Archivbild: Max Goldt liest wärend des 19. Literaturfestival des Vereins Erfurter Herbstlese (Quelle: imago images/VIADATA)
imago images/VIADATA
Audio: Inforadio | 09.09.2020 | Magdalena Bienert | Bild: imago images/VIADATA

Kritik | Max Goldt im Heimathafen Neukölln - Zugeschüttet und trotzdem lustig

Nicht gestreamt, live und echt: Der Heimathafen Neukölln hat am Dienstag wieder seine Türen geöffnet. Der Berliner Schriftsteller Max Goldt las "alte und neue Texte". Es war ein wilder Ritt durch Zeiten und Gefühlslagen. Von Magdalena Bienert

150 Plätze dürfen es nur sein, anstatt der üblichen 400, und auch die großzügig gestellten Tische mit den rot-goldenen Stühlen sind nicht mal vollständig besetzt. "Autsch" denkt man, und gleichzeitig auch: Juhu!

Endlich wieder andere Menschen bei einem richtigen Live-Event. Trotzdem ist die Stimmung verhalten, die Klimaanlage lässt es bloß nicht zu warm werden, Energie im Raum? Fehlanzeige. Als Max Goldt anfängt zu sprechen, merkt man, wie seine Worte in der vielen leeren Luft des hohen Saals vom Heimathafen Neukölln nach Halt suchen. Der Autor scheint auch noch nicht ganz angekommen in seinen Lesungen zu Corona-Zeiten. Obwohl er schon vor zwei Wochen im Pfefferberg gelesen hätte, sei er immer noch "vöööllig aus der Übung", sagt er kokettierend und setzt sich seine Lesebrille auf. Als würde einem Profi wie dem 61-jährigen Musiker und Schriftsteller das Lese-Talent abhanden kommen können.

Eine verwickelte Sache

Aber tatsächlich hadert Goldt mehrmals mit der coronabedingten, nicht vorhandenen Pause. Das würde ihm eine Dramaturgie erschweren erzählt er, und hakt bei seiner Lesung von vor zwei Wochen ein, wo es ihm vorgekommen war, als sei er mit einer "Schubkarre voller Texte" gekommen, die er "ins Publikum schmeiße" - das hätte ungeordnet gewirkt, aber er hoffe, dass es uns anders ergehen möge. Tatsächlich tut es das nicht: Ein roter Faden in seiner Textauswahl lässt sich nicht wirklich erkennen.

30 Jahre alte Texte treffen auf Comics und Kolumnen

Es folgen sehr kurvenreiche 80 Minuten von, wie angekündigt, neuen und alten Texten, aber auch von "Katz & Goldt", seiner Zusammenarbeit mit Comic-Zeichner Stefan Katz, die auch in der Titanic erschienen sind. Und dann gibt es eine absolute Premiere, erklärt der Wahl-Berliner: Er habe den folgenden Text vor 29 Jahren geschrieben, aber noch nie live vorgelesen. Der Text "Berliner Befremdlichkeiten" habe ihm seinerzeit, 1991, seinen ersten Drohbrief ("Aus Kreuzberg!") eingebracht - ach nein, es sei eher eine "Drohkarte" gewesen. Denn der Text, bzw. Passagen daraus "stören das Berliner Heimatempfinden".

Was dann folgt ist aber eher harmlos, schließlich ist den Ur-Berlinerinnen und Berlinern durchaus bewusst, dass sie manchmal nicht gerade freundlich wirken. Und dass "Westberliner" weniger berlinern, als im ehemaligen Ostteil der Stadt, ist längst auch keine Neuigkeit mehr. Dafür bekommen die "Zugereisten" aber auch ihr Fett weg. Max Goldt bezichtigt sie der "freiwilligen Apartheid", er kenne Leute, die seit zehn Jahren in Berlin wohnten und mit "keinem einzigen Eingeborenen je privaten Kontakt pflegten". Vor 30 Jahren eine schöne Stichelei, heute wirkt der Text dann doch eher so, dass niemand mehr einen Drohbrief schreiben, oder mailen würde. Lustig ist er trotzdem!

Ohne Gesang geht's nicht

Ob "die Berliner", ob kuchenbackende Kommunisten oder Kinder im Museum - Max Goldts Alltagsbetrachtungen- sowie beobachtungen, die er nicht selten auf die Spitze treibt, sind kurzweilig und live gelesen ein großer Gewinn. Und wenn man Glück hat, wird am Ende auch noch gesungen: in diesem Fall das dadaistische Stück "Ein Froschfilm wird gezeigt" von 2003.

Trotz ausgekippter Text-Schubkarre also ein gelungener Abend, der damit endet, dass Max Goldt am Büchertisch seine unzähligen Werke signiert, denn "ein Buchhändler hat sich in diesen schwierigen Zeiten aufgerafft" - danke auch dafür.

Sendung: Inforadio, 09.09.2020, 7:55 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Noch eine Anmerkung zur Person von Max Goldt. Verabredet man sich mit ihm zuhause, dann darf man eins auf keinen Fall, zu spät kommen.

  2. 3.

    Die Königin mit Rädern unten dran gibt ihr Stelldichein.

  3. 2.

    So so, Max Goldt ist also Wahlberliner (?). Max hat schon 1978 bei mir zur Untermiete gewohnt. Er ist ein ausgesprochener T-Rex Fan und bezeichnet“Spießertum“ heute als Kleinbürgerlich. Ja“die Königin mit Rädern unten dran“ gibt es noch und das ist auch gut so.

  4. 1.

    "Tun se Senf drauf!"

    Max Goldt

Das könnte Sie auch interessieren

Philharmoniker-Saisoneröffnung (Quelle: rbb/Ossowski)
rbb/Ossowski

Programm bis zum Jahresende - Schachbrettmuster in der Philharmonie

Der Kultur hat Corona besonders übel mitgespielt. Fünf Monate durften die Berliner Philharmoniker nicht vor Publikum spielen. Jetzt scheint sich die Lage zu bessern. Das Ausnahmeorchester hat nun die Pläne bis Ende des Jahres bekannt gegeben. Von Maria Ossowski

 

Jimi Hendrix bei einem Konzert im Berliner Sportpalast im Jahr 1969 (Quelle: dpa/akg-images)
dpa/akg-images

Zum 50. Todestag - So waren Jimi Hendrix' Konzerte in Berlin

Am Freitag jährt sich der Todestag von Jimi Hendrix zum 50. Mal. Insgesamt spielte der mit nur 27 Jahren verstorbene Sänger und Gitarrist vier Konzerte in drei Jahren im damaligen West-Berlin. Welche Spuren hinterließ der Gitarren-Gott? Von MC Lücke