Ingo Hülsmann, Judith Engel, Martin Rentzsch, Gerrit Jansen und Veit Schubert bei der Fotoprobe des Theaterstücks Gott im Berliner Ensemble. (Quelle: imago images/C. Behring)
Audio: Inforadio | 11.09.2020 | Ute Büsing | Bild: imago images/C. Behring

Theaterkritik | "Gott" im Berliner Ensemble - "Iiiiich wiiiill nicht mehr leben!"

Ferdinand von Schirachs "Gott" geht der Frage nach, ob ein Arzt einer gesunden Patientin beim Suizid helfen darf. Am Donnerstag war die Uraufführung am Berliner Ensemble: schnarchiges Thesentheater ohne jede echte Ambivalenz. Von Fabian Wallmeier

"Iiiiich wiiiill nicht mehr leben", schreit Elisabeth Gärtner (Josefin Platt) plötzlich. Der Abend der Uraufführung von "Gott" im Berliner Ensemble ist da schon weit vorangeschritten - und dieses plötzliche Schreien ist der erste Ausbruch aus Ferdinand von Schirachs gediegenem Lehrstück, das BE-Intendant Oliver Reese genauso gediegen auf die zweckmäßig schmucklos eingerichtete Bühne bringt.

Man kann sich nun aber wieder zurücklehnen in seinem coronabedingt vereinzelten Sitz und dem tristen Treiben auf der Bühne weiter folgen. Denn dieses "Iiiiich wiiiill nicht mehr leben" bleibt der einzige Ausbruch. Und nicht einmal dieses einen hätte es bedurft, denn dass diese Frau sterben will und dass es ihr bitterernst ist damit, daran hatte nun wirklich niemand mehr gezweifelt.

"Gott" spielt auf einer fiktiven Sitzung des Deutschen Ethikrates, bei der ausgehend vom Fall der Elisabeth Gärtner das Für und Wider des ärztlich assistierten Suizids verhandelt wird. Den Hintergrund bildet dazu die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Februar dieses Jahres, derzufolge das Verbot der sogenannten geschäftsmäßigen Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstößt.

Elisabeth Gärtner ist kerngesund und geistig voll auf der Höhe. Sie hat aber vor drei Jahren ihren Mann verloren, qualvoll ist er an einem Hirntumor gestorben. Ein solches Schicksal will sie für sich selbst nicht - und vor allem: "Er ist weg und ich bin noch da - das ist nicht richtig." Sie streitet nun dafür, mit einem ärztlich verordneten Medikament aus dem Leben scheiden zu dürfen.

Minimum an Komplexität

In den zähen zwei Stunden dieser Tagung kommen zu Wort: zwei Mitglieder des Ethikrats, Elisabeth Gärtner, ihr Anwalt, ihre Ärztin sowie ein Mitglied der Bundesärztekammer, eine Rechtssachverständige und ein Bischof. Was sie von sich geben, sind brav heruntergebetete, auf ein Minimum an Komplexität reduzierte Thesen. Man wähnt sich mitunter im Debattierclub einer Highschool.

Das Ensemble müht sich redlich, von Schirachs verschnarchtem Thesentheater ein bisschen Leben einzuhauchen. Aber so sehr sich selbst Spitzenleute wie Josefin Platt, Martin Rentzsch als Anwalt, Judith Engel als Rechtssachverständige oder Veit Schubert als Bischof anstrengen: Die Figuren bleiben schrecklich schablonenhaft, die Dialoge und Monologabfolgen dröge und redundant.

Bettina Hoppe als Keller, Mitglied des Ethikrates, Josefin Platt als Elisabeth Gärtner, Gerrit Jansen als Vorsitzender des Ethikrates, Martin Rentzsch als Biegler, Rechtsanwalt, Ingo Hülsmann als Sperling, medizinischer Sachverständiger, Veit Schubert als Thiel, theologischer Sachverständiger und Judith Engel als Litten, Rechtsachverständige, v.l., während der Foto. (Quelle: imago images/M. Müller)probe für das Stück Gott im Berliner Ensemble, 8. September 2020. // Von Ferdinand von Schirach. Regie Oliver Reese. Bühne Hansjörg Hartung. Kostüme Elina Schnizler. Premiere ist am 10. September 2020. Berliner Ensemble

"Das ist in jedem Fall die Mehrheit"

Die coronabedingte Entscheidung des BE, auf Pausen zu verzichten, nimmt dem Abend dann das letzte bisschen Thrill: Bei "Gott" ist eigentlich eine tatsächliche Publikumsabstimmung darüber vorgesehen, ob man Frau Gärtner, wäre man Ärzt*in, das tödliche Medikament verabreichen würde - und nach der Pause die Verkündung des Abstimmungsergebnisses. Bei von Schirachs Riesenerfolgsstück "Terror", das Reese vor fünf Jahren in Frankfurt uraufführte und Hasko Weber gleichzeitig in Berlin am DT, war das anders. Da führte die Abstimmung darüber, ob es richtig war, ein Flugzeug abzuschießen, um einen Anschlag mit noch mehr Toten zu verhindern, immerhin zu regen Pausengesprächen.

