Incitement (Quelle: Rabin Project)
Bild: Rabin Project

Jüdisches Filmfestival Berlin-Brandenburg 2020 - Viele Facetten Jüdischkeit

Das Jüdische Filmfestival bietet auch in Zeiten der Pandemie vielfältige und neue Einblicke auf Israel und auf das Judentum. Vom 6. bis 13. September findet es in Berlin und Potsdam statt. Wegen Corona sind viele Filme auch im Netz zu sehen. Von Kirsten Dietrich

Immerhin findet das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg auch dieses Jahr statt – keine Selbstverständlichkeit in Corona-Zeiten. Ein bisschen anders ist es dennoch: Kaum ein Regisseur oder Regisseurin kann zu den Filmpremieren anreisen, das ist schade. Und: das Festival zeigt seine Filme auch online – das ist wunderbar, findet Festivalleiterin Nicola Galliner: "Nach jedem Festival kriegen wir Anrufe von Leuten in kleinen Orten oder abgelegenen Gegenden in Deutschland, die fragen: wie kann ich die Filme sehen? Ich muss dann immer sagen: Sie können sie nicht sehen. Aber jetzt geht das."

Chinchitta (Quelle: missing Films)
Bild: missing Films

Nicht alle Kinos unterstützen ein hybrides Festival

Denn das jüdische Filmfestival ist dieses Jahr – auch so ein Modewort – hybrid. Soll heißen: Fast alles, was in einem Kino vor Ort läuft, ist auch im Netz zu sehen. 400 Onlinetickets pro Film gibt es. Allerdings hat das Festival durch das Streamingangebot auch langjährige Kinopartner verloren.

"Besonders in diesen Zeiten mit zunehmendem Antisemitismus und Rassismus sind unsere Filme wirklich sehr wichtig", sagt Galliner. "Wenn dann ein Berliner Kino nicht einsehen kann, dass es ihnen nicht schadet, wenn wir 400 Karten auch online verkaufen – dann sind diese Leute eigentlich nicht ernstzunehmen." Man hört Nicola Galliner deutlich an, wie entgeistert sie über die Absagen ist.

"Einfach die besten jüdischen Filme"

Das Jüdische Filmfestival will seit Bestehen vielfältige und neue Blicke aufs Judentum und auf Israel zeigen – eben "Jews with many views", Juden mit vielen Ansichten, wie das diesjährige Motto verspricht. Oder, wie Nicola Galliner sagt, "einfach das beste an jüdischen Filmen und die interessantesten israelischen Filme der letzten paar Jahre."

Diese Vielfalt ist immer auch politisch. Beispielhaft dafür ist der Eröffnungsfilm "Incitement", übersetzt: die Anstiftung, Israels Oscar-Kandidat aus dem letzten Jahr in der Deutschlandpremiere. Der Film zeichnet die Radikalisierung von Yigal Amir nach, der am 4. November 1995 den damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin erschoss, was letztlich das Ende des Friedensprozesses nach dem Osloer Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern bedeutete.

Aufgehetzt von nationalreligiösen Rabbinern

"Incitement" ist ein Spielfilm, in den immer wieder dokumentarisches Filmmaterial von damals eingebaut ist. Auf diese Weise begleitet man den jungen orthodoxen Jurastudenten Amir, wie er sich im Privaten immer mehr isoliert. Aber man wird auch an die erbitterten politischen Kämpfe der Zeit erinnert, in der sich jüdische Gegner des Friedensprozesses und palästinensische Attentäter auf schreckliche Weise ergänzen. Das sei ein Film, der auch für ein deutsches Publikum relevant sei, sagt Nicola Galliner. "Es gibt keine Einzeltäter. Diese Leute haben immer einen Hintergrund, ein Umfeld, sie kommen nicht aus dem Nichts, das sieht man in diesem Film ganz deutlich." Und sie ergänzt: "Ich fand das absolut erschütternd und bewegend."

Von wem die titelgebende Anstiftung zum Attentat kommt? Für den Regisseur von "Incitement", Yaron Zilberman, besteht da kein Zweifel: von national-religiösen Rabbinern. Für sie war Ministerpräsident Rabin ein "Rodef", ein Verfolger, der durch den Friedensprozess jüdisches Leben bedrohte, so dass er nach ihrer Auslegung der Religionsgesetze des Talmud schuldfrei getötet werden durfte. Die Kugel schoss Yigal Amir, die Waffe haben für ihn radikale Rabbiner geladen, so die Botschaft des Films "Incitement". Das ist manchmal ein bisschen arg plakativ, aber vor allem: aufrüttelnd und verstörend.

Kommunalpolitik als Leidenschaft - auch in Ramallah

Natürlich schaut das Jüdische Filmfestival auch auf das Israel von heute. Mit Spielfilmen und Dokumentationen geht es um Fragen wie Ehescheidung und die Rechte von Transgender-Menschen. Erhellend ist die Dokumentation "Mayor". Der Film folgt dem titelgebenden Bürgermeister von Ramallah, dem palästinensischen Regierungssitz im Westjordanland. Musa Hadid ist arabischer Christ in einer auch christlich geprägten Stadt – schon das ist eine überraschende Perspektive, sagt auch Festivalleiterin Nicola Galliner: "Ich war auch noch nie in Ramallah und habe mir das nie so absolut normal vorgestellt wie im Film." Genau deswegen läuft dieser im strengen Sinne nicht besonders jüdische Film auch im Festival: Um die palästinensischen Nachbarn auch in ihrer Sehnsucht nach Alltagsleben zu zeigen.

Bürgermeister Musa Hadid verkörpert diese Sehnsucht. Er liebt seinen Job: Kommunalpolitik sei toll, erklärt er ziemlich am Anfang Studierenden. Denn auch wenn die Leute noch sehr auf die Regierung schimpften, eine funktionierende Verwaltung wollen doch alle. Der Bürgermeister möchte tun, was alle Bürgermeister gerne tun: einen schicken neuen Brunnen einweihen zum Beispiel oder den zentralen Weihnachtsbaum der Stadt anzünden. Nur dass Ramallah eben eine Stadt unter Besatzungsrecht ist.

Electrifiers (Quelle: Vered Adir)

Träume von Versöhnung - und funktionierender Müllabfuhr

Was das heißt, zeigt der Film in Szenen voll absurden Humors: wenn etwa eine Besuchergruppe aus dem deutschen Bundestag von israelisch-palästinensischen Begegnungen träumt, während der Bürgermeister betont, dass er nicht mal über eine ordentliche Müllkippe selbst entscheiden kann. Aber auch wenn der Bürgermeister den Konflikt um die Besatzung nicht lösen kann: immerhin weiht er am Ende seinen Brunnen ein. Ein wunderbarer Film, leicht und doch ernsthaft – wie das ganze Programm des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg.

Sendung: rbbKultur, 06.09.2020, 19:04 Uhr

Beitrag von Kirsten Dietrich

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