"Das Grüne Haus" - Kindertheater nach Texten von Paula Dehmel im Schlossplatztheater Köpenick. (Bild: Maria Ossowski)
Audio: rbb Kultur | 27.09.2020 | Maria Ossowski | Bild: rbb/Maria Ossowski

“Das Grüne Haus” - Kindertheater in Köpenick - Von quatschenden Kohlköpfen und liebeskranken Brezeln

Vor mehr als einhundert Jahren lebte die Märchendichterin Paula Dehmel mit ihren drei Kindern in ihrem "Grünen Haus" in Berlin. Ihre Gedichte und Märchen sind topmodern, findet Maria Ossowski, die die Inszenierung im Schlossplatztheater Köpenick besucht hat.

Ein frecher, quatschender Kohlkopf mitten im Veilchenbeet, eine liebeskranke kleine Brezel auf Wanderschaft: Es ist eine unglaublich poetische, zauberhafte Welt, die Paula Dehmel in Gedichten und Märchen für ihre drei Kinder und alle Kinder geschaffen hat. Leise, Peterle, leise, das ist noch ein Wiegenlied, das die Älteren kennen - die Geschichten um Rumpumpel, ihren Sohn, ebenso.

Paula Dehmel hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kinderliteratur modern gemacht, ohne Zeigefinger und Erziehungsethos. Ihre Urenkelin, Regina Polensky, sitzt mit ihrer Enkelin im Publikum. "Rumpumpel war ja mein Großvater, der Peter, für den hat Paula ja viele kleine Gedichte geschrieben", sagt sie. "Die kenne ich aus meiner Kindheit und die habe ich auch meinen Kindern weitergegeben."

Die Dichterin kam aus einem musikalischen Haus

Paula Dehmel war verheiratet mit Richard, dem berühmten Dichter der "Verklärten Nacht" und ist seinetwegen zum Christentum übergetreten. Der Komponist Peter Schindler hat vor zehn Jahren zum ersten Mal Gedichte von Paula vertont. Bei Paulas Familie, den Oppenheimers, sei Kunst und Musik ganz klar angesagt gewesen, erzählt er: "Sie kam aus dem literarisch- musischen Haushalt mit diesem weltoffenen Vater, der Rabbiner war, mit dieser Mutter, die auch Klavier gespielt hat. Als sie den Richard Dehmel kennenlernte, das war so ein strammer, muskulöser, gut aussehender Typ, da hat sie ihn ermutigt, seinen literarischen Weg zu gehen."

Das HOR Künstlerkollektiv hat Briefe und Dokumente, Texte und Gedichte von Paula Dehmel zusammengestellt. Astrid Rashed und Mareile Metzner erzählen und singen die Märchen um arrogante Rosensträucher, die sehnsüchtige kleine Brezel und das sonnensüchtige kleine Mädchen mit großen Bällen auf der Bühne. Auf diese Bälle projiziert Videokünstlerin Gabriele Nagel alles: Wälder, Blumen, Prinzessinnen, Wolken und eben auch quatschende Kohlköpfe: Die ungefähr 20 Kinder in dem abstandsgerechten kleinen Saal des Theaters quietschen vor Vergnügen.

"Ihre Geschichten sind bis heute nicht moralisch"

Was macht Paula Dehmel auch heute noch, mehr hundert Jahre später, so witzig und cool für die Kleinen und auch die Großen? Peter Schindler denkt, dass die Dichterin mit ihren Geschichten die Kinder dazu eingeladen hat, ihre eigene Identität zu bewahren – ganz im Gegensatz zum Imperativ ihrer Zeit, in der Kinder immer vor allem für die Erwachsenenwelt gedrillt worden seien. "Ihre Geschichten sind bis heute nicht moralisch. Die begeistern locker ein Publikum von drei Jahren bis hundert."

Paula Dehmel wurde zu Unrecht vergessen – im Schlossplatztheater Köpenick kommt sie wieder zu Ehren. Peter Schindler könnte sich da allerdings noch mehr vorstellen: "Es gibt einige Richard-Dehmel-Straßen in Deutschland, aber nicht eine Paula-Dehmel-Straße, und auch keine Schule. Das wäre noch eine schöne Aufgabe: Eine Paula-Dehmel-Schule zu gründen."

Sendung: rbbKultur, 28.09.2020

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