Hier dagegen bittet nun der Ratsvorsitzende nur um Handzeichen, schaut hastig ins Rund und stellt lapidar fest: "Das ist in jedem Fall die Mehrheit." Spannungsaufbau geht anders. In Düsseldorf, wo "Gott" parallel uraufgeführt wurde, muss man das anders gehandhabt haben. Denn von dort verkündete die Website [gott.theater], auf der künftig die europaweiten Abstimmungsergebnisse der zahlreichen geplanten Inszenierungen des Stücks gesammelt werden sollen, noch am Abend ein konkretes Votum: 62,5 Prozent hätten Elisabeth Gärtner geholfen.

Keine echten Denkanstöße

Schlimmer aber als die Tatsache, dass die Abstimmung im BE nur so lieblos nebenbei passiert: Es ist nicht damit zu rechnen, dass sie jemals zu Ungunsten von Elisabeth Gärtner ausfällt. Denn während "Terror" zwar ähnlich bieder vor sich hin schnurrte, waren dort zumindest die Pro- und Contra-Argumente einander durchaus ebenbürtig, "Gott" dagegen schlägt sich so eindeutig auf die Seite der Bittstellerin, dass echte Denkanstöße weitgehend ausbleiben.

Elisabeth Gärtner ist die Sympathieträgerin, ihr Anwalt der engagierteste Redner, ihre Ärztin natürlich auch auf ihrer Seite. Die nüchtern, klar, aber leidenschaftlich argumentierende Rechtssachverständige hat die überraschendsten Argumente ("Tatsächlich gibt es keine Rechtspflicht zu leben.") - und selbst Ethikratsmitglied Keller (Bettina Hoppe) warnt zunächst zwar aufgebracht vor dem "Dammbruch", den eine Entscheidung zugunsten Gärtners mit sich brächte, schlägt sich dann aber vorläufig doch auf ihre Seite.

Martin Rentzsch als Biegler, Rechtsanwalt und Veit Schubert als Thiel, theologischer Sachverständiger, v.l., während der Fotoprobe für das Stück <<Gott>>, im Berliner Ensemble, 8. September 2020. Von Ferdinand von Schirach. Regie: Oliver Reese. Bühne: Hansjörg Hartung. Kostüm: Elina Schnizler. Premiere ist am 10. September 2020. Berliner Ensemble in Berlin Mitte. (Quelle: imago images/M. Müller)

Die argumentative Gegenseite teilen sich dann die zwei Antipathieträger des Abends, die noch schablonenhafter sind als die anderen: Da ist zum einen der Vertreter der Bundesärztekammer, ein arroganter Halbgott in Weiß, den Gärtner schließlich höchstselbst moralisch in die Schranken weist. Noch lachhafter ist der Bischof. Der doziert zunächst ziellos vor sich hin, antwortet auf die Fragen des Anwalts ausweichend, ätzt über die "Selbstverwirklichungs-Enthusiasten", die in diesem ihrem Drange "höchst unchristlich" seien - und verkündet, dass Leben eben auch Leiden heiße. Als der Anwalt ihn dann noch, sehr aus der Luft gegriffen, mit dem Verweis auf die Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester diskreditiert, ist die Figur des Bischofs endgültig zerstört - wird aber trotzdem noch quälend lang weiter bearbeitet.

Reese inszeniert all das brav und routiniert durch, ringt Schirachs Drama keine Zwischentöne ab und lässt die Schauspieler*innen ihre Texte plakativ abarbeiten. So bleibt "Gott" ein Abend ohne Raffinesse und ohne Höhepunkte. Vor allem aber: ohne jede echte Ambivalenz. Das ist bei so einem kontroversen und vielschichtigen Thema schon fast ein Kunststück.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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2 Kommentare

  1. 2.

    Als Kulturbanause kann ich zur Inszenierung nichts sagen. Dass aber offenbar die Legitimität des Wunschs zur Selbsttötung das Hauptfazit des Stücks ist, könnte an zweierlei liegen: Erstens, dass dieser Wunsch - vernünftig betrachtet - eben legitim ist. Und zwotens, dass außerhalb des BE dieser Wunsch ja schon lange massivst in die Illegitimität gedrängt wird. Man tritt dabei ebenso schamlos das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung mit Füßen, wie man die Opfer von Nazis und anderen aktiven oder passiven Mördern für die eigenen autoritäten Moralvorstellungen benutzt.

  2. 1.

    Meine Frage: Wenn sie nicht mehr leben will, was ihr gutes Recht ist, dies zu wollen: Warum kann sie selbst nicht Hand dabei anlegen? Jean-Paul Sartre hat, als er der Auffassung war, dass nichts mehr kommen könne, Freitod begangen.

    Es gibt den Schutz des Lebens vor Begierde eines Staates, die so bezeichneten "Lebensunwerten" aus dem Verkehr zu ziehen, bei Hintergrund des NS-Regimes. Eine persönliche und individuelle Verpflichtung zum Leben darf daraus m. E. nicht konstruiert werden, denn das wäre in meinen Augen nur exakt die spiegelbildliche Verkehrung.

    Ich denke, es ist - neben dem Irreversiblen an sich - genau diese Vermischung, die es Menschen so unendlich schwer macht, aus dem Leben zu scheiden, wenn sie es wollen.

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