messen oder Ausstellungen reisen, alle seit Wochen und Monaten da sind.

Das heißt, ganz viel wurde produziert, aber nichts konnte gesehen werden. Wir merkten, dass es den Künstlern nicht darum geht, irgendein Kunstwerk zu verkaufen, sondern es zu zeigen. All das funktionierte nicht mehr. Anfangs durften wir noch gar nicht sagen, dass es im Berghain stattfindet. Aber selbst ohne die Nennung des Ortes haben sofort alle zugesagt. Als wir später in der Lage waren, zu sagen, wir zeigen das im Berghain auf 3.500 Quadratmetern war die Begeisterung natürlich groß.

Es sind weltberühmte Namen dabei, wie Wolfgang Tillmans, Olafur Eliasson, Rosemarie Trockel und Isa Genzken. Aber es sind auch Künstler ohne Galerien, junge Künstlerinnen, die noch nicht so lange dabei sind, dabei. Es ist also eine repräsentative internationale Mischung von Künstlerinnen und Künstlern, die hier leben, hier nachdenken und vielleicht auch positive Signale für die Zukunft senden können, weil Künstler sind immer Vorreiter gewesen. Und wir brauchen in dieser Situation Modelle, wie man das Morgen neu denken kann.

Eine Besucherin in der Kesselhalle des Berghain (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Auf 3.500 Quadratmetern stellen die Künstlerinnen und Künstler ab 9. September ihre Kunstwerke aus Bild: dpa/Jörg Carstensen

Gab es irgendwelche Vorgaben?

Christian Boros: Es gab zunächst ein Minimal-Briefing mit den Künstlern: Wir wollen aktuelle Arbeiten zeigen. Wir wollen die Themen, mit denen ihr euch jetzt beschäftigt. Es ist im Prinzip ein Spiegelbild der jetzigen Situation. Ein Spiegelbild, was darstellt, was die Künstler und Künstlerinnen zurzeit beschäftigt. Dabei gab es ganz viele Paradigmenwechsel. Es gibt eine Künstlerin, die fotografiert normalerweise mit Tageslicht. Aber sie hat Kinder, die nicht mehr in den Kindergarten gehen konnten. Das heißt, die Fotografin musste sich am Tag mit den Kindern beschäftigen und konnte erst ab 22 Uhr, wenn es dunkel ist, anfangen zu arbeiten. Dabei ist eine ganz neue Werkserie entstanden.

Wie es für das Berghain typisch ist, gibt es – aufgrund der Corona-Verordnung – einen Türsteher. Wie läuft der Einlass ab?

Karen Boros: Wir hatten sehr früh schon mit dem Berghain überlegt, dass wir das Buchungssystem, das wir auch in der Boros Collection haben, auch hier anwenden. Und das kommt uns natürlich jetzt in diesen Zeiten von Corona sehr zugute. Also jeder, der Interesse hat, kann sich über die Website eine Führung buchen oder eben am Wochenende einen Time-Slot, um alleine durchs Berghain zu gehen. Es werden auch Mitarbeiter vor Ort sein, die angesprochen werden können, wenn man Fragen hat.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Karen und Christian Boros führte Barbara Wiegand, Inforadio.

Der Text ist eine gekürtze und redaktionell bearbeitete Fassung. Das vollständige Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 04.09.2020, 10:45 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Meine Frau und ich kommen gerade vom Event. Hauptdarsteller ist der Club, seine vielen Floors bzw. Spielwiesen. Hell erleuchtet die Darkrooms. Die Kunst tummelt sich drum herum und wirkt wie Statisten- oder Dekomaterial. Mainfloor extrem verschenkt. Kaum Spannung, schlecht gehängt, lieblos präsentiert. Nur von Bismarck bringst. Einige DJs und der Obertürsteher dürfen sich zeigen. Die Führung war o.k., aber durch den zu lauten Hintergrundsound schwer zu verstehen. Nicht alle Werke wurden angesteuert bzw. mit Anmerkungen bedacht. Am Ende, so ging es uns, waren wir froh draußen zu sein und der Langeweile zu entkommen. Geschmacklos selbstreferentiell!
    PS: WIr sind kunst- und berghainerfahren, kommen aus beiden Bereichen. Das war nichts. Es sollen halt Eintrittgelder mit dem Nimbus des Promiclubs und des Profisammlers genereriert werden. Das klappt. Gratulation!

  2. 4.

    genau das ist eines der Probleme von Berlin. Und von den Gegenden, wo diese Künstler dann weg gehen auch.

  3. 3.

    Herr Boros hat sich auf dem Bunker in der Reinhardstr (in dem ich in den 90ern tanzen war), ein luxuriöses Penthouse gesetzt.
    Das müssen ja Millionäre sein, sicher keine Berliner. Jetzt werden sie hier gefeiert, als ob sie die Retter der Kunstszene wären.

  4. 2.

    Künstler, die zu 80% ihrer Zeit im Flieger verbringen, dürften wohl durch Corona eher periphär beeinträchtigt sein. O.k., das Hihi und Bussi-Bussi fehlen. Der Jetset-Trubel auch. Oh, und die wilden Parties. Mist! Die angeblich eher unbekannten und noch zu protegierenden Kunstproduzenten werden mit diesem Event zu Profiteuren des Systems Kunstmarkt. Welcome!
    Das Joint-Ventura B&B ist eine Win-Win-Situation. Die Werbestrategen und Konsumprofis wissen was sie tun. Promisammler trifft Promiort und fertig ist der Mehrwertgenerator. Beeindruckend wie und was sich da die Hand gibt. Nicht ärgern – sondern wundern! Ich habe sofort Tickets gebucht.

  5. 1.

    Was denn nun? Ab oder bis 9. September?
    Fakten, Fakten, Fakten.... :-))

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