Archivbild: Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff bei einer Lesung. (Quelle: dpa/H. Galuschka)
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Audio: Inforadio | 14.09.2020 | Interview mit Joachim Meyerhoff | Bild: dpa/H. Galuschka

Interview | Joachim Meyerhoff über seinen Schlaganfall - "Ich hatte keinen Zweifel, was mit mir passiert"

Der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff hatte vor zwei Jahren völlig unerwartet einen Schlaganfall. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben. Im Interview spricht der Schaubühnen-Neuzugang über den Schock, die Corona-Zeit - und sein Herantasten an Berlin.

rbb: Herr Meyerhoff, Sie veranstalten jetzt wieder Lesungen nach der Corona-Pause. Wie fühlt es sich an, wieder vor Publikum aufzutreten?

Joachim Meyerhoff: Es ist wirklich sehr, sehr lange her, dass ich das gemacht habe. Auch Theater habe ich seit sechs Monaten nicht gespielt. Ich glaube, dass mich das Theaterspielen noch ein bisschen mehr verunsichern wird, wenn es wiederkommt. Weil man dann doch irgendwie eine Rolle ist. Das Lesen ist ja ein vertrauterer Vorgang. Aber Freilicht-Lesungen, wie jetzt in Friedrichshain, habe ich überhaupt noch nie gemacht.

Wie ging es Ihnen insgesamt? Wie haben Sie diese Corona-Zeit erlebt?

Zum einen bin ich aus Wien nach Berlin gekommen, das war auch ein Aufbruch. Ich hatte bereits eine erste Produktion an der Schaubühne, wo ich großartig aufgenommen wurde. Und nachdem das leidige Thema der Wohnungssuche irgendwie geschafft war und ich gerade angefangen hatte, mit [dem Regisseur und Schaubühnen-Intendanten] Thomas Ostermeier "Vernon Subutex" zu proben, kam der Lockdown. Das war bitter, weil man natürlich hier noch gar kein soziales Netz hatte. Mein kleiner Sohn ist fünf, das war wirklich nicht einfach. Dann sind wir aber irgendwann aufs Land, da war es dann schon besser. Aber ich bin wirklich keiner, der diese ganze Zwischenzeit idealisiert. Ich fand es wirklich mühsam.

In Ihrem neuen Buch schildern Sie, was Ihnen im Dezember vor zwei Jahren passiert ist. Sie saßen mit Ihrer Tochter am Küchentisch, machten Schularbeiten und von einer Sekunde auf die andere, wurde Ihnen im Grunde der Boden unter den Füßen weggezogen. Wie haben Sie damals eigentlich sofort gemerkt, dass Sie einen Schlaganfall erlebten?

Das habe ich mich auch gefragt. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich schon aus einem Arzt-Haus auch komme. Mein Vater war Psychiater, meine Mutter hat jahrzehntelang mit sogenannten Hemiplegie-Patienten gearbeitet. Also mit Menschen, die auch eine Halbseitenlähmung durch Schlaganfälle erlitten haben. Ich interessiere mich sehr für dieses ganze medizinische Zeug. Ich habe auch mehrere Rollen am Theater gespielt, die viel mit Medizin oder Ärzten zu tun hatten. Es lag nahe und ich hatte keinen Zweifel, was mir passiert.

Haben Sie sich im Nachhinein gefragt, ob Sie das nicht hätten ahnen können, dass Ihnen so etwas passiert?

Nein, ich habe das wirklich überhaupt nicht für möglich gehalten. Ich habe nie Drogen genommen, ich rauche nicht, ich trinke nicht übermäßig, ich bin nicht 120 Kilo schwer. Also da gibt es ganz andere Kandidaten. Die Gesundheit ist eben auch ungerecht. Wolfgang Herrndorf, mit dem sehr viel schlimmeren Schicksal seines Gehirntumors, hat einmal gesagt: "Willkommen in der biochemischen Lotterie". Ich habe einen sogenannten kryptogenen Schlaganfall erlitten. Also man weiß eigentlich nicht, was da der Grund war.

Sie haben 2011 den ersten Band dieser großartigen Serie "Alle Toten fliegen hoch" herausgebracht. Das waren immer auch sehr persönlich gefärbte Geschichten. In dem neuen Buch geht es auch um die eigene Verwundbarkeit. Sie haben auch etwas mit sich gehadert, ob Sie das überhaupt herausbringen wollen. Ist das richtig?

Ich wollte auf keinen Fall, dass es so eine Betroffenheit gibt mit dem Buch. Ich habe es vorab einmal in der Schaubühne gelesen und dem Verlag gesagt: Wenn sich da jetzt irgendeine große Betroffenheit breit macht und ich so ein ungutes Gefühl bekomme und auch die Komik, nach der ich ja immer suche, dieses Thema nicht erlöst, dann würde ich das Buch auch eventuell nicht veröffentlichen. Aber das war dann überhaupt nicht der Fall.

Beim Schreiben betrachtet man ja auch immer aus einer etwas distanzierten Sicht. Dann ist man schon wieder auf der sicheren Seite. Wäre es ein wirklich schlimmer Schlaganfall mit allen Konsequenzen gewesen, dann wäre das Schreiben gar nicht möglich. Dann wären Sie so beschäftigt mit dem Vorfall. Ich hatte das Glück, dass ich relativ zügig wieder von außen auf diese Ereignisse gucken konnte. In meinen bisherigen vier Büchern habe ich auch über Schicksalsschläge viel geschrieben, über Verluste und immer habe ich versucht zu ergründen, was ist das Komische? Wie geht das zusammen: Tragik und Komik? Und als ich dann darüber geschrieben habe, war es eigentlich nicht so anders. Dann ist man irgendwie doch auch Schriftsteller. Man verschwindet dann auch hinter der Geschichte.

Spätestens auf der 2. Seite geht es einem als Leserin so, dass man schon wieder anfangen muss zu lachen. Wie war das in der realen Situation? Hat der Humor Sie wirklich nie verlassen?

Nein, in dem Moment hat das natürlich überhaupt nichts mit irgendeiner Form von Ironiefähigkeit zu tun. Das macht so ein Ereignis ja auch so groß. Wenn man es erstmal nicht beurteilt, ob es positiv oder negativ ist. Wenn man nur in der Situation ist, nur in dieser katastrophalen Situation. Aber ich muss sagen, schon zwei Tage später, nachdem durch die Thrombolyse sich diese Blutgerinnsel aufgelöst haben, konnte ich auch schon wieder den Blick nach außen wenden. Da habe ich dann auch wieder Dinge erlebt, die ich durchaus abstrus fand. Ich würde nicht gleich sagen komisch, sondern eher grotesk, auch ambivalent. Ich konnte relativ schnell wieder anfangen, auch ein Beobachter zu sein.

Ihr Verhältnis zu Berlin scheint auch sehr ambivalent zu sein. Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie die Stadt als ein herausforderndes Pflaster erleben. Wie ist es Ihnen denn bisher hier ergangen?

Durch Corona hat die Stadt auch irgendwie ihre Fühler eingezogen und sich mir noch gar nicht wirklich gezeigt. Auch man selber musste ein Leben leben, wo man gar nicht so sehr mit dem Variantenreichtum und der überbordenden Lebenswelt von so einer Stadt in Kontakt kommen konnte. Ich würde mal sagen, es halten sich die Neugierde machenden Erlebnisse und die leicht verstörenden Erlebnisse die Waage. Ich habe so eine App an meinem Fahrrad, da kann ich dann beim Fahren einstellen 'gemütlich'. Und dann dauert eine Fahrt von Schöneberg nach Friedrichshain eine Stunde und das ist so etwas Tolles! Grandios. Also, ich bin dankbar für jede Ecke, die ich nicht kenne, und meine Neugierde auf diese Stadt ist wirklich ungebrochen.

In Wien haben Sie immer in der hintersten Ecke von so einem Backshop geschrieben, weil dort das WLAN so mies war. Haben sie in Berlin schon eine abgelegene Ecke zum Schreiben gefunden?

Bis jetzt habe ich hier nur meine Druckfahnen korrigiert. Das habe ich tatsächlich zu Hause gemacht. Ich fand das auch nicht sehr einladend, als über allem diese Corona-Glocke hing. Mich dann irgendwo einzeln hinzusetzen, habe ich bis jetzt nicht gemacht. Diesen optimalen, seltsamen Schreibplatz suche ich noch. Wien ist ja so schön. Da tat es mir sehr gut, so einen etwas räudigen Bäckerei-Hintertisch zu finden. In Berlin, was erst einmal etwas spröder ist in seinem Auftreten, hier, glaube ich, wäre es schön, einen romantischeren Schreibplatz zu finden. Irgendein Fenster ins Grüne.

Sie haben mal so schön geschrieben, "Berliner, die schreiben sich ihre Autogramme selbst". Die seien etwas kaltschnäuziger und man werde hier weitestgehend in Ruhe gelassen. Erleben Sie das jetzt auch so, wo Sie hier leben?

Ich bin ja jemand, der es nie darauf abgesehen hat, bekannt zu sein. Das hat mich wirklich nie interessiert. Und ich finde es hier sehr angenehm. In Wien hatte ich es tatsächlich zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. In Wien ist es so ein bisschen übergriffig, mit diesem Burgtheater-Schauspieler-Nimbus und diesem ganzen Zeug. Hier ist das, glaube ich, Wurscht.

Krankheit ist oftmals auch mit einem Stigma behaftet. Haben Sie beim Schreiben auch so eine Art Mission im Hinterkopf gehabt beim Schreiben?

Erst einmal war das auch eine Selbstrettung. Überhaupt die Freude darüber, wieder in dieses Schreiben zu geraten. Ich wusste ja gar nicht, ob ich meine Serie weiterführen würde. Nach diesen Lesungen, die ich in der Schaubühne gemacht habe, kam Thomas Ostermeier einmal und sagte, er finde, dass es auch ein sehr tröstlichen Text sei. Das hat mich eigentlich am meisten gefreut.

Es gibt um die 270.000 Schlaganfälle jedes Jahr. Auch juvenile Schlaganfälle, die jüngeren Menschen widerfahren, sind nichts Außergewöhnliches. Es geht grundsätzlich darum, was sind denn Schicksalsschläge? Wie kann man auch vielleicht sogar die Komik damit zusammenkriegen? Wie kann man sich überhaupt positionieren? Wie gerät man nicht in die Hoheit von so einer Diagnose, die einen bestimmt? Sondern wo ist man wieder man selbst? Das kann auch sein, dass man anfängt, Joggen zu gehen. Es kann sein, dass man mehr liest, dass man klassische Musik hört. Aber wo ist dieser Punkt, dass man etwas entgegensetzt zu so einem Ereignis?

Ich glaube wirklich nicht, dass Schlaganfallpatienten stigmatisiert sind oder sonstwas, dazu sind wir doch eine zu offene Gesellschaft. Aber ich glaube schon, dass man immer und immer wieder darüber erzählen kann, was es heißt, in so einer Gesellschaft in eine schwache Position zu beraten. Oder was es heißt, nicht die Kraft zu haben, in dem ganzen Spiel so mitzumischen für Momente.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Gesa Ufer für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie im oberen Bild auf den Abspielknopf drücken.

Sendung: Inforadio, 14.09.2020, 09:45 Uhr

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