v.l. Armin Wahedi, Cynthia Micas, Marc Oliver Schulze in "Gott ist nicht schüchtern" am Berliner Ensemble (Quelle: JR Berliner Ensemble)
Audio: Inforadio | 05.09.2020 | Ute Büsing | Bild: JR Berliner Ensemble

Theaterkritik | "Gott ist nicht schüchtern" am BE - Schauplatz Syrien: Unbefriedigende Geschichten von Rückkehrern und Daheimgebliebenen

Der Kriegsschauplatz Syrien, Flucht und Vertreibung, sind aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden. Zum Saisonstart am Berliner Ensemble erinnert "Gott ist nicht schüchtern" nach dem gleichnamigen Roman von Olga Grjasnowa daran. Von Ute Büsing

Die Stückfassung von Olga Grjasnowas Roman "Gott ist nicht schüchtern" führt wie die literarische Vorlage zurück ins Jahr 2011, als der arabische Frühling in Syrien noch in den fröhlichen Kinderschuhen steckte. Die Schauspielstudentin Amal (Cynthia Micas) führt ein privilegiertes Mittelklasse-Leben und tritt sogar in einer Soap auf. Ihr Vater pflegt Kontakte zum Machtapparat. Sie genießt ihre Heimatstadt Damaskus. "Erst kommt der Kapitalismus, dann die Freiheit", glaubt sie angesichts von Gentrifizierungs-Tendenzen.

Ihr weniger begütert und vernetzt geborener Freund von der Schauspielschule, Youssef (Armin Wahedi), zieht sie zunehmend in die revolutionären Zirkel. Als aus Abenteuerlust und Kunstaktionen blutiger Ernst wird, bleibt sie dabei. Die Hoffnung auf Veränderung und der Wunsch nach Freiheit haben sie gepackt.

Nacherzählungsstarre statt emotionaler Tiefe

Auch Hammoudi (Marc Oliver Schulze) ist eigentlich ein Privilegierter. In Paris zum Schönheitschirurgen ausgebildet, will er in Syrien nur seinen Pass verlängern lassen – und wird nicht mehr raus gelassen. Immer verzweifelter werden die Telefonate mit seiner Verlobten an der Seine, während die syrischen Seinen fröhlich das Wiedersehen feiern. Schließlich bleibt der Arzt, wo man ihn braucht und flickt im Untergrundlazarett Verletzte zusammen. Aus dem Syrien-Aussteiger wird ein Frontkämpfer im weißen Kittel. Marc Oliver Schulze zeichnet die stärkste Figur in dieser Bühnenadaption als lebendes Fragezeichen.

Die Geschichten des Rückkehrers wider Willen und der Daheimgebliebenen werden am BE ineinander geschnitten und überblendet. Dichte und emotionale Tiefe bekommen sie aber kaum. Das vierköpfige Ensemble löst sich zu selten aus der Nacherzählungsstarre, auch wenn es die Rollen wechselt. Am häufigsten wechselt Oliver Kraushaar als Verhör-Beamter, Vater, General. Der Lesestoff wird in Laura Linnenbaums Regie auf Grundlage der mit Olga Grjasnowa erarbeiteten Stückfassung des Romans von 2017 nicht zum packenden Drama. Vielleicht auch, weil die Guten nur gut und die Bösen nur böse sind.

Seltsam kaltes Spiel macht ratlos

Was berühren müsste, lässt seltsam kalt: Überwachung, Verhöre, Folter, Ausschreitungen bei Demonstrationen, Radikalisierung durch Gotteskrieger, schließlich Vertreibung und Flucht und kalter Neustart in Berlin. Ein riesiges Gerüst bestimmt die Drehbühne (Daniel Roskamp). Auf einer Seite Treff-Ort mit "Habibi"-Leuchtschrift, auf der anderen Schau-Platz für ein Polit-Plakat des syrischen Herrscher-Clans der Assads, das im Verlauf der eine Stunde 45 Minuten Spieldauer zunehmend mit Parolen übersprayt, weiß gemalt und zur Klimax dann zerfetzt wird.

Das Gerüst spricht zum spärlich gesetzten Publikum, wie zu Beginn ein auf den Eisernen Vorhang projizierter filmischer Reigen von 51 Berührungen historischer internationaler Polit-Prominenz, meist Händeschütteln: Chruschtschow-Kennedy, Hussein-Chirac, Assad-Putin. Ohne das Programmheft hätten wir nicht gewusst, dass dies eine eigenständige Videoarbeit von Jonas Englert ist. Wieder so eine seltsam unbefriedigende Uraufführung in Zeiten von Corona. Eine, die richtig ratlos macht, gerade weil es wichtig ist, daran zu erinnern, dass in Syrien der Krieg weitergeht.

Sendung: Inforadio, 05.09.2020, 06:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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1 Kommentar

  1. 1.

    Deutschland ist sehr hilfsbereit aber alles hat Grenzen wir können nicht die ganze Welt retten

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