Archivbild: Der Schauspieler Birol Ünel in Cannes. (Quelle: dpa/Abaca)
Video: Abendschau | 04.09.2020 | Christian Tietze | Bild: dpa/Abaca

Im Alter von 59 Jahren - Schauspieler Birol Ünel gestorben

Der Schauspieler Birol Ünel ist tot. Er starb am Donnerstag in Berlin an den Folgen einer Krebserkrankung. Bekannt geworden war Ünel vor allem durch seinen Rollen in den Filmen "Gegen die Wand" sowie "Soul Kitchen" von Fatih Akin.

Der Schauspieler Birol Ünel ist am Donnerstag in Berlin im Alter von 59 Jahren gestorben.
Das bestätigten am Freitag das Berliner Maxim Gorki Theater und der Regisseur Fatih Akin über eine Sprecherin.

Der Schauspieler war vor allem durch seine Rolle als Cahit Tomruk in dem Film "Gegen die Wand" (2004) von Fatih Akin bekannt geworden. Für seine Darstellung gewann er 2004 den Deutschen Filmpreis. Auch in dem Film "Soul Kitchen" (2009) arbeitete Ünel wieder mit Akin zusammen.

"Ruhe in Frieden, mein Freund", schrieb Regisseur Akin am Freitag auf seinem Instagram-Account. Und weiter: "Du hattest ein Licht in Dir, das mich immer überwältigt hat." Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) würdigte Birol Ünel als "großartigen Darsteller". "Unsere Gedanken sind bei seinen Angehörigen, Freunden und Kollegen, bei allen, denen er wichtig gewesen ist und die um ihn trauern", schrieb Müller in einer Mitteilung.

Ünel war ein Ausnahmeschauspieler, ein Suchender, der in seinem Leben immer wieder aneckte. Geboren wurde er 1961 im Süden der Türkei, als Sohn einer iranischen Mutter und eines aserbaidschanischen Vaters. Im Alter von sieben Jahren zog er mit seiner Familie in das Dorf Brinkum bei Bremen, wo sein Vater Arbeit auf einer Schiffswerft fand. Nach der Hauptschule machte Birol Ünel zuerst eine Ausbildung zum Parkettleger und arbeitete einige Jahre in dem Beruf. Er wurde deutscher Jugendmeister im Shotokan-Karate.

1982 begann er ein Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Dort lernte er die Technik des "Method Acting" - aus seinen eigenen Gefühlen und Erlebnissen zu schöpfen, um einer Figur Leben einzuhauchen. Schon während seines Studiums nahm Ünel bevorzugt Außenseiterrollen an, wurde schnell auf diese Figuren festgelegt. 1987 verschaffte ihm sein väterlicher Freund Thomas Brasch seine erste Filmrolle, Ünel spielte einen KZ-Häftling an der Seite von Tony Curtis in "Der Passagier". Früh hatte Birol Ünel den Ruf, ein schwieriger, impulsiver Kollege zu sein, er hatte immer wieder Ärger mit Regisseuren und anderen Schauspielern am Set. 1988 wurde sein Sohn Stanislav geboren. Ein Jahr später zog Birol Ünel nach Ostberlin und arbeitete dort wieder eine Weile als Parkettleger.

Birol Ünel 2004 in seiner Hauptrolle als Cahit in Fatih Akins Drama "Gegen die Wand" (Quelle: dpa / United Archives / kpa Publicity).
Birol Ünel in seiner größten Rolle - sie brachte ihm den Deutschen Filmpreis ein. | Bild: United Archives

"Wie ein Vulkan, der plötzlich ausbrechen konnte"

Ünel pflegte in Berlin seine Leidenschaft fürs Theater, Anfang der 90er inszenierte er im kaputten Kunsthaus Tacheles zwei Stücke von Kafka und Camus, in denen er selbst die Hauptrolle spielte. Frank Castorf war begeistert und engagierte ihn 1995 als rüpelhaften Siegfried für sein Stück "Die Nibelungen - Born Bad" an der Volksbühne. In dem Dokumentations- und Spielfilm "Das Todesspiel" (1997) spielte Ünel den palästinensischen Terroristen Captain Mahmoud, der 1977 die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführt hatte, nach Aussage des Regisseurs Heinrich Breloer "wie ein Vulkan, der plötzlich ausbrechen konnte". Die Augen schienen vor der Kamera und auf der Bühne immerfort zu glühen. Sein zerfurchtes Gesicht hatte etwas zu erzählen. Man glaubte ihm. Diese Intensität machte ihn 2004 in "Gegen die Wand" weltbekannt.

In Fatih Akins Drama spielte Ünel einen wilden, verlebten Typen. Seine Figur Cahit setzt ein Auto gegen die Wand und landet in der Psychiatrie. Mit Halskrause und Jogginghose raucht Cahit eine Kippe im Klinikcafé, es sind Bilder, die im Gedächtnis blieben. Er lernt Sibel (Sibel Kekilli) kennen, lässt sich auf eine Scheinehe mit ihr ein, damit sie sich von ihrer streng konservativen Familie lösen kann. Die beiden gescheiterten Selbstmörder verlieben sich.

Kekilli und Ünel harmonierten in diesen Rollen perfekt, sie zeigten beide eine herausragende Leistung. Zu den Dreharbeiten in der Türkei konnte Ünel erst, nachdem das türkische Parlament ihm kurz vor Abreise die Einreise ohne Sanktionen erlaubte. Er hatte keinen Wehrdienst geleistet und hätte riskiert, verhaftet zu werden.

Der Film gewann den Goldenen Bären der Berlinale, fünf Lolas und zwei europäische Filmpreise, ein riesiger Erfolg. Ünels Wucht wirkte lange nach.

Wo seine Karriere begonnen hat, da schließt sich sein Lebenskreis – in unserer Stadt. Die Film- und Theatermetropole Berlin trauert um einen faszinierend-einprägsamen Darsteller."

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) über Birol Ünel

Alkoholkrankheit und Schulden

Es ist oft zu naheliegend und kurz gegriffen, Schauspieler mit ihren Rollen gleichsetzen zu wollen. Birol Ünel aber scheint tatsächlich nicht weit von den Charakteren entfernt gewesen zu sein, die er verkörperte. Seine privaten Dämonen blieben stets Teil von ihm, untrennbar mit seinen Kunstfiguren verbunden. Bereits 2008 hatte er offen darüber gesprochen, alkoholkrank zu sein und Schulden zu haben. Er könne nicht mit Geld umgehen.

Schon am Set von "Gegen die Wand" war Ünel immer wieder betrunken aufgetaucht. Er bezahlte Behördenstrafen nicht, beleidigte Beamte, prügelte sich. Mehrmals landete er deshalb im Knast. "Die Leute wollen den Kaputten sehen. Den Kaputten, der auf Regeln pfeift und macht, was er will", sagte er 2014 der "Süddeutschen Zeitung". "Als ich mit meiner Trinkerei an die Öffentlichkeit gegangen bin, haben alle applaudiert." Er habe das bewusst bekanntgegeben und seine Haltung nie bereut.

"Mehr zu fühlen. Mehr zu sehen."

"Ich wollte nie ein guter Junge sein. Weder für die Öffentlichkeit noch sonst irgendwen. Ich bin einfach jemand, der seine eigene Haltung hat, der den Rausch in seinem Leben braucht", sagte er in dem Interview. Er sei überzeugt, dass es wichtig ist, ab und zu high zu sein. "Exzessiv zu leben. Mehr zu fühlen, mehr zu sehen." Manchmal zelebrierte Ünel diese Rolle auch, vielleicht war er aber auch einfach ehrlich.

2009 brillierte er als hyperaggressiver Szenekoch in Akins zweitem großen Kinoerfolg "Soul Kitchen". Danach wurde es stiller um ihn. Er landete kurzzeitig auf der Straße, hatte wieder große Alkoholprobleme, fand eine Wohnung im Neuköllner Reuterkiez, schaffte ein Mini-Comeback im Kinofilm "Back to nothing". Darin spielte er einen heimatlosen Großstadtnomaden, einen Verlorenen. Er sei ein Mensch, in dem "eine Unruhe wohnt", hat er einmal über sich gesagt. Nun ist Birol Ünel an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Sein Vorname Birol bedeutet soviel wie: Sei einzigartig.

Sendung: Abendschau, 04.09.2020, 19:30 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ja, "Gegen die Wand", ein sehr doppeldeutiges Motto, war auch für mich ein großartiger Film. Von Akin doch auch Ünel und Kilkelli. Schade, dass so ein Mensch leider nicht mehr vermochte, als ein recht authentisches Spiegelbild der Exzesse dieser Gesellschaft zu sein. Ich hätte ihm da noch etwas anderes gewünscht.

    In "Gegen die Wand" war für mich übrigens viel Lokalkolorit drin. Muss ich schon zugeben, dass ich den Film auch aus dieser Perspektive betrachtete.

  2. 7.

    Traurig. Er war eine ehrliche Haut und offenbar unbestechlich. Geld und Ruhm schienen ihm nicht viel zu bedeuten, Respekt dafür und für seine starken Leistungen als Schauspielter.

  3. 6.

    Sie haben ihn sogar auf der Bühne gesehen? Toll. Leider werde ich dieses Erlebnis nicht mehr haben.

  4. 4.

    Sehr, sehr schade. Ich fand ihn , sowohl auf der Bühne als auch im Film, einfach klasse!
    Grandioser Schauspieler! Heute Abend großer Birol Ünel DVD Abend!

  5. 3.

    :-(
    sehr traurig.

  6. 2.

    Kann ich nur bestätigen. Ich habe“Gegen die Wand“ gleich zweimal gesehen, weil sowas von gut.

  7. 1.

    Wie traurig! Was für ein geiler Schauspieler... In "Gegen die Wand" war er echt eine Wucht.

